Nr 31 1884. Berlin, den 5. August. 3. Jahrgang.
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21. Levitt in Berlin.
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Die Erziehung des Volkes Israel. Von S. A. Frievberg.
Am Globus.
Der olle, ehrliche Lehmann. Von A. L^ '
Aus Lehrerkreisen. Von Julius Bach.
Juden in der englischen Armee. Von N.-Z.
Apologeten. VII. Von Aabb. Dr. Iriedländer.
Das Modell. Ans der „Ocstcrr. Wochenschrift".
Wochen-Ehronik. — Kalender. — Anzeigen. .,
Dir KrMmg i>rs Dslkrs Israel.
Betrachten wir die Geschichte der Völker des Altertums,
so crkenneii wir, daß in denselben die Trennung, die ungleiche
Stellung, ja die Unterdrückung der Menschen durch Menschen
mtc erschreckende Höhe erreicht hatte. Die Nnbrüderlichkeit
und Menschenverachtung waren überall heimisch. In Indien
und Aegypten waren die Menschen in bestimmt 'abgegrenzte
Klassen (Kasten) verteilt, in die sie durch ihre Geburt unwider¬
ruflich gebannt waren. Dadurch war von vornherein ihre
soziale Stellung bestimmt, so daß beispielsweise bei den Aegyp-
tcrn die Priester die vornehmste, die Härtest aber die niedrigste
Volksklasse bildeten. Und bei den, wegen ihrer' freiheitlichen
staatlichen Einrichtungen vielgerühmten Griechen und Römern?
Athen zählte eine klxine Anzahl Bürger, die allein frei waren,
während so viele geknechtete Unterthanen in drückender Armut
und Abhängigkeit lebten. In Rom fand stets der furchtbarste
Kampf zwischen den Patriziern und Plebejern statt. Letztere
waren steter Bedruckungen der ersteren ansgesetzt und kein
Amt von irgend welcher Bedeutung durfte ein Plebejer ein-
uehmen.
Was beabsichtigte nun aber Moses , dieser . Unwür¬
dige n ^ Re chtlosigkeit gegenüber, mit dem Volke Israel?'
Ein "VoU von völlig gleichberechtigten Brüdern wallte er
erziehen. Dahin zielen alle biblischen Vorschriften. Ein Volk
non Brüdern, in denen Liebe, völlige Rechtsgleichheit, der
Wegfall aller Kastenabteilung, ein unter alle Jamilien verteilter
Bodenbesitz, das gänzliche Verbat des Wuchers re. Glück,
Wohlsein und Wohlstand unter alle Glieder der Volkssamilie
verbreiten sollten. Alle pie großen Nebel, an denen Indien
und Aegypten, Griechenland und Rom krank waren und unter-
- gingen, wurden durch direkte Verbote verhindert, und als
die Verhältnisse einen. Priesterftand nötig machten, entzog
ihnen Mosetz allen Grundbesitz, verwies sie auf den frommen
Sinn des.Volkes hinsichtlich der Zahlung' vom. Zehnten. Ja,
damit auch nach, keiner Seite die Unterdrückung und Rechts¬
ungleichheit ftattfinde, wurden den Fremden ausdrücklich die¬
selben Rechte vzuerteilt und sie außerdem unter.den religiösen
Schutz aller gestellt. Den Verarmten wurde ein Recht zu¬
erkannt. Ihnen gehörten gewisse Teile der Ernten, der Nachlese
rc. Dies war das Ziel, welches Moses bei der Erziehung
des Volkes verfolgte, dies der Gedanke, der sich wie ein
roter Faden durch die Mize Gesetzgebung hindurchzog. Ver¬
folgen wir dies im einzelnen, so sehen wir, welche Spuren
davon die ganze Geschichte der Juden trägt. Um aber dieses
Ziel der völligen Gleichberechtigung zu erreichen, mußte zunächst
innerhalb des Volkes Israel die Sklaverei abgeschafft werden.
Daher beginnt die spezielle Gesetzgebung vor allem mit der
Vernichtung des Sklavendienstes (2. M. 21. 2.). Der Israelit
soll keines Menschen Knecht sein (3. M. 25. 42. 5>5.). Er
durfte daher nur in zwei Fällen seiner Freiheit verlustig
werden, nämlich wenn er sich wegen äußerster Armut selbst
verkaufte, oder wenn er gestohlen hatte und nicht im stände
war, das Gestohlene zu ersetzen, dann wurde er vom Gerichte
verkauft. Aber selbst in diesen beiden Fällen war er durchaus
nicht wirklich Sklave. Er hatte nichts weiter, als seine Arbeits¬
kraft auf einige Jahre vermietet. Er durfte nur sechs Jahre ^
dienen. Im Anfang des siebenten Jahres ging er ohne
Lösegeld frei aus. Im Jobeljahre ging er frei aus, und
wenn dies auch nur ein Jahr nach dem Verkauf gewesen
wäre. Soweit war der Verkauf nur eine Vermietung auf
eine bestimmte Anzahl von Jahren. Um nun aber diese
Freilassung nicht etwa dadurch illusorisch zu machen, daß der
Freigelassene sich wegen Armut gleich wieder verkaufen möchte,
war es Pflicht des Herrn, ihm ein Geschenk, von Schafen,
Getreide und Wein mitzugeben und im Jobeljahre siel sein
Familiettgut ohne Lösegeld an ihn zurück. Wem es nun im
Haute seines Herrn gefiel, der durfte allerdings weiter dienen.
Er mußte, aber darüber vor Gericht eine Erklärung abgeben
und sich das Shr mit einer Pfrieme durchbohren lassen. - Im