Kamburg.
Nr. 1.
2. Jahrgang
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Lhaimka, Meihnüchten, Neujahr.
Jehuda Halewi, der um 1086 geborene Alt-
caMianer, bildete den Glanzpunkt seiner Zeit. Mächtig
bat Heine dessen Popularität gefördert, der ihn im
Romanzero mit den Versen besang: „Rein und wahr¬
haft, sonder Makel war sein Lied wie seine Seele."
Doch nur eine Seite des vielbegnadeten Mannes
rühmte Heine, nur den Lorbeer der Poesie wand er
ihm um die Stirne, nur den Sänger pries er. Aber
wie ein vollendeter Dichter, war Jehuda ein geistvoller
Denker auch. Das Schwesternpaar Poesie und Philo¬
sophie lebten gemeinsam in seiner Brust. Das Ver¬
hältnis des Judenthums zu Christenthum und Islam
suchte er klarzustellen und er that dies in seinem
unsterblichen, dialogisch abgefaßten Buche „Cosri". Der
Name und Gedankenbau des Buches ruhen auf folgendem
Grunde: „König Bulau beherrschte das zwischen dem
schwarzen und kaspischen Meere lebende Chazarenvolk.
Im gewohnten Heidenthum fand sein gereifter Geist
keine Befriedigung mehr. Er suchte in Disputationen
mit Bekennern des Christenthums und Islams Be¬
lehrung über diese Religionsformen. Erst als er ge¬
wahrte, daß sich beide 'auf die Lehre Mosis stützten,
wendete er sich an einen Juden, der ihn belehrte und
bekehrte. So entstand im 10. Jahrhundert das jüdische
Reich der Chazaren, das sich etwa drei Jahrhunderte
erhielt. Die Disputationen der Anhänger der drei
Religionen benützte Halewi zum Ausgangspunkt seiner
tiefgehenden Betrachtungen.
Ob dieser Triumph des Judenthums vor etwa
tausend Jahren dessen Antagonisten verbitterte, gegen
die Juden aufreizte, zu Gewaltacten Anlaß gab, wird
in den Annalen nicht berichtet. Freilich war die Welt
damals noch weit zurück, die Cultur mit allen Fort¬
schritten und Errungenschaften der Gegenwart noch
nicht einmal in den Kinderschuhen. Verjudet zu sein
ward mehr als Lob, denn als Tadel anerkannt. Wie
tief die Völkerstämme noch im Naturzustände versunken
waren, wie roh und ohne Politur ihre Lebensweise,
Umgangsformen und religiösen Anschauungen sein
mochten, antisemitischen Borurtheilen und Gemeinheiten,
waren sie doch nicht zugänglich. Es mußte erst noch
ein Jahrtausend verstreichen, bis eine derartige Weisheit
sich einen Thronsitz in einer Residenzstadt wie Wien
zu erobern vermochte. Vom jüdischen Chazarenreiche
weiß die Geschichte nur Spärliches zu berichten. Besäße
die Nachwelt nicht die Correspondenz eines Chazaren-
königs Josef mit dem berühmten Spanier, dem Staats¬
mann und Mäcen Chisdai ben Jsak ibn Schaprut aus
Cordova, der um 950 blühte, so würde sie keine
Kunde von der Existenz eines solchen Reiches je er¬
langt haben. Es dürfte weder weltbewegend, geschweige
welterschütternd gewesen sein, seinen Glanz und Ruhm
nicht in verheerenden Kriegen und blutigen Siegen
gesucht und gesunden haben. Ob aber bei friedlicher
Ruhe und vom Waffengetöse mcht gestörten Frieden
das Volkswohl nicht besser gedieh, möchte wohl kein
Vernünftiger bezweifeln. Nicht bloß jene Frauen si^d
die besten, von denen am wenigsten gesprochen wird;
auch jene Völkerstämme zählen zu den glücklichsten, die in
stiller Beharrlichkeit ihren steigewählten Beschäftigungs¬
arten nachgehen und fo.lgen können.
Das Morgenroth der jüdischen Geschichte, die An¬
fänge, wie dix Israeliten im Leben erscheinen, sind auch
durchaus nicht geräuschvoll, weder tobend noch lärmend.
Wir hören nichts wie griechische oder nordische Helden¬
sagen; aber mit kindlichen Schriftzügen ist schon der
innerste Kern des werdenden Stammes im Beginne
verzeichnet, dem dieser allezeit treu geblieben ist.
Familienglück, idyllische Häuslichkeit, ein anmuthvolles,
sittenstrenges und edelsinniges Weib, wohlgerathene
Kinder waren und bilden immerdar das Ideal eines
wahren Juden. Und wie anders, um wie viel seliger,
besser, erfreulicher und gemüthlicher würde sich das
staatliche und Bölkerleben gestalten, wenn die Welt in
diesem Sinne verjudet wäre, das Bestreben unentwegt
verfolgen würde, sich in solcher Weise verjuden zu
wollen. Weisen doch die allerjüngsten christlichen
Fest- und Feiertage, Weihnachten und Neujahr, un¬
leugbar aus das uralte Judenthum zurück.
Der jüdische Monat Kislew entspricht dem gleich¬
zeitigen December. Am 25. Kislew beginnt bei den
Juden das Lichtfest, Chanuka, das Weihefest, das acht
Tage lang durch allabendliches Lichtanzünden gefeiert
wird. Am 25. December feiert die Kirche den Weihnachts¬
tag. Die Ursache des Entstehens des Weihnachtsfestes
ist durchaus nicht sichergestellt. Da weisen einige Ms
das. heidnische Julfest hin, das den Wechsel der Jahres¬
zeit feiert, weil zu dieser Zeit der Winter eintritt und
das Wachsen der Tage beginnt. Die Kirche, die heid¬
nische Anschauungen consequent abweist, ernannte und
erhob den Tag zum Geburtslage ihres Begründers.
Aber weder dessen Geburtstag, noch dessen Geburts¬
stätte sind historisch zweifellos erwiesen. So wird
Nazareth im Palästinensischen Galiläa und auch Beth¬
lehem als Geburtsort Christi bezeichnet. Ebenso
unerwiesen ist dessen Abstammung vom Hause Davids.
Denn weder die Genealogie im Evangelium Matthäus 1,
noch die in Lucas 3 sind kritisch unanfechtbar und
geben dem Zweifel Raum. Auch muß man dabei
bedenken, daß die Evangelien weit über ein Jahrhundert
nach dem Ableben Christi erst nach mündlichen
Traditionen abgefaßt wurden. Auch der heilige
Augustinus, der Kirchenvater, schrieb gegen Ende des
4. Jahrhunderts: „Die vier Evangelien sind lange
nach der Zeit der Apostel durch unbekannte Männer
geschrieben worden, die sie nach Aposteln benannten."
Es scheint daher viel wahrscheinlicher und wäre auch
um vieles gerechtfertigter anzunehmen, daß das Weih¬
nachtsfest des 25. December die kirchliche Annahme
des Chanuka vom 25. Kislew sei. Sind ja auch
Ostern und Pfingsten in Folge der gleichzeitigen beiden
Frühlingsfeste Passah und Wochensest, Schebuoth,
geschaffen worden.
Die historische Bedeutung des jüdischen Chanuka
ist auch für die Kirche von gleich einffußreicher
Wichtigkeit. Man könnte sogar Chanuka den Begründer
der Weihnachten nennen. Der fanatisch unmenschliche
Der Stadtrath.
Eine Erzählung aus der Gegenwart
von I. Herzberg (Bromberg).
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Löwen erblaßte. Stammelnd preßte er dir Worte hervor:
„Derselbe Friedheim, der vor Jahren Commis im Geschäfte
des Productenhändlers Markus Forbach gewesen?"
„Derselbe ist es," entgegnete Friedheim lächelnd.
„Und Sie waren es, der uns gestern aus der Bedrängniß
befreite und uns mit so köstlichen Gaben so reich bedachte? Und
Sie wollen auch des Weiteren sich unser annehmen? Haben
Sie denn wirklich alles vergeffen, was die Vergangenheit birgt?"
„Reden Sie nicht mehr davon," entgegnete Friedheim, „ich
will nur Ihr Wohlergehen. Ich möchte Sie alle von des Lebens
bitteren Sorgen befreien, und ich spreche die Erwartung aus,
daß Sie von meinem Anerbieten Gebrauch machen werden.
Aber ein ernstes Wort will ich doch zu Ihnen reden. Ich habe
von einer anderen Seite vernommen, daß Sie sich von einer
bösen Leidenschaft zuweilen hinreißen lassen, sich in ungebühr¬
lichem Zustande auf der Straße zeigen und so der Gegenstand
des Hohns und Spottes werden, namentlich denen gegenüber,
die gegen uns Juden einen unverlöschlichen Haß im Herzen
tragen und jede Gelegenheit mit herzlicher Freude wahrnehmen,
ihren Haß aus^udrücken und zu bethätigen. Gestern noch soll
eS wieder zu einer argen Scene gekommen sein. Dies darf in
Zukunft nicht mehr Vorkommen, wenn Sie sich mein Wohlwollen
erhalten wollen, da in Ihrer demnächstigen Stellung Aufmerk¬
samkeit und Nüchternheit unbedingt von Ihnen gefordert wird.
Aber, auch chrch einer anderen Seite hin richte ich diese Mahnung
an' Sie. Sie wissen, wie sehr verbreitet der Groll gegen unsere
Glaubensgenossenschaft in dieser Zeit ist, wie sehr man
jede. Gelegenheit gern ergreift, diesen Groll an den Glie¬
der« dieser Genossenschaft auSzulaffen und gleich die lNesammt-
Heft anklagt, wenn der Einzelne Grund zur Anklage giebt. Jeder
Einzelne lebe, daher so, daß er keinen Grund zur Anklage giebt,
dann müssen die Beschuldiguimen der Gesammtheit verstummen,
wenigstens da,.wo die Böswilligkeit sich nicht festgesetzt hat, die
auch verketzert, wenn kein Grund vorliegt. Hüten Sie stch also,
jene« Leuten allen, die Sie z« hänseln und zu necken trachten,
Grund und Ursache zu geben. Beherrschen Sie Ihre Leiden-
schaft, unter der auch die Ihrigen zu leiden haben."
„Ich verspreche Ihnen, ein anderer Mensch zu werden,"
betheuerte Löwen. „Es soll für mich, wie für die Meinigen
ein neues Leben beginnen."
„Es freut mich, daß Sie gewillt sind, meine Worte zu
beherzigen. Nach den langen Jahren so bitteren Leidens thut
es wirklich Noth, und nur in Ihrer Hand liegt das Wohl und
Wehe der Ihrigen. Seien Sie mir treu, und Sie erhalten sich
stets meine Gunst. Sehen Sie, Ihr bedauernswerthes Weib
bedarf der Erholung, der Kräftigung und Stärkung, auf daß sie
noch einmal erblühe und ihres Lebens wieder froh werde."
Dann näherte sich Friedheim der-Frau Löwen, die jetzt mit
verklärtem Antlitze zu ihrem edlen Retter aufschaute, und reichte
ihr seine Rechte..
„Leben Sie wohl, Frau Löwen. Haben Sie irgend ein
Bedürfniß, so wenden Sie sich direct an mich. Mein Comptoir
befindet sich Osterstraße 19."
Nachdem er auch Hirsch Löwen und dem Knaben die Hand
zum Abschied gereicht hatte, entfernte er sich.
VII.
Im Salden'schen Hause herrschte an diesem Nachmittage eine
gedrückte Stimmung. Namentlich war es Salden selbst, der
durch Geberden und Aeußerungen seiner Stimmung Worte lieh.
Vater und Tochter saßen am Familientische. Meta Salden
war mit einer Handarbeit beschäftigt, die aber nicht sonderlich
gefördert wurde, da ihre Gedanken sich mit ganz Anderem be¬
schäftigten, und nur ab und zu erinnerte sie sich ihrer Arbeit,
die dann für wenige Augenblicke wieder ausgenommen wurde.
Der gestern angeregte Gedanke ihres Vaters, zu dem
Lieutenant von Wiedenhof in nähere Beziehungen zu treten,
hatte sie unausgesetzt beschäftigt. So ungeheuerlich dieser Ge¬
danke ihr im ersten Augenblicke auch erschienen war, je mehr
sie ihn nach den verschiedensten Seiten hin erwog, desto Imehr
schwand das Ungeheuerliche, und immer mehr stieg in ihr der
weitere Gedanke aus, daß eine Verwirklichung dessen, was der
Vater plante, nicht so ganz unmöglich sei.
Sie hatte sich nach der gestrigen Unterredung mit dem
Bater die bittersten Borwürfe gemacht, daß sie so bald, ohne
auf die erbetene Bedenkzeit zu bestehen, dem Plan? ihres Vaters
ihre Zustimmung ertheilt hatte. Heute aber erschien ihr Alles
in einem ganz anderen Lichte, und kein Vorwurf, keine Ber
denken machten sich mehr geltend.
Freilich, nicht das Herz war hier bei ihr bestimmend,
sondern lediglich der Verstand.
Sie befreundete sich immer mehr mit dem Gedanken,
einst in die große Welt eingeführt werden zu können. Gestern
hatte ihr Herz noch gesprochen, in dem noch tief verborgen
ein Fünklein für Volk und Glaube geglüht hatte, und dies
hatte sie zu dem Einwurfe gedrängt. Der Verstand aber»hatte
jetzt völlig den Sieg über das Herz errungen, und das einzige
Fünklein war schon erloschen.
Meta Salden halte nur noch den einzigen Wunsch, daß
das Projekt des Vaters recht bald eine feste Gestalt annehmen
möge.
Aber auch Salden wünschte nichts sehnlicher, als die Ver¬
wirklichung seiner Pläne. Bei ihm waren es aber noch ganz
andere Dinge, die eine Beschleunigung als besonders wünschens-
werth erscheinen ließen. Denn heute wäre er, wenn alle Hebel
in Bewegung gesetzt würden, noch im Stande gewesen, der
Tochter eine angemessene Mitgift zukommen zu lassen; freilich
die jüngere Tochter Recha, ein gar liebliches Mädchen, mußte
dann aber auch in ihrem Interesse dabei beeinträchtigt werden.
Seine bedeutenden Kapitalien lagen wohl fest, doch genoß er
noch so viel Vertrauen, daß es ihm ein Leichtes gewesen wäre,
sich andere zu beschaffen, da er noch immer genügende Sicher-
heit bieten konnte. Er durfte daher nicht zögern, denn ein
plötzlicher Schicksalsschlag könnte ihm jäh sein stolzes Phantasie¬
gebäude zertrümmern.
Auf der anderen Seite war es wieder der grenzenlose
Leichtsinn des Lieutenants, der hier bestimmend auf ihn wirkte.
Je länger die Angelegenheit sich hinzögerte, desto größere
Opfer mußte er bringen, wodurch er an seinem Vermögen
immer mehr geschädigt wurde. Denn all das, was er heute
noch dem jungen Mann zukommen ließ, mußte er als unwieder¬
bringlich verloren betrachten. Später würde es ja ganz anders
sich gestalten, denn die Mitgift seiner Tochter würde er ja
sicher stellen, der Leichtsinn würde schwinden und zu ferneren
Opfern würde er dann »ßohl auch nicht gedrängt werden, da
dann gewiß die Anlässe hierzu fehlen werden.
Seltsam, wie doch vorgefaßte Meinungen selbst von den-
jenigen mit größter Zähigkeit cultivirt werden, die sonst mit.