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Romburg, 27. (Därj 1913.
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/tl dition dieses Blattes werden im „Briefkasten" unter den
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Die preuKilchen Lanckagrwchlen.
Durch eine amtliche Bekanntmachung des
preußischen Ministers des Innern werden für die
22. Legislaturperiode des Abgeordnetenhauses die
Wahlmännerwahlen auf den 16. Mai und
die Abgeordnetenwahlen auf den 3. Juni
festgesetzt. Für diese Terminbestimmung waren wohl
die später fallenden Feierlichkeiten zum 25jährigen
Regierungsjubiläum des Kaisers maßgebend, welche
man nicht durch die Parteizwistigkeiten eines Wahl¬
kampfes stören lassen will.
Jedenfalls müssen die preußischen Juden nun¬
mehr sich Rechenschaft geben, welche Stellung zu den
einzelnen Parteien, zu ihren Wahlmännern und
Abgeordnetenkandidaten sie als Juden in dieser
Wahlbewegung einzunehmen haben und inwieweit
diese Stellung ihre allgemein-politische Parteinahme,
welche sonst von ihrem religiösen Bekenntnis unab¬
hängig ist, beeinflussen muß. Es ergibt sich von
selbst, daß das Verhältnis der verschiedenen politi¬
schen Parteien zu der Forderung der rechtlichen
und praktischen staatsbürgerlichen
Gleichberechtigung für die Juden die
Richtschnur für die jüdische Parteinahme bilden
muß. Man kann sollst mit den Anschauungen der
einen oder anderen politischen Partei sympathisieren,
aber man kann und darf dieser Sympathie an der
Wahlurne keinen Ausdruck geben, so lange von einer
solchen Partei die Grundlage unserer staatsbürger¬
lichen Existenz negiert und untergraben wird. Das
hieße einfach politischen Selbstmord üben.
Zwei Momente sind es, die gerade bei den preußi¬
schen Landtagswahlen den Juden dieses Landes die
erhöhte Pflicht auferlegen, nach diesen allgemeinen
Grundsätzen bei der Wahl zu verfahren. Das preu¬
ßische Dreiklassenwahlrecht — man ryag grundsätzlich
darüber denken, wie man will — gibt faktisch dem
Besitz und dem Einkommen einen erhöhten politischen
Einfluß. Man braucht die antisemitische Tendenz¬
lüge nicht zu bestätigen, daß der Reichtum Deutsch¬
lands in jüdischen Händen konzentriert sei, und kann
doch feststellen, daß die ökonomische Lage unserer
Glaubensgenossen durchschnittlich ihnen einen er¬
heblichen Einfluß auf die Ergebnisse
dieses S y st e m s gewährt. Bis zu einem gewissen
Grade wird hierdurch ihre zahlenmäßige Minderheit
ausgeglichen. Es wäre töricht, diese günstige Situa¬
tion nicht zu benutzen, um einer Forderung der
Gerechtigkeit im Einklänge mit dem allgemeinen
Staatswohl nach Möglichkeit Geltung zu verschaffen,
durch möglichst günstige Parlamentsznsammensetznng
die Grnndvesteu der eigenen staatsbürgerlichen Stel-
lung zu sichern und zu stärken. Das preußische Drei-
klassemvahlsystem schaltet aber auch fast gänzlich die
tte unsere geehrten Leser» denen an einer regelmätzigen» ununterbrochenen Zustellung
unseres Israelitischen §amllienblattes gelegen ist» belleben
sofort nach Empfang dieser Nummer
m ihr Abonnement zu erneuern c^i
da allein in diesem §alle mit Bestimmtheit jede Unterbrechung in der Zustellung des Blattes
vermieden wird. Wir werden auch fernerhin bemüht sein, den Inhalt unseres Blattes
immer mehr fo aussugestalten, datz er ein interessantes Spiegelbild des gesamten jüdischen
Lebens bietet und der jüdischen §amilie belehrende und unterhaltende Lektüre gewährt.
Zu besonderem Danke wären wir allen jenen verbunden, die durch Empfehlung unseres
Blattes in ihren Verwandten-, Bekannten- und Freundeskreisen uns in unserem bestreben
unterstützen wollten, datz das Israelitische §amilienblatt nicht, wie bislang, in jeder fünften,
sondern überhaupt in einer jeden jüdischen §amilie des Reiches gelesen werde.
Verlag und Redaktion.
Sozialdemokratie aus und zwingt die Wähler tat¬
sächlich nur zwischen den bürgerlichen Par¬
teien die Auswahl zu treffen. Die jüdischen Wähler
können also, wenn sie hierbei vor allem nach dem
Gesichtspunkt ihres staatsbürgerlichen Interesses ver¬
fahren, nicht von dem beliebten billigen Vorwurfe
ihnen gegnerischer Parteien getroffen werden, daß sie
mit den „Mächten des Umsturzes" politisch Zusam¬
mengehen. Im Gegenteil, die Sozialdemokraten
haben bei der letzten Landtagsersatzwahl in einem
Berliner Vorortswahlkreise durch Stimmenthaltung
dem reaktionär-antisemitischen Kandidaten zu einem
Mandat verholfen.
Wir brauchen bei den diesmaligen preußischen
Landtagswahlen unsere frühere Stellung zu den
politischen Parteien bei ähnlichen Gelegenheiten einer
Revision nicht zu unterziehen. Sie ist unverändert
geblieben, weil auch die Stellung der Parteien zu
den jüdischen Forderungen dieselbe geblieben ist.
Das gilt vor allem von der konservativen
Partei. Wir haben zwar neulich einen Aufsatz von
Professor Arthur Sachs- Breslau unter der
Ueberschrift „Gedanken zur Judenfrage" wieder¬
gegeben, welcher für den Anschluß der religiös-
konservativen Juden an die konservative Partei ein¬
trat, ohne Rücksicht darauf, ob diese Partei sich
politisch judengegnerisch zeige. Wir haben gleich
damals unsere abweichende Meinung betont und mit
der Wiedergabe nur die Hinfälligkeit der Behauptung
zeigen wollen, daß es überhaupt k e i u e
politisch konservativ gesinnten Juden
gebe. Aber selbst ein christlicher konservativer
Politiker, wie L o r e n z - Hamburg,. hat, wie wir
neulich ausführten, zugegeben, daß man von der
gegenwärtigen, durch die Umstände und Verhältnisse
gebieterisch geforderten Parteinahme bei den Wahlen
nicht ausnahmslos auf die grundlegende
politisch e R i ch t u n g der jüdischen Wähler
schließen dürfe, daß man es ihnen als einen Akt der
politischen Selbsterhaltung anrechnen müsse, wenn
sie heute nur denjenigen Kandidaten ihre Stimme
geben, die unbedingt für die staatsbürgerliche
Gleichberechtigung der deutschen Juden eintreten,
selbst wenn diese jüdischen Wähler sonst politisch
eigentlich in ein anderes Lager gehören. Die kon¬
servative Partei hat, obwohl sie erst in den letzten
Tagen einen Parteitag abgehalten hat, kein Wort
darüber gesagt, daß sie ihr antisemitisches
Tivoliprogramm revidiere oder auch nur
revidieren wolle. Es besteht unverändert fort. Ja,
der agrarische Flügel der konservativen Partei,
die Landbündler, agitieren für eine judenfeindliche
Verschärfung des Tivoliprogramms, ihre Führer,
wie Frhr. von W a n g e n h e i m , haben auf der
letzten Bundesversammlung im Zirkus Busch in
Berlin die äußerste I u d e n h e tz e getrieben, sie
protegieren die Hammerbündler ü la Fritsch, sie
finanzieren die „Staatsbürger-Zeitung" u. a. m.
Deshalb kann in diesen Tagen kein auf -
rechter Jude konservativ wählen, wäre
er auch sonst religiös und politisch noch so streng
konservativ gesinnt.
Neu ist diesmal das Eingreifen der Anti¬
semite n in den Landtagswahlkampf, die zurzeit
im preußischen Landtage unvertreten sind. Sie stellen
in Schmalkalden-Eschwege den früheren Abgeord¬
neten Lattmann auf, in Weilburg kandidiert der
christlichsoziale Abgeordnete Behrens und in
Kassel-Land der deutschfoziale Lehrer Hein s. Die
beiden letzteren Kreise waren bisher in konservativem
Besitz. Wo sich die Konservativen also nicht mehr
sicher fühlen, legen sie die Wahrung der reaktionären
Geschäfte vertrauensvoll in die Hände der antisemiti¬
schen Demagogie. Alle bisherigen antisemitischen
Landtagskandidaturen find K o m p r o m i ß k a n d i -
daturen der Konservativen und sämtlicher anti¬
semitischer Gruppen. Von einer unabhängigen
antisemitischen. Bewegung, für die man noch vor
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