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und für die der „polnische Jude" den Inbegriff des
höchsten Abscheus bildet. Ja, in Süddeutschland fängt
die „Polackei" schon in Berlin an, und viele süddeutsche
Glaubensgenoffen betrachten jeden Juden, der aus Nord-
deütschland kommt, als minderwertig. Nun, für diese
ist'die, Abneigung nicht gerade angenehm, aber nicht
gefährlich. Für die armen Ausgestoßenen des Ostens
aber ist diese unbegründete Aversion gefährlich in wirt¬
schaftlicher und geistiger Beziehung. Denn sie bedürfen
unserer Förderung, um sich eine soziale menschliche
Existenz zu schaffen, und sie bedürfen unserer Liebe,
um sich der deutschen Kultur auzupassen. Man nimmt
ja immer gern die Kultur einer befreundeten, aber
nicht einer verfeindeten Bevölkerung an.
, Wenn wir darüber Betrachtungen anstellen, ob uns
der darbende christliche Weber in Schlesien oder der
hungernde jüdische Ackerbauer in Südrußland näher
steht, so sind das leere Reflexionen. Beide erfordern
unser Mitgefühl. Wir haben aber nun einmal mit den
Juden aus Rußland eine lange Leidensgeschichte zu¬
sammen und das verbindet am meisten. Wir brauchen
uns dieser Gefühle'ebensowenig zu schämen, wie das
deutsche Volk sich seiner warmen Sympathien für die
tapferen Büren schämt. Aber selbst wenn wir bei jeder
Hilfsaktion wägen und rechnen wollten, dann diktiren
uns hier auch Vernunft und, Ethik Pflichten gegen
die Juden fremder Länder. Der kategorische Imperativ
würde hier lauten: solange diese Menschen nur
ihres Jüdenthums wegen leiden/ solange sich
sonst niemand ihrer annimmt, haben wir als
Juden und als Menschen die Pflicht, für sie ein¬
zutreten und ihnen Unsere Hilfe angedeihen zu lassen.
Doch, wir sprechen hier gar nicht von den Juden in
Rußland, Galizien uyd RuMnien,^sondern von den
Flüchtlingen dieser Länder, die schon bei uns sind.
Da dürfte es wohl Mr jeden deutschen Juden klar sein,
daß es Pflicht ist, diesen verfolgten und gedrückten
Leuten hier Hilfe angedeihen zu lüffen. Aber nein, da
kommt die — Ausländerfrage und verwirrt die Köpfe.
Ausländerfrage ist ein Wort, das der Antisemitismus
geprägt hat, und das leider auch bei uns Juden populär
geworden ist. Was ist es mit dieser Frage? Es giebt
in Deutschland kaum 3000 ausländische Juden, und
ihre Zahl verringert sich .immer mehr — dafür folgt,
schon, dre Polizei. - Diese Leute tommen zu. uns, um
Brod zu suchen, nicht um uns eine fremde Kultur auf¬
zudrängen. Sie ffind froh, wenn sie oder wenigstens
ihre Kinder etwas von der deutschen Kultur genießen.
Der Oeffentlichkeit und den Behörden fallen sie nie
zur Last und auch uns Juden belästigen sie' nicht über
unsere Kräfte. Gewiß giebt es unter diesen bunt zu¬
sammengewürfelten Elementen auch verfehlte Existenzen,
aber auch gar viele tüchtige und fleißige Handwerker.
Es ist richtig, daß manchen unter ihnen der Hang zum
Schnorren anhaslet, aber auch' wir sind daran nicht
ohne Schuld. Wir haben ihnen stets geholfen, wohl.
Israelitische- Familienblatt.
um — sie los zu werden. Wir haben nicht darap
gedacht, soziale Hilfe an Stelle des traditionellen Almosen-
, gebens zu setzen. Wir züchteten so ein Schnorrer¬
geschlecht. Jetzt gilt es,, ..wieder, gut. zu machen und
, aus diesen Leuten durch .Arbeit und Erziehung nützliche
Mtglieder der menschlichen Gesellschaft auszubilden.
Das ist eine würdige und schöne Aufgabe:
Und dann in kultureller Beziehung ! Os sei hier mit
vollem Bewußtsein ausgesprochen: Diese jüdischer! Prole¬
tarier des Ostens sind meistens mehr deutsch als die
Buren und Holländer. Sie verstehen unsere Sprache,
und auch wir verstehen sie; denn sie sprechen ja deutsch,
ein schlechtes, verdorbenes, aber doch deutsch. Ja, sie
waren Jahrhunderte hindurch die Hüter der deutschen
Kultur in den slavischen Ländern, sie haben das Deutsch
als theuere Tradition von Generation auf Generation
bewahrt. Wenn diese Sprache etwas verwahrlost'wurde,
so ist das ihre Schuld wahrlich nicht. Das Wort von
der Gefahr dieser Leute kommt einen! wie ein Hohn
vor.' Wenn sie gefährlich sind, was soll man dann
von den Italienern im Süden und von Pen Polen im
Osten des Reiches sagen? Diese Leute treiben keine
Politik, trinken und raufen nicht, sie führen meistens
ein streng sittliches und friedliches Leben und thun
niemand etwas zu Leid. Aber — die Antisemiten
reden von. einer brennenden Ausländerfrage, und mancher
deutsche Jude spricht ihnen dies gedankenlos nach.
Psychologisch ist' diese Abneigung' gegen die Aermsten
der Armen als Furcht zu verstehen. Viele deutsche
Juden fürchten, ihre Lage in Deutschland könnte durch
diese Elenrente schlechter werden. Das ist ein Jrrthum.
Deutschland, das seine Söhne nach allen Welttheilen
schickt, muß gastfreundlich gegen die Ausländer sein.
So wird jeder gerechte Deutsche deüken. Den Anti¬
semiten aber werden wir es nie recht machen. Das
Schiefe fängt schon an, wenn wir ihr von Haß dik-
tirtes Urtheil zur Rorrn unserer Handlungen machen. '
Manche Juden wollen einfach nicht durch diese Ele¬
mente an ihr Judenthum erinnert werden. Einer hat
eben das hohe Glück erlangt, daß- ein verschuldeter
Lieuteuant ihm in Anbetracht der klingenden Umstände
das Judenthum verzieh. Ja, er ist sogar so vorurtheils-
frei, die Tochter mit der halben Million mitheirathen
zu wollen. Und nun kommt so ein polnischer Jude,/
mnd — die ganze Illusion schwindet. Der andere ist
ausnahmsweise Mitglied eines vornehmen Klubs ge¬
worden. Sein adeliger Nachbar vergißt nie, wenn er
von Juden spricht, galant hinzuzufügen: „Sie, Herr
Kommerzienrath, machen natürlich eine Ausnahme, Sie
sind ja gar kein Jude!" Und nun erscheint so ein
armer Jude, und — die Poesie ist dahin.
Ja, diese Opfer, die man seinem Judenthum bringen
inuß, schrecklich!..... Ach, wenn unsere Vorfahren,
die Leben und Gut' für ihre Gesammtheit opferten,
heute vom Grabe aufständen, wie kleinlich kämen wir
ihnen mit all unseren Leiden und Opfern vor!
__ Nr. 38 .
Gewiß, auch diese Mußjuden mit ihrer kleinlichen
Angst und ihrer sklavischen Thorheit begreift man
psychologisch. Aber stolz sind wir apf diese Jammer-
. gestalten nicht. Nur in der Noth zeigt sich der wahre
Charakter, und wer wirklich eine Würde hat, der be¬
kunde sie in seinem Schmerze. Wer einen wegen seiner
Geburt haßt unh verachtet, ist und'bleibt ein trauriges
; Subjekt'. '
Der „Aulaß zu lusultiren."
' An die alte Fabel vom Wolf und dem Lämmchen,
das dem elfteren das Waffer trübte, wird man unwill¬
kürlich gemahnt, wenn man Pie Geschichte der soeben'
;erfolgten definitiven Auflösung der jüdischen Stu¬
dentenverbindung „Badenia" in Heidelberg
liest. Schon vor einem Jahr war diese farbentragende
jüdische Korporation für ein Semester fuspendirt worden,
* weil ihre.Mitglieder gröbliche antisemitische Beleidigungen
'thätlich erwidert hatten. Die, damalige Disziplinirüng
? erfolgte auf Grund einer von mehreren Korporationen
^ausgehenden Denunziation, in der bis auf den einzigen
!Fall, wo Badenen zugegebenermaßen der schuldige Theil
!waren, nicht einmal die Namen Per beiderseits Be¬
stheiligten oder der Zeugen genannt waren. In der Gegen¬
schrift der „Badenia", die für jeden Vorfall Zeugen
!namentlich aufführt/ waren die antisemitischen Körpd-
stationen aufs Schwerste belastet. — Einzig auf das
/sich in den wesentlichsten Punkten völlig widersprechende
Aktenmaterial hin,--ohne jedes Verhör 'der Beteiligten
oder Zeugen, erfolgte--die Entscheidung zu Ungunsten
der „Badenia", die gegnerischen Korporationen blieben
straflos. Die zur Begründung des nunmehrigen dau¬
ernden Verbots angeführten Vorfälle sind größtentheils
so geringfügiger Natur, daß sie den mit den Universi¬
täts-Verhältnissen Vertrauten wie mit den Haaren
herbeigezogen erscheinen. Bedenklich erscheint u. A.,
daß ein harmloser Studentenstreich ohne jegliche tat¬
sächliche Feststellung lediglich in mysteriösen Andeutungen
zur Urteilsbegründung herangezogen wird. Die Ver¬
mutung ist deshalb nicht von der Hand zu weisen/
daß für den Universitäts-Senat in der Hauptsache
wandere Gründe, als die in der Motivirung der Auf¬
hebung angegebenen entscheidend gewesen sind. Das
eigentliche Motiv ist übrigens nach der „Franks. Ztg."
.ziemlich offenherzig zugestanden worden: Als kurz vor
'der Suspension zwei Badenen bei dem Universitäts¬
richter über antisemitische Beleidigungen seitens in-
korporirter Studenten, von denen sie anderweitige
Genugthuung nicht erhalten konnten, Beschwerde
erhoben, erklärte dieser unter-Hinweis auf eine Be¬
stimmung, wonach-eine' Verbindung suSpendirt werden
kann, wenn durch ihr Bestreben die akademische Dis¬
ziplin gefährdet wird: Seines Erachtens müffe die
„Badenia" aufgehoben werden, weil ihre Exi¬
stenz den anderen Korporationen Anlaß gebe,
sie zu insultiren, und dadurch der akademische Friede
gestört werde; er wiffe, das-der Senat thun werde,
was er sage. Der einzige Ausweg sei die Ablegung
der die Provokation verursachenden Kouleur. Diese
Aeußerungen kennzeichnen am klarsten die der angeführten
Fabel konforme Sachlage: Die antisemitischen Korpo¬
rationen nehmen an der bloßen Existenz einer jüdischen
Kouleur-Verbindung Anstoß und daran, daß diese sich
antisemitische Beleidigungen nicht ruhig gefallen lassen
wollen. Die dadurch entstehenden Störungen des
In. der sicheren Erwartung auf besondere Genüsse
folgten wir diesem Rufe. Unsere Hoffnung wurde weit
übertroffen. Es war an einem Freitag Abend. Der
behagliche Zauber des echt jüdischen Familienlebens um«
fing uns mit seiner langentbehrten Gewalt, die jedes
Fremdsein verscheuchte, und bei unfern christlichen Ka-
meraden ein angenehmes Empfinden erweckte. Wir
wurden wie alte Bekannte von Mutter W.. f begrüßt.
Schon nach wenigen Minuten konnte man die wohl«
thuende jüdische Tradition der mütterlichen Suprematie
erkennen.. Sowohl die Tochter wie auch drei ältere
Söhne, von denen einer als hervorragender Arzt be-
kannt war, unterordneten sich pietätvoll den Anordnungen
der alten Frau. Wenn wirklich mal Jemand opponirte,
so geschah es im vertraulichen Scherz.
Mutter W.. f beherrschte die Unterhaltung mit
jenem kaustischen Witz, von dem man nie weiß, ob er
sich oder andere verspottet und somit zu den drolligsten
Situationen beiträgt. Selbstverständlich wurde an diesem
Abend nur das militärische Thema gepflegt. Die alte.
Frau war zwar mit ihren großmütterlichen Anschau¬
ungen hinter der neuen Epoche zurückgeblieben, aber sie
ließ sich als echte Hamburgerin in ihrem Gedankengang
niemals beirren. Während einer kurzen Gefechtspause
begann unser Kamerad mit scheinbarlichem Ernst:
„Na, Mutter! Jetzt sind wir ausgebildet. Wahr¬
scheinlich werde ich bald zum Generalstab nach Berlin
versetzt." Die vertrauenerweckende Zustimmung aller
Kameraden unterstützte bereitwilligst diesen Scherz, und
als auch der Doktor die Wahrscheinlichkeit jener mili*
tärischen Verfügung kopfnickend bestätigte, begann die
fürsorgliche Mutter ihre Entscheidung.
„So lange ich noch lebe, kommst Du mir nicht nach
Berlin."
„Aber Mutter! Der preußische Generalstab."
Mer ist die Mutter?
Eine heitere Erinnerung aus meiner Soldatenzeit.
Von S. Steinberg.
(Nachdruck verboten.)
Mit den Waffenerfolgen der preußischen Armee vor
Düppel und Königgrätz war auch zugleich die klein¬
staatliche Philisterei besiegt. Endlich fing es an, zu
dämmern. Langsamer als in den politischen, wirt¬
schaftlichen oder staatlichen Einrichtungen vollzog sich der
Umschwung in der Familie; hier, wo die allgemeine
Wehrpflicht, das preußische Universalmittel, noch nicht
vorgedrungen war, mußte sich die oft verkannte Pickel¬
haube ihre Siegesbahn Schritt vor Schritt erobern.
Auch Hamburg, das schon seit Jahrhunderten seine Flagge
auf allen Meeren zur Ehre Deutschlands im wirth-
schaftlichen Wettbewerb wehen ließ, begnügte sich in allen
militärischen Dingen mit einer rein platonischen Antheil-
nähme. Es unterhielt zwar ein kleines Corps nach den
Bestimmungen des seligen deutschen Bundes, aber seine
eigene Söhne sandte es doch lieber nach den über¬
seeischen Handelsplätzen, als in die Kaserne der Hanseaten.
Hier traf man nur die Söhne Hammonias von „Banco
und Courant"-schwachen Eltern, den Resttheil der Krieger
lieferte die kinderreiche Mutter Germania aus allen
Theilen ihres weiten Landes zu den höchsten Stellver-
treterpreisen ohne Rabatt.
Eine gleiche militärische Anschauung herrschte auch
in den jüdischen Familienkreisen, wo man die allsommer¬
liche Waffenübung beim Bürger-Militär vollkommen aus¬
reichend erachtete. Dieses, das Herz jedes Hamburger
Bürgers erfreuende Idyll zerstörte der Tag von König¬
grätz. Am 27. Oktober 1867 traten zum ersten Male
bie s diensttauglichen Söhne Hamburgs ohne Unterschied
der Portemonais in das neue Hanseatische Infanterie-
Regiment Nr. 76 ein und machten sich sehr rasch mit
den „preußischen Gewohnheiten" vertraut. Der Soldaten¬
rock errang sich die Herzen im Sturm. Allein seine
Bevorzugung in den Salons der „königlichen Kaufleute"
begann im gemessenen Tempo des „langsamen Schrittes".
Weit rascher und freudenvoller fand sich Trina, die
militärfromme Küchenfee in die neuen „Verhältnisse"
und die Wahrheit verlangt, daß man ihr, der unermüd¬
lichen Verfertigerin von warmen Erquickungen die be¬
rechtigte Anerkennung nicht versagen darf.
Diese in großen Zügen gezeichnete Situation hatte
sich bei meinem zwei Jahre später erfolgten Eintritt in
das 76. Regiment nur wenig verändert. Mit sechzehn
lebensheiteren Einjährig-Freiwilligen stand ich am 1.
Oktober 1869 in Reih und Glied. Unser ausbildender
Unteroffizier Lindenkohl, ein ebenso strammer, wie gut-
müthiger Lehrmeister, hatte seine liebe Noth mit der
„ausgelassenen Bande", die selbst in den feierlichsten
Momenten des Parademarsches nicht ernst bleiben konnte.
Mir wird noch heute das Herz so froh, gedenke ich der
Fülle jener heiteren Vorfälle und scherzenden Aus¬
gelassenheiten, welche eine seltene Freundschaft mit unfern
Kameraden zeitigte, die bis zur gegenwärtigen Stunde
ungetrübt geblieben ist. Die Humoristen dieser Ein¬
stellung bildeten einen festen Stamm, der unsere Com¬
pagnie in Krieg und Frieden vortheilhast beeinflußte.
Unter den tonangebenden Führern nahm der allzeit
frohgelaunte glaubensgenössische Kamerad Sigmund W.. f
eine besondere Stellung ein. Seine drolligen Einfälle
schienen unerschöpflich und erfreuten sich bei einer recht
soldatischen Strammheit der Annerkennung aller Offiziere.
Siegmund war das Urbild der wahren Humoristen, die
nie verletzen und niemals in Verlegenheit gerathen.
Sobald die anstrengende Rekrutenzeit beendet war, über¬
raschte uns der beliebte Kamerad mit einer Einladung
seiner Mutter zu einer gemüthlichen Abendgesellschaft.
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