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Nr. 31.
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-aus den Händen der Münchener m Empfang nahm, d?n
Juden zu. Was yon all' dieser antisemitischen Mache zu
halten ist, lehrt ein Bericht des gewiß nicht philosemitischen
„Reichsboten", in dem es n, a. heißt:
„Die Angaben, die in einem antisemitischen Flugblatt
über die Heranziehung jüdischer Geschäftsleute verbreitet wurden,
sind übertrieben.' Auch die Angabe, daß die Darstellerin der
Königin Luise im Festzug eine Jüdin war, ist antisemitische
Erfindung. In diesen: Fcstzuge sollte der Turnverein „Vor¬
wärts^ der ziemlich viel jüdische Mtglieder enthält, mit
einem Sportwagen die Schlußgruppe bilden- hinter der Fest¬
gruppe der Lützower. Unsere Antisemiten planten nun, sich
bald zu Beginn des. Zuges in denselben einzudrängen und
den „Vorwärts" abzuschneiden. Der Festäsisschuß bekam
jedoch Wind davon und änderte im letzten Augenblick die
Zugordnung dahin, daß der „Vorwäres" vor die Lützower
kam, wodurch der antisemitische Anschlag vereitelt wurde.
In den Kreisen auch der nicht gerade philosemitischen Bürger¬
schaft fand das Benehmen der Antisemiten, welche sich von
Mitarbeit fern hielten und dann die ausopfe-
hinterrücks zu stören suchten, ein-
Auch der als gut konservativ bekannte
Mrßl v. Scudcwitz soll seinem Unwillen darüber
schärskn Ausdruck gegeben haben."
„Fortschritte" der Konservativen.
.Trotz dieser und ähnlicher Absagen an die Ahlwardtianer,
macht sich in.konservativen Kreisen der „Fortschritt"- -in echt
antisemitischem Sinne immer mchr geltend. So bringt die
neue Auslage des „Konservativen Handbuchs" zum ersten
Male offen die Aufforderung: „Kaust nicht bei Juden!" In
einem neben Abschnitt des Artikels „Antljemitismus", der in
der Ausgabe von 1892 noch fehlte, wird ausgeführt:
„Die Deutschen sollten grundsätzlich keines der zahlreichen
jüdischen Geschäfte in Nahrung setzen, von denen es notorisch
sei, daß sie ihre Arbeiterinnen aus den Weg des Lasters ver¬
wiesen; wenn es in der Judenfrage eine „Schmach" gebe,
so liege sie in der Thatsache, -dgß deutsche Frauen und
Männer der' höchsten Kreise sich nicht scheuen, solche Geschäfte
zu betreten. Man muffe aber auch denjenigen Juden gegen¬
über Zusammenhalten, die s i ch. i n i h re m b tt r g e rl ich en
und .geschäftlicheu Leben nichts zn Schulden
kommen lassen. Der christliche Deutsche sollte unbeirrt
auch im. geschäMchen Leben in' erster Änie seines Gleichen
unterstiitzen."
* *
*
Die Gründung Böckels.
Hierzu bietet-sich, wenigstens auf journalistischem Gebiete,
den Konservativen jetzt die schönste Gelegenheit, da demnächst,
vermutlich um einem längst gefühlten Bedürfnisse abzuhelsen,
eine neue antisemitische Tageszeitung hier erstehen soll. Nach
der „Post" soll die geplante Gründung mit der Entwicklung
der Bewegung- im Lande und im Kreise.Zusammenhängen;
man will Berlin zum' Ausgangspunkte eines netten Angriffs¬
planes wählen. .Und da außerdem Dr. Böckel seine Druckerei
von Marburg hierher verlegen will, jo soll sie hier ein anti-
semitisches Aktienunternehmen sein und außer der Herstellung
der neuen Zeitung alle antisemitischen Drucksachen übernehmen.
Die Tageszeitung ist gedacht als ein zweimal täglich erschei¬
nendes, billiges Blatt, das in der Hauptstadt sowohl wie in
der Provinz die „Gesinnungsgenossen" sammeln und neue
Anhänger werben soll. Mit den hier bestehenden Zeitungen
„Freideutschland", dem „Bundschuh" und dem „Antisemitischen
Generalanzeiger" denkt man ein Abkommen zu treffen, das
diese Zeitungen in das neue Unternehmen ausgehen läßt.
Der Gedanke fand am. 24. Abends in einer zahlreich besuchten
Vorbesprechung durchweg Anklang. -
Die wahren Motive für das- Verhalten des Herrn Böckel
sind natürlich gänz Mdere. Für ihn handelt es sich lediglich
darum- ein Geschäft zu machen. Mit dem Gedanken,. seine
Druckerei nebst Reichsherold in ein Aktienunternehmen um¬
zuwandeln, trägt er sich seit längerer Zeit und hat große An¬
strengungen gemacht, um die hessischen Bauern für die „Grün¬
dung" zu gewinnen, Diese sind aber dem Führer nicht" auf.
den Leim gegangen, und so dreht denn Herr Böckel Mar¬
burg. den Rücken und versucht sein Glück in der Reichshaupt¬
stadt. Einige gleichgesinnt* Herren haben sich, rasch gesunden:
Ahlwardt, Bodeck und Böckel bilden das Gründer-Triumvirat,
und so kann denn das Werk des ^praktischen Antisemitismus"
mit vereinten Kräften fortgesüh'rt werden.
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Die Juden in Rumänien.
All' diese Vorgänge sind jedoch nichtig im Vergleich mit
den VersolmuMn, denen unsere Glaubensgenoffen in Rumä¬
nien ausg^etzbstnd. Eine kleine Broschüre des österreichischen
Abgeordneten Dr. Bloch, „Akten zur Judensrage in Rumä¬
nien" betitelt, hat die Aufmerksamkeit weiter Kreise aus die
Unglücklichen gelenkt. Es wird in- dem Schristchen an die
Rede erinnert, die der Domünenminister Rumäniens, Peter
Earp, am 16. Februar 1893 in der Teputiertenkaminer
gehalten hat, als anläßlich der Debatte über das neue Schul¬
gesetz die Judensrage aufgeworfen wurde.
„Was sollen wir mit den Juden machen?" fragte der
Minister. „Was die Naturalisation betrifft, so naturalisieren
Sie sie ja nicht; von der Politik haben Sie sie weggedrängt;
der Jude wird gezwungen, in das Heer einzutreten, um so
seine Blutsteucr zu entrichten, aber was das Avancement
betrifft, so laffen Sie ihn nicht avancieren. Nichtsdeftoweuiger
beklagen Sie sich, daß wir vom jüdischen Element nieder¬
gedrückt sind; Sie sagen, daß unsere Nation in Gefahr steht.
Ich sage, die Nation wird in Gefahr sein, wenn Sie nicht
so arbeiten wollen, wie die Juden. Hierin liegt die Lösung
der Judenfrage. Seit Jahrzehnten haben wir nichts als
Maßregeln gegen die Juden ergriffen, nichts gethan, als uns
gegen sie verteidigt, ohne durch diesa. Maßnah,nen zu einem
praktischen Resultat zu gelangen. Die Erfahrung des Ver¬
gangenen belehrt Sie in nichts. Sie haben sie (die Juden)
in der Donau ertränkt; Sie hgben mit ihnen gemacht, was
Sie nur wollten." —
Und was war der Erfolg dieser Worte? Haben diese
Peitschenhiebe etwas genützt? Nichts. Die Lage der Juden
in Rumänien hat sich nur in einem verändert: — sie ist eine
womöglich noch schlechtere geworden. Den Juden in Rumä¬
nien gegenüber ist einfach alles erlaubt, denn die allgemeinen
Rechtsgrundsätze haben für sie zumeist einen beschränkenden
Nachtrag. Durch den Berliner Vertrag hat. Rumänien seine
Soüveränetüt erhalten; die hat es großmütig eingestrichen.
-In demselben Vertrage ist aber auch von der Gleichstellung
der verschiedenen Religionen die Rede; nach der Beziehung
hin hat man den Vertrag großmütig — hintergangen. Den
Religionen hat man alles gebührende Recht zuerkannt, nur