hat die Krise nicht allzustark in Mitleidenschaft
gezogen . In der Stadt dagegen war die Arbeits¬
losigkeit bedeutend größer . Kapita . losigkeit , Unsi -
cherhcit der Existenzbedingungen , berufliche Un¬
fähigkeit der meisten Einwanderer usw . , tragen
hieran die Schuld . Im übrigen erläutert die Ge¬
genüberstellung der Einwanderer ^ ahlen und die
Quantität der zur Verfügung stehenden Geldmittel
die Arbeitslosigkeit am besten . — Besonders er¬
freulich aber ist , daß sich die palästinensiscke
Ware im Laufe der letzten vier Jahre immer
mehr durchgesetzt hat . Der Konkurrenzkampf zwi -
sen den Erzeugnissen Palästinas und den Ein¬
fuhrprodukten fremder Staaten ist heute zu Gun¬
sten der palästinensischen Eigenproduktion ent¬
schieden . Nach und nach vollzieht sich auch die
wirtschaftliche Eingliederung Palästi¬
nas in die Nachbarländer und die ersten , tasten¬
den Ansätze zu einer Ausfuhrpolitik sind gemacht .
Bedeutsame Priwleme , Anzeichen einer fortschrei¬
tenden organischen Entwicklung , sind weiter die
Ausnützung der Jordan - Wasserfälle , der Ausbau
des Hafens von Haifa und die Ausbeutung des
Toten Meeres — alles Ansätze zu einer wirt¬
schaftlichen Umwälzung größten Ausmaßes . —
Zum Schlüsse streifte die Rednerin die Frage
der finanziellen Unterstützung und stellte fest ,
daß die Mittel nach wie vor zu klein sind . Wirt¬
schaftskrisen sind nichts als natürliche Entwick¬
lungserscheinungen , die sich periodisch wiederholen
und die auch in Palästina in Zukunft nicht aus -
bleiben werden . Aber es wird eine Zeit kommen ,
wo die absolute Konsolidierung der Wirtschaft
Krisen nicht mehr aufkommen läßt - Mit einer Be¬
trachtung der zionistischen Bewegung als Ange¬
legenheit der gesamten Judenheit schloß der in¬
teressante Bortrag . —
Tie Zuhörer spendeten Frau Gerda Arlosoross
für ihre von frohem Optimismus getragenen Aus¬
führungen langanhaltenden Beifall , den Alfred
L e v i nochmals im Namen aller Anwesenden zum
Ausdruck brachte . Tas Schlußwort , in dem auch
die Rednerin zu den Anfragen von Hugo Da¬
vid s oh n und Hans Sternheim Stellung
nahm , weckte wiederum den Beifall der Anwe¬
senden . — ll . 8t .
Chaffidische ^ Legenden
Vortragsabend Emil Heh
Tie Welt des Chassidismus ist für den west¬
europäischen Menschen ein unbekanntes Land .
Und doch verlohnt es sich , einen Blick in die chassi -
dischen Kreise des Ostens zu werfen , die sich bis
auf den heutigen Tag ein merkwürdiges Eigen¬
leben bewahrt haben . Während die Ostjuden in
ihrer Mehrheit fest im Boden der Orthodoxie
wurzeln und nur durch das Gebet und den tradi¬
tionellen Kult ihr religiöses Verhältnis zu Gott
dokumentieren , ist für die chassidischen Gruppen
in erster Linie der Rabbi Mittler zwischen Mensch
und Gott . Ihm vertraut der Zadik seine großen
und kleinen Sorgen an , seinem Richterspruch
unterwirft sich die chassidische Gemeinde vor¬
behaltlos , unerschütterlich glaubt der chassidische
Jude an die geheimnisvollen Wunderkräftc feines
geistigen Führers . Diese übernatürliche Fähig¬
keit , sich mit den göttlichen Welten kraft höherer
Erleuchtung zu verbinden und sogar in das Welt¬
geschehen kinzugreifen , vererbt sich unter den Er¬
wählten innerhalb der chassidischen Judenheit von
ZUM 75JÄHRIGEN JUBILÄUM
des Kranken ~ Untersiützungsverem $
Der Stuttgarter Kranken - Unterstützungs -
Verein begeht , wie von uns bereits mit¬
geteilt , am 21 . April 1928 das Fest seines
75 jährigen Bestehens . Dieser Tag ist so
recht geeignet , den Blick in die Vergangen¬
heit zu richten ; derer zu gedenken , die
den Grundstein legten , den Bau ausführten
und sicherten , aus dem seit Jahrzehnten
reicher Segen floß für unsere Armen und
Kranken . Kein Bau aus Stein und Eisen
mit prunkender Fassade , aber ein geistiger
Bau , ein Tempel der Wohltätigkeit .
Ehrend gedenken wir der Gründer und
Führer des Vereins . Wir zeigen sie zum
Teile unseren Lesern im Bilde . Nicht alle ,
das ist leider nicht möglich .
Wie viele Erinnerungen erwecken diese
Bilder , denn noch ist die Zahl derer groß ,
die diese Männer persönlich gekannt , ihnen
die treue Hand gedrückt haben . Heute
dürfen wir unsem Kindern davon erzählen .
Wir wollen ihnen danken , danken von
ganzem Herzen . Dies kann und soll nicht
mit leeren Worten und mit flüchtiger Rüh¬
rung geschehen . Es genügt nicht , daß wir
ihren Manen ein frommes Gedenken weihen .
Wir sollen und müssen mehr tun . Wir haben
die Ehrenpflicht , ihr Werk zu stützen und
so in ihrem Sinne tätig zu wirken . Das
ist die rechte Art zu danken , zu ehren .
Beachte jeder den Aufruf in dieser Nummer .
Laßt die Bitte um Spenden nicht unge -
1 hört verhallen ! Dann wird der Segen , den
diese Männer gestiftet , weiter und immer
weiter wirken und auch für sie gelten das
| schöne Dichterwort :
Denn wer den Besten seiner Zeit genug
Getan , der hat gelebt für alle Zeiten .
M . O .
1 . Geh , Jdofrat ERNST EZ . PFEIFFER ,
Ehrenmitgl . d . Ausschusses 1898 — 1904
2 . Kirchenrat Dr . von WASSERMANN ,
Ehrenpräsident 1883 — 1892
3 . Kirchenrat Dr . von MAIER ,
Ehrenpräsident bis 1873
4 . Hofrat ADOLF LEV1 ,
Vorstand bis 1893
5 . SALOMON ELLINGER , "
Vorstand 1883 — 1898
6 . LOUIS KIEFE „
Ausschuß - Mitglied 1883 — 1894
7 . RAPH . NEUBURGER ,
Ausschuß - Mitglied 1853 — 1882
' 8 . G . SONTHEIMER ,
^ stellvertretender Vorstand 1883 — 1897
9 . DAVID NEUBURGER ,
Ausschuß - Mitglied 1883 — 1885
10 . Kom . - Rat HERM . ROTHSCHILD ,
Ehrenmitglied 1894 — 1901 . _
Geschlecht zu Geschlecht . Uraltes kabbalistisches
Geistesgut verschmilzt im Laufe der Jahrhunderte
zu geheimnisvollen Erzählungen und mit der
Zeit bildete sich um die großen Wunderrabbis des
Ostens ein bunter Kranz von Legenden . Es ist das
große Verdienst Dr . Martin B u b e r s , diese Le¬
genden gesammelt und in ausgezeichneter deutscher
Sprache der Nachwelt erhalten zu haben . Aus
diesen merbvürdigen Erzählungen las Emil Heß
vom Stuttgarter Schauspielhaus im Berthold
Auerbach - Verein einige ausgewählte Abschnitte
vor . Es las einleitend zwei ergreifende Kapitel
aus dem Legendenkreis um den Baalschem , „ Tas
dreimalige Lachen " und „ Das Rufen " . In ihnen
schwingen die geheimnisvolle Stimmung der chas¬
sidischen Wunderwelt , die traute Stille des Sab -
bathtages und das faustische Streben des Rab¬
bis , der aus eigener Kraft den Messias in die Welt
rufen will . Im zweiten Teil des Abends las
Emil Heß aus „ Der große Maggid " und „ Das
verborgene Licht " . Auch hier erschüttern die Un -
beldingtheit des chassidischen Glaubens an die
erlösende Sendung des Rabbis , bei dem auch der
Aermste Trost und Bruderliebe findet , und die
alles Lebende umspannende , voraussetzungslose
menschliche Güte . „ Gott wohnt da , wo man ihn
einläßt " , gibt der Rabbi einem Frager zur Ant¬
wort und kündet damit den Wesensinhalt des
Chassidismus überhaupt - Wohin auch immer der
Zadik seine Schritte richtet , überall fühlt er die
Gottverbundenheit des Erdenmenschen , überall
» veiß er sich als Träger hoher sittlicher Aufgaben .
Tie chassidische Gemeinde bildet so , trotz ihrer
mystischen Grundeinstellung , das Bild einer ver¬
geistigten , ganz dem Göttlichen hingegchenen
Gemeinschaft - Mit hervorragender Einfühlung in
den Geist dieser , uns modernen Menschen so fer¬
nen Welt , gestaltete Emil Heß Bubers chafiidische
Legenden mit gewohnter Sprechkunst . Ganz aus¬
gezeichnet traf er die von aller Zeitlichkeit gelöste
wundersame Stimmung chassidischer Erzählungen
und erntete von seinen dankbaren Hörern verdien¬
ten und reichen Beifall . H St .
Die Stellung der Frau nach dem
Talmud .
Vortrag von Rabbiner Dr . « ambergrr , « ttullgart .
Am 20 . des verg . Mts . sprach Rabbiner Tr .
Bamberg er , Stuttgart , im Rahmen des B ? rt -
hold Auerbach - Vereins über „ Tie Stellung der
Frau nach dem Talmud " .
Ter Redner erläuterte einleitend den Unterschied
in der Ansehung der Familie zwischen der
biblisch - talmudischen und der klassisch - heidnischen
Auffassung und stellte fest , daß die jüdische Fa¬
milie — die Mischpocho im weitesten Sinne des
Wortes — . zu allen Zeiten im Vcl . besitz des Selbst¬
bestimmungsrechtes war , während die Familien -
gemeinschast des klassischen Altertums in mehr
oder weniger willensmäßiger Abhängigkeit vom
Staatsgesetz lebte . Auch die jüdische Frau er -
fteute sich weitgehender Selbständigkeit , was ein
Helles Licht auf das Kulturniveau des jüdischen
Volkes wirft . Im Talnnch finden wir eine Reihe
glänzender Aussprüche über die Frau , die , im Ge¬
gensatz zu der Ueberschrvänglichkeit des mittelalter¬
lichen Frauenkultus , von einem tiefen , sittlichen
Ernst durchdrungen sind . —
Wenn auch im Talmud einige negative Meinun¬
gen über die Frau enthalten sind , so geht doch
aus einer ganzen Reihe von Aussprüchen klar her¬
vor , daß oie Geburt eines Mädchens mit durchaus
freudigen Gefühlen begrüßt wurde . - Der jüdische
Pater ist auch verpflichtet , für das Wohl seiner