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ausgeführt , ihre Wirkung zugleich aut die übrigen menschlichen Organe
aus , so dass die Wanderfahrten , zumalwenn manangeeigneterStelleein volks¬
tümliches Turnen veranstaltet , dem Turnen an Wert gleichstehen . An¬
dererseits aber haben Turnfahrten so mannigfache Vorteile vor dem Tur¬
nen voraus , dass man sogar lebhaft bedauern kann , sö viele Turnstunden ,
so wenige Turnfahrten zu haben . Wo anders als auf Turn fahrten kann
• man sich eher in frischer , gesunder Luft körperlich bethätigen ? Wo
anders als hier wird der Zweck des Turnens , den Stoffwechsel und die
Blutzirkulation zu befördern eher erreicht werden ? Durch die schwach¬
gewordenen Muskeln , die vorher nur geringe Blutmengen durchkreisten ,
zirkuliert jetzt , wo sie arbeiten , ein verstärkter Blutstrom mit grosser
Schnelligkeit . Er schwemmt die verbrauchten Stoffwechselproducte fort ,
an ihre Stelle treten neue lebenskräftige Zellen ; das nutzlose Fett macht
Muskelzellen Platz : aus dem schlaffen , weichen Fleisch wird stahlfestes .
Das Herz erhält durch die erhöhte Arbeit Zuwachs an Krait und Masse .
Die Lungen atmen die gesunde Luft viel tiefer ein und weiten den
Brustkorb . Auch die Sinnesorgane gesunden . Das Ruhebedürfnis des
überanstrengten Gehirns findet hier seine Befriedigung . Das Verlangen
nach Nahrung steigert sich .
Der reine und kräftigende Genuss der Fussreise ( die man freilich nicht
bis zur Erschöpfung ausdehnen darf ) , wird noch ausserordentlich erhöht
durch die Kräftigung des Gemeinsinnes , durch die veredelnde Wirkung
auf das Gemüt und die erhöhte Empfänglichkeit für Naturschönheiten .
G . Baur * ) schreibt hierüber : „ Vor allem kommt nur der Fussreisende
der Natur und ihren Schönheiten recht nahe ; nur er kann sich ihr völlig
hingeben ( auch der Radfahrer ? ! Anm . des Verf . ) . Aber auch dem
Menschen kommt er näher . Er kann sie eifrig beobachten in ihrer Ar¬
beit , in ihrer Not , in ihrem Genuss , und zu dem eingehenden Gespräche
mit den Begegnenden , welches das Geschehene erläutert und deutet ,
findet nur er Gelegenheit . Und wie die glückliche , heitere Jugend für
die bittende Armut Hand und Herz offen haben wird , so schliessen auch
ihre Herzen gegeneinander in innigerer Freundschaft sich auf , und es
bietet sich reichlicher Anlass in wechselseitiger Aushilfe und in der
Unterstützung der Schwächeren , diese Gefühle zu bewähren . Das freu¬
dig bewegte Gemüt aber findet seinen Ausdruck im Gesänge , welchen
der Erzieher nicht blos als Symptom einer wünschenswerten glücklichen
Stimmung begrüssen , sondern auch als Mittel diese Stimmung hervorzu -
* ) In der Encyklopädie des gesamten Erziehungs - und Unterrichts¬
wesens , herausgegeben von K . A . Schmid .