Nr. 20
„lUdlscheBlbllothe k", Unterhaltung und Wissen
14. Mai 1936
fct'n cpii’Iflcfäfjrton ihrer Wilincrsdorfer Xaae
auf die neue Heimat vorzubereiten. Denn fie
waren sich ernstlich im Zweifel, ab ein Hund, der
keinen hebräischen Namen trug, üderh.'upt mit
„rüber" genoinmen werden durfte.
Wir dürfen diese beschichte nicht schließen,
ohne dem Leser van dem Ergebnis der Be¬
mühungen von Heinz und Ilse zu berichten. Der
Dackel und seine Unbegabtheit für fremde
Sprachen erwiesen sich als die Stärkeren. Zumal
Dem Andenken von dreihundert
jungen Orangenbäumen ,
die. hei den l nruhen in Palästina
ausgerissen wurden.
Sie standen schlank und lieblich in weiten
Neiden und streckten idre Zweige über feuchte
Erde, die idre feinen Wurzeln fest umschloß
und gütig dielt. Wenn der Wind liebkosend
über idre Blütenbüschel strich, wenn das (Me<
schwirr der Bienen durch die weiße Hochzeits-
Herrlichkeit orgelte, lächelten die schmalen
Bäume und flüsterten: „Wir sind noch zu jung
— wir blüdcn nur — wir werden in diesem
Jahre noch nicht tragen —". —
Manchmal legte sich eine kräftige Hand um
idre jungen Leiber, eine gute Hand, ädirlich
der, die sie an einem fernen Frühlingstage in
die Erde gepflanzt batte, die gleiche Hand, die
nun die langen Neiden im Garten begoß und
pflegte. — Dann dufteten die Bäume idrou
süßen Hauch über eine sonnverbrannte Stirn,
über ein Gesicht, das Müde und Arbeit ge¬
zeichnet batten.
Sie standen in einem bellen Hain und alle
Menschen lächelten, wenn sie die Blühenden
sahen.
In einer Nacht des Monats Isar wachten
die Bäume im Dunkel auf, sie, die sonst mit
der freundlichen Dunkeldcit cinschliefen und
bis zur freundlichen Helle zu leben vergaßen.
Sie wachten auf, weil ein Sturm sie schüttelte.
Ein Krachen und Reißen war in der Lust, und
der Wind roch in dieser Nacht nicht nach Wasser
und Nahrung und Erde wie sonst; er roch nach
Brand und Unrat. Und er roch nach Blut-
Schrecken rüttelte an den lieblichen Bäumen
und ließ ihre schlafenden Blüten frieren.
Menschenhände packten nach ihnen, und diese
Hände rochen wie der faulige Wind nach Brand
und Blut. Tie sanften Wurzeln im Erdreich
dehnten sich jäb, rissen unter tausend Schmerzen,
und krachend schlug die blühende Hochzeits¬
krone nieder auf den Boden, zerdrückt, zertreten
das schimmernde Weiß, das lichte Grün —
Sie lagen entwurzelt, dreihundert zarte
Bäume, dreihundert Blühende, dreihundert»!»!
künftige Frucht und Ernte. Dreihundert schlanke
WOCHJNKALENDER»"
Hamburg .... 21.14
Berlin.20.47
Königsberg Pr. 20.37
Leipzig .20.46
Breslau.20.26
München .... 20.33
^slullgart .... 20.48
Uranksurt M. . . 21.00
Köln.21.06
sabbath-Ausgang
die Erziehcrfreu'oigkeit der Siinbor in dem
Augenblick erheblich nachließ, als sich der Dackel,
diesmal rein bildlich gesprochen, einfach auf die
Hinterbeine stellte und regelmäßig wenn er die
Gefahr einer neuen Unterrichtsstunde verspürte,
auf und davon jagte.
So kam es, daß im Hafen von Jaffa ein
Dackel mit Riesenmaulkorb ausgeladen wurde,
auf dessen Marke stand: „Hört auf den Namen:
„Jochen", Huns M. Schwarz.
Stämme lagen da und starben ihren langsamen
Dod durch die Nacht diu, gualvoll und hilflos,
und keiner kam sie zu tränken und sie zu trösten.
Sie starben in den Tag hinüber, und die Sonne
zerstach ihnen rasch das letzte jammernde Leben.
In dieser Stunde ging ein Bote von denen
herab, die alles Sterben in der Schöpfung
wissen und berufen find, das Leben selbst aus
toten Wesen zu erlösen und es heimzutrage»
Aufn. Sonnenteld
Hüter der jungen GHrten
e - V .
zu dem unendlichen Quell, aus dem es immer
lvicder strömen soll, wenn eS zu neuem Gebilde
umgeschaffcn wird. Der Bote trug in seinen
Händen eine lange Schnur von köstlichen Perlen
und fügte idr auf seinem Wege durck- das
Land Perle um Perle hinzu — eine i „• von
den Tränen, die hier um gemordete Bäume
geweint wurden. Denn wo ist fon' ,n Land
in der Welt, in dem Menschen um Bäume
weinen? Um seine Hände und seine Anne
trug er die schimmernde Kette geschlungen,
bis er zu den armen Gemordeten kam,
die verdurstet in der grellen Hitze lagen. Ta
breitete er die Hände über sie hin, und von
ihnen troffen die Tränen der Klage und be¬
netzten die schlaffen Wurzeln, rannen in die
zertretenen Blüten und lösten leise aus dem
zerstörten Leib die atmende Seele. Zwischen den
Flügeln, mtt denen er seine Füße deckte, barg
sie der Bote und schlug mit den Schwingen
seines Wegs starke Schläge, die ihn hinüber-
trugen in jenes andere Weltgebiet, von dem
wir nur ahnen, daß es sei. Machtvolle Schläge
taten die Flügel — da>>n ließ er die Seelen der
toten Bäume niedergleiten in die unendliche
Weite und zog allein davon, dem fernen Licht
entgegen, von dem er wußte, vor dem er immer
tiefer sein Antlitz in den Flügeln barg, je
näher er es spürte.
Die toten Bäume lagen still und bleich in
der Fülle des Glanzes und hoben leise ihre
blühenden Zweige auf und blickten dem Boten
nach, zum Rande der Lichtflut nach, die sie nicht
erkannten. Aber es raun durch sic hin wie von
diesem Licht, und sie glaubten daran, daß ihr
Sterben zu Ende sei und ihr Leben nahe.
Zur anderen Stunde ging ein Bote von
denen hinab, die alle Geburt in der Schöpfung
wissen und berufen sind, das Leben hinab¬
zutragen, nach seinem Samen und seiner Art.
Zwischen den Flügeln, mit denen er sein Antlitz
bedeckt, barg er junge Seelen von glücklichen
Bäumen, in deren Kraft und Süße neue Ver¬
heißung gelegt war. Dreihundert brachte er
hinab in den gemordeten Garten, dreihundert-
mal Leben, Samen zu tragen nach seiner Art.
Dreihundert junge, zarte Bäume sandte der
Schöpfer zurück zu der Erde, die sic getragen
hatte, die sie ivieder tragen sollte zu dem Lande,
das sie liebt — jenem seltsamen, innigen, ein¬
zigen Lande, in dem Menschen um Bäume zu
weinen vermögen wie um tote Schivestern.
Martha Wertheimer.
Das Iadr 1933 brachte eine Wendung auch
für alle diejenigen, die sich mit jüdischer Ge¬
schichte, Kunst und Wissenschaft beschäftigten.
Wissenschaftler und Künstler, Historiker, die sich
bisher gar nicht oder wenig um jüdisches Wesen
gekümmert hatten, fanden „den Weg zurück",
andere nützten eine Konjunktur aus und suchten,
tvo cs ging, „Jüdisches" zu finden, lind das
Publicum ivar froh über die Menge der ge¬
botenen neuen Erkenntnisse, ohne das Proble¬
matische der meist angewandten Methode zu
bemerken. Eins der problematischsten Werke ist
das soeben in Neck: Port bei Bloch (einem für
jüdische Musik sehr tätigen Verlage) erschienene
Buch Samiuskds „Musik des Ghettos und der
Bibel". Zwar gehört der Verfasser keineswegs
zu den „neuen" Männern, sondern bemüht sich
in anerkennenswertester Weise seit Jahrzehnten
um die Fragen, die den jüdischen Musiker be¬
schäftigen.
Leider ist es ihm in seinem neuen Buche nicht
gelungen, zu Ivirklich gut fundierten neuen Er¬
kenntnissen zu kommen. Zunächst leidet eS an
der unsystematischen Darbietung des Stoffes
und dann — vor allem — an der allzn sorg¬
losen Heranziehung wissenschaftlichen und halb-
wissenschaftlichen Schrifttums. So ist es z. B.
gefährlich, auf Fleischers „Neumcnstudien" auf¬
zubauen, die von Fachleuten des gregorianischen
EboralS nicht anerkannt sind, so z. B. hat
Saminsky für sein Wagner-Kapitel auch nur
einseitige Literatur herangezogen usw. usw. —
Die Problematik besteht vor allem darin, daß
der Verfasser in seiner tiefen Liebe zum Juden¬
tum und seinen musikalischen Kräften nicht in
RKT5E LECKE
Rätsolpyramidb
2
3
ä
5
7
1. Vokal, 2. Verneinung (Hebräisch), 3. räum»
lich beschränkt, 4. Hebräisch: Feier, 5. jüdische
Pr-winz in Aegypten z. Zt. der Pharaonen,
6. Sohn Mosis, 7. berühmter französisch-jüdischer
Philosoph des 20. Jahrhunderts.
Auflösung des Silbenrätsels aus der vorigen
Nummer:
1. Montefiore, 2. Lbadja, 3. Simson.
4. Ezechiel, 5. Salomo, 6. Megilloth, 7. Emek
Jesreel, 8. Nahala, 9. Debora, 10. Eleasar,
ik. Laban, 12. Scbulon, 13. Samaria, 14. Qmri,
15. Hagada, 16. Nasir.
Moses Mendelssohn.
der Lage ist, objektiv Komponisten und Tat¬
sachen gcgenüberzustehen: so stellt er Be¬
hauptungen auf, deren Nachtveis er dem Leser
überläßt, so springt er über die Geschichte in
der kühnen Behauptung, daß schließlich aus jü¬
dischen Wurzeln, hebräischem Melos die Musik
Lassos und der „anderen großen Niederländer",
die Kunst Palesirinas und Bachs entstanden sei!
Die Liste solcher Ungenanigkeiten und
unhaltbaren Vermutungen könnte noch ver¬
mehrt werden; doch soll nicht verkannt werden,
daß für den deutschen Leser auch manches
Interessante darinsteht. Vor allem ersieht man
aus Zitaten und Referaten, einen wie großen
Umfang das amerikanische Schrifttum bereits
angenommen hat, und wie tätig man für
unsere Sache dort ist. Ueber,zeugend ist vieles,
was über E. Blochs Stärken und Schwächen ge¬
sagt wird, gut die Scheidung zwischen „hebraic"
und „judaic" in der Kunst. Außerdem findet man
über alle interessierenden Persönlichkeiten mehr
oder minder gute Notizen, wenn auch Namen
(tvie Schalit, I. Schönberg usw.) fehlen.
Stutschewskvs, L. Algazis und Alice Iacob-
Locwensons Aktivität iverdeu bervorgebobcu,
und manches Gute über echte und unechte jü¬
dische Musik wird gesagt.
Das Buch ist uuziveifclhaft eine anregende
Bereicherung unserer Literatur, wenn auch nicht
durchaus unseres Wissens.
Dr. Peter Grudenwitz.
Zu Lazarc Zaminskvs „Musie of Nie
Cwetto and töe Biblc". (Bloch Publ. Comp.
New Uork 1934.)
Die totem Bämime
Musikgeschichte — problematisch
Hfl
bedeutete Liebe zur Kreatur und allem Lebenden im Namen
Gottes. Reka war einem Priester begegnet, der, nicht gezwungen
von äußeren Umstünden seines eigenen Lebens, sondern aus
Uebcrzeugung die Welt abtat, um seinen Gott zu lehren.
Sie ahnte es nur bei der erste'.. Begegnung, sie fühlte eS
jedoch sofort mit allen Fasern ihres sehnsüchtigen Seins. Vor¬
erst erfuhr sie, daß er Pater Innozenz genannt wurde, denn
unter diesem Namen stellte er sich ihr vor.
Mit leichter Absicht vergaß sie ihren Namen zu nennen;
jene harmlosen Zeiten, in denen sie es unüberlegt lat, waren
längst vorbei. Er lächelte nur darüber, als er die flüchtige
Röte der Verlegenheit in ihrem Gesicht kommen und gehen sah.
Sie schritten nun nebeneinander her, als der Pater erfuhr,
daß sie einen und denselben Weg nach dem Wallfahrtsort
hatten.
Sie rasteten auch zusammen an einem Brunnen. Sie bot
dem Pater von ihrem Frühstück an, aber er belehrte sic, daß
eine Wallfahrt nüchtern bleiben mußte, aber gern nahm ei für
später das Stücklein Brot, das er in seiner Kutte barg.
Zuerst sprachen sie wenig zusammen, eine gewisse Verlegen¬
heit lag über Reka, die-das Gespräch immer wieder stocken ließ.
Endlich, vielleicht angeregt vom murmelnden Wasser deS
Brunnens, flössen die Worte munterer.
Reka erzählte, daß sic hier in einer Pension lebe und noch
einige Zeit dort verbringen sollte, daß sie Deutsche sei und
tüchtig lerne.
Pater Innozenz erzählte ibr wieder, daß er zur Zeit welt¬
liche Tätigkeit ausübe, sonst aber in einem Kloster lebe, sehr
zurückgezogen von den Menschen. Ihn freuten die klaren,
offenen Äugen, die ohne Heuchelei sein Qrdensgcivand be¬
wunderten. Es entlockte ihm dies Staunen die Frage, ob sie
denn noch keinen katholischen Priester gesehen habe.
ES war ein Scherz, aber Reka faßte es als völlig ernst auf.
Sie verneinte ehrlich, so daß er stutzte.
„Sie sind >vobl evangelisch?" fragte er zögernd, denn ein
Aussragcu schien ihm veinlich.
In Reka ivar die Lockung groß, ihren Glauben zu ver¬
leugnen, denn sie glaubte der Gesellschaft dieses angenehmen
Menschen verlustig zu geben, wenn sie die Wahrheit sprach.
Ihre Ehrlichkeit aber litt keine Verleugnung, deshalb sagte
sie, indem sie den Kopf ein ivenig höher hob als zuvor.
„Ich bin Jüdin!"
Fest sah sie ibm dabei in die Augen, deren grauer Schimmer
wie eine schmeichelnde Hand war. Aber kein Zurückweichen
fand sic, kein Entsetzen, wie sie gemeint, nur ein leichtes
Wundern, wie cs allen ging, die mit Reka zusammenkamen und
in ihr unvermutet die Jüdin fanden.
Keine Nuance seines fcingeschnittcnen, charakteristischen
Antlitzes veränderte sich. Er blieb, an den Rand des Brunnens
gelehnt, ruhig wie zuvor.
Ta er ein hilfloses Blicken in den jungen Augen Rekas
fand, ein Aufbegehren, fand er die Frage:
„Sie sind sehr fromm?"
Rekas Aufregung sackte in sich zusammen. Sie saß wie
müde am Brunnenrand und schaute auf den sonnenschimmern-
den Boden, dessen Saud blitzende Pünktchen von sich gab, als
seien hier Schätze verborgen.
Endlich lachte sie ein bißchen auf, denn sie hatte noch eine
Frage zu beantworten.
„Wissen Sie, Hochwürden, ich kenne meinen eigenen Glauben
genau so wenig wie den Ihren!"
Der Pater hatte viele Fragen auf den Lippen, doch zwang
er sich zu der harmlosesten.
„Sind Sie froh darüber?"
Das harteNein aus dem Mund schien ihn zn freuen. Reka
erklärte gleich weiter.
„Man ist einsam und ausgesloßen ohne die Glaubens-
feftigkeit", sagte sie leise, und er nickte mit auflcuchtendem Blick.
Genau so hatte er ihr Inneres erschaut. Ihn freute als
kleine Eitelkeit immer, wenn seine Menschenkenntnis ihn nicht
in die Irre führte.
„Nicht nur einsam, liebes Kind, nein, auch arm ist man ohne
Glauben, bettelarm ..."
Er hatte sich vorgebeugt und sah nun in dem schimmernden
Gesichtchcn eine Qual, die nach Jahren der Gleichmütigkeit aus
dem Innern drang, weil ein Mensch daS rechte Wort zu ihr
gesprochen hatte.
„Ja, arm — bettelarm ..." wiederholte sie mit einem Grauen
in der Stimme.
Er nahm ihre Hand, plötzlich und in einer gefühlsmäßigen
Beivegung.
„Mißverstehen Sic mich nicht, es handelt sich bei mir jetzt
nicht um eine Seele, die ich meiner Religion retten möchte, ich
will keinen Menschen seinem Glauben abspenstig machen, aber
wenn er selbst sagt, er ist arm, sehr arm und seine Hände leer,
dann muß ich es versuchen, diese Hände zu füllen, indem ich
ihm meinen eigenen Glauben gebe..."
Er holte tief Atem, denn ein gepreßter Laut aus Rekas
Mund schnitt ihm die Rede ab.
Reka stand langsam auf. Mit ihr zugleich erhob sich Pater
Innozenz. Sie raffte ihre Tasche auf, legte den Riemen über
die Schulter, dann gingen sic zusammen weiter.
Erst nach einer kurzen Weile sprach er wieder mit seiner
sympathischen Stimme.
„Nun haben Sie mich doch mißverstanden ..."
Reka aber verneinte, sic hob die Hand zur abwehrenden
Geste.
„Neiif, gewiß nicht, ich weiß genau, was Sie wollen! Sic
ivollen nichts anderes, als was man mir schon immer bot, mir
Ihren Glauben zeigen und davon sagen, daß er edel und schön
ist. Das weiß ich auch, ohne daß man ihn mir zeigt, denn jeder
Glaube ist schön, wenn inan ihn besitzt!"
Er kämpfte mit einem kleinen Lächeln, dann wurde er jedoch
wieder ernst.
„Sie sind noch ganz ein liebes, offenes Kind, denn was ich
will, haben Sie doch nicht verstanden. Sehen Sie, ich bin auf
dem Weg zum Wallfahrtsort, nicht aber um eine Amtshand
lung auszuüben, sondern, wenn das in meinem Falle noch an-
zuwcuden ist, ganz privat, eines kleinen Gelübdes wegen. Und
ist das nicht die schönste Gelegenheit, Ihnen dort in St. Marien,
dem innigsten Wallfahrtsort der ganzen Gegend, etwas von
meinem Glauben zu zeigen. Denn St. Marien ist sozusagen ein
Ausschnitt aus der großen, katholischen Glaubensbewcgung.
Nur das allein verlockte mich zu meinem von Ihnen mißver¬
standenen Anerbieten..."
Reka suchte nach Worten, sie konnte Pater Innozenz mit
nichts Besserem beweisen, daß ihr Mißtrauen schwand, als
indem sie daS eigene Zögern verivarf und von ihm nahm, was
er ihr anbot.
Ueberdies dürstete sie danach, an der Hand dieses Mannes
ein Stück fremden Lebens kennen zu lernen, aus einem be¬
rufenen Mund von Glauben und Unglauben zu hören, wogegen
sie sich die langen Jahre in der Pension verschlossen hatte, um
es doch herbeizusehnen.
Sie war noch zu sehr Kind, um aus einem solchen Bündnis
zwischen sich und einem katholischen Priester eine Gefahr für
ibrcn eigenen Glauben zu sehen, und spürte in sich die tteber-
zcugung, daß Pater Innozenz aus reinsten Gefühlen heraus
sich ihr als Führer anbot.
Rlir ein leichter Widerstand,'förmlich eine Waffe, stieg in
ihrer Seele empor. Sie sah den schlanken Priester an und sagte
leise- als sei dies eine Mahnung sür ihn und für sich zugleich:
„Meine Eltern sind beide tot. Sie waren sehr fromme
Juden, es würde ihnen, wenn sie noch lebten, schrecklich wehe
tun, wenn ich jetzt ja sagte!"
Er sah sie erschrocken an. Dann aber nahm er ihre Hand
und drückte sie warm.
„Wenn Sie selbst doch gar keinen Glauben haben in diesem
Augenblick, dann ist eS doch für Sie unmöglich, auch nur mit
einem Blick den einen oder den anderen Glauben zu verletzen.
Verstehen Sie mich^ Ihrer Eltern Glaube ist nicht der Ihre,
denn es fehlt die Saat, die in ihrem Gemüt hätte aufgeben
müssen. Deshalb ist es keine Sünde, ivenn Sie initgchen, Sie
tun ja nichts Böses. Man betrachtet im Leben noch öfters
Dinge, die im eigentlichen Sinne nicht für einen bestimmt sind;
ich meine, eine solche kleine Betrachtung, wie ich sic Vorschläge,
macht Ihnen vielleicht das Herz leichter."
(Fortsetzung folgt.)
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