4
nr.6.
bamburg, 9. s'ebtuar 1922.
rq. Jahrgang.
I il el
%
II
Erscheint wöchentlich am Donnerstag.
Abonnements n erden ittir bei den Postämtern angenommen.
Bezugspreis pro Vierteljahr 9.- M a r k.
Post-Abonnement. fi'r Oeb erreich siebe Post-d eitnnas-Liste Nummer
2321. — Bei 8nlenduna dnrck Streifband iur Cenischland.
f ?b!>rr-ich. Saorvebiet. tnreinbnra. Destv»len. Tan- a nnd
^ Memelaediet Park 22.— stir a».e r^'der N-nr, 20.—.
Schriftleitung und Geschäftsstelle:
Hamburg, ABC-Stratze 57
Fernsprecher: Elbe 7010 und 7911
Postscheck-Konto: Hamburg 'lir. 8295
unter Israelitisches Familienblatt"
Anzelnenpreite: für die 7-aesvaltene. 30 mm breite NonvareiUezeile ^
oder deren Mount bei SteUenneln«1ieu und Familienanzeioen Mk. 2.
bei Stellenanaeboten Mk. -4» bei allen übriaen Anzeiaen Mk. r»; bei
Deiratsanzeiaen unter Chiffre Mk. IN. bei allen übriaen Cbiffreanzeiaen
Mk. H Cdiffreaebübr. Reklameanzeioen am Tert Mk. 2«) die 3-aelvalt.
8H mm breite Nonoarei le»eile. ^eUoaen Mk. 17*» vro tniiicnö.
Anzeiaenoebilbren werden ver Postaniveiiuna oder auf Poitscheikkanro
Hambnra 82U5 unter »Israelit. Damilienblatt" erbeten. An >oncen-
annab ne b.d. Keschaltsstelle ».a len'Ann.-Cco. Erilillunasort Hamvnra. st
Diese Nummer enthält 8 Seiten.
Einrelunurmern dieser Zeitung kosten 75 Pfg., bei
freier Znfendnng Mk. 1.75.
- - - - ■ ■ ■
» Adonnrurent nur durch die Post
für Februar/März
9V~ 6.00 Mk ^
Jede Postanstalt nimmt Abonnements-Bestel¬
lungen entgegen. Postzeitungs - Liste für Oesterreich
Nr. 2321. Bei direkter Zusendung des Blattes durch Streifband
beträgt der Abonriementspreis für Deutschland, Oesterreich,
Saargebiet, Luxemburg, Westpolen, Danzig und Memclgebiet
Pro Bierteljahr 22,00 Ji. für alle übrigen Länder 20,— M.
Eisenbahnerstreik.
Wegen der durch den Eisenbahnerstreik hervor-
gerufenen Verkehrsstörungen sind wir leider ge¬
nötigt, Text und Eesamtumsang dieser Nummer
«n'eres Blattes einzuschränkcn. Auch eine etwaige
verzögerte Zustellung derselben erklärt sich aus
diesem Grunde.
Redaktion und Verlag.
„Ohne Unterschied der Uonfession."
Don berufener Seite wird uns geschrieben:
Durch die Zeitungen ging vor kurzem die Nach¬
richt. dag ein reicher jüdischer Herr, der Bankier Hugo
Herz seid in Berlin, dem Reichspräsidenten Eberl
b Millionen Mark zur Verteilung an dürftige Stu*.
beuten übergeben hat. Das ist, namentlich in der
Zeit der Herrschaft des Egoismus^ ein schönes Denk-
mal jüdischer Wohltätigkeit. Denn wir haben bis heute
nicht gehört, dag die Herren S t i n n e s und T h y f -
l e n oder gar unsere Grohagrarrer. die doch über
ganz andere Vermögen als die reichsten Juden in
Deutschland verfügen, Summen in bie,er Höhe für
derartige humanitäre und soziale Zwecke gespendet hät¬
ten. Auch dag der Jude in der Wohltätigkeit nicht
nach Glauben und Abstammung fragt, ist ebenso im
modernen Geiste wie im Sinne der jüdischen Tradi¬
tion. Schreibt uns Juden doch das religiöse Gebot
vor, jeden, der Menschenantlitz trägt, zu achten und
J u lieben. Wir können uns eine Religiosität ohne echte
Renschlichkeit gar nicht denken, und bte Barmherzigleit
hat stets einen Grundzug des jüdischen Charakters ge¬
bildet.
Wenn aber in uns Zweifel aufkommen, ob die
großherzige Tat in dieser Form ihr Ziel erreichen
wird, so liegt das nicht am Mangel idealer Auffas¬
sung, sondern an den traurigen Verhältnissen unserer
Zeit. Gewitz ist der Jude Mensch und Mitglied der
deutschen Gemeinschaft, aber er hat auch die heilige
Pflicht, die jüdischen idealen Interessen zu
vertreten. Diese sind aber, wie die Verhältniste heule
einmal liegen, durch die Bestimmung „ohne Unterschied
der Konfession und der Partei" nicht genügend ge¬
wahrt. Wir wissen, datz viele der christlichen
Studenten, die gern die Unterstützung des Juden an¬
nehmen. heute noch in ihrem Herzen antisemitisch oder
miudestens asemiti.ch sind. Das würde uns nicht stören.
Die jungen Leute können häufig nicht dafür. Sie sind
meistens in einem engen Milieu grotzgeworden. wo die
alten preußischen Traditionen allen Fortschritt der Neu¬
zeit verdrängten oder wenigstens verdunkelten. Die
plötzliche Umwandlung Deutschlands in einen Freistaat
auf demokratischem Geiste hat ihnen den alten Nim¬
bus genommen und sie haben noch nicht die Zeit ge-
fundeiu umzulernen und sich mit der Neuzeit auszusöh-
nen. So haben sie sich aus Mangel an Kenntnis der
Gegenwart und ihrer Bedürfnisse, der Zukunft und
ihrer Ideale ins reaktionäre Lager geflüchtet. Wir
hoffen mit den Idealisten des deutschen Volkes, das;
viele dieser jungen Leute zu einer besseren Ansicht
und Einsicht heranreifen werden. Besitzen wir doch
in den Reihen der Demokraten und Sozialisten —
wir erinnern nur an Hellmuth vonGerlach, Wolf¬
gang Heine und den verstorbenen Hans Leutz —
viele, die ebenfalls in ihrer Studienzeit im seichten
und unreinen Teich instinktiver und ange.crnter Phra¬
sen lebten und die später den Weg zur Klarheit
und Wahrheit gesunden haben. Vielleicht sehen diese
Studenten ein, datz die Juden doch etwas anders
find, als sie die dentschnationalen Blätter schilderten.
Jedenfalls hoffen wir, datz ein Akademiker mit deut¬
schem Ehrgefühl sich schämen wird, sich antisemitisch
zu betätigen, wenn er jüdische Wohltaten empfan¬
gen hat.
Aber es liegt doch sicherlich in der Absicht des hoch¬
herzigen Spenders, datz die Mitglieder sei¬
ner religiösen Gemeinschaft, die jüdi¬
schen Studenten, nicht ungünstiger als anders¬
gläubige behandelt werden, oder gar von dieser Wohl¬
tat nicht ausgeschlossen werden sollen. Diesen Willen
hat er schon dadurch bekundet, datz er seine „Deutsche
Studenteuhilfe (Hugo 2. Herzfeld-Slistung)" dem
Reichspräsidenten Eberl überwies, einem Manne, des¬
sen politische Grundsätze, beifeu bewahrtes Gerechlig-
keits- und Taktgefühl eine mißbräuchliche parteiische
Verwendung der Stiftungsmittel verhüten sollen. Trotz¬
dem scheint uns dieses Ziel auf diesem Wege immer¬
hin sehr gefährdet. Schon vor dem Kriege war es
leider nicht selten, datz bei allgemeinen Stiftungen, die
von Juden stammten, nicht der Geist wahrer Objek-
tivität angewandt wurde. Ja, es gab jüdische
Stiftungen, die noch nie Juden zugute kamen.
Haben wir die Gewitzheit. datz es heute besser wird?
Der Reichspräsident kann nicht persönlich im einzelnen
die Verwendung der Stiftuugsmiktel überwachen. Ei
kann dafür nur allgemeine Richtlinien geben. Er ist
auf die Mitwirkung von Sachverständigen und akade¬
mischen Gutachtern angewiesen. Viels Uistversitätsbe-
hörden und viele Hochschullehrer sind aber nicht frei
von antisemiti.cher Engherzigkeit, und wenn in ihrer
Hand die Prüfung der Würdigkeit und Dürftigkeit
der Petenten liegt, dann ist die Gefahr nicht von der
Hand zu weisen, datz die Juden dabei schlecht weg¬
tommen. Mau braucht ja gar nicht dabei bösen Willen
vorauszusetzen, sie sind vielleicht subjektiv von ihrer
Gerechtigkeit überzeugt. In ihrer Vorstellung ist jeder
Jude ein reicher Mann und jeder jüdische Student der
Besitzer eines hohen Wechsels. Warum sollen sie
Juden berücksichtigen? In Wirklichkeit aber liegt der
Fall umgekehrt. Die Zahl der Studenten aus den
Reihen des Mittelstandes und der ärmeren Klassen ist
bei Juden viel grötzer als bei Christen,
und datz die jüdischen Studenten an Fleitz und sittlichem
Ernst ihren nicht,üdischen Kommilitonen nicht nachslehen,
wird niemand bestreiten. Es kommt noch hinzu, datz
die Juden meistens eine angeborene Scheu haben, ihre
Armut Richtjudeu gegenüber zu offenbaren. Sie sind
seit Eenerationeu daran gewöhnt, mit ihren Sorgen
und Schmerzen im engen, diskreten jüdischen Kreis
zu bleiben. Sie werden sich also nur in den seltensten
Fällen an die allgemeinen Stiftungen wenden und
dann nur in den seltensten Fällen gerechte Berücksich¬
tigung finden. Das; die o st j ü d i s ch e n Studenten,
die häufig in größter Not leben, selbst wenn sie deutsche
Reichsangehörige sind, wie die Herzfeld-Stifluug ver¬
langt, gänzlich ausgeschlossen bleiben werden^ braucht
wohl nicht gesagt zu werden. Wir werden alio wieder
die beschämende Erfahrung erleben, datz jüdische Wohl-
tätigkeitsgelder jüdischen Armen. die doch in erster
Reihe darauf Anspruch hätten, so gut wie ganz 'vor¬
enthalten bleiben. Und das geschieht durch die falsche
Anwendung eines an sich hohen ethischen Prinzips!
Es gibt wohl einen Weg. dem Prinzip der weit¬
gehendsten Gerechtigkeit Rechnung zu tragen, ohne die
jüdischen Intere,sen zu vernachläisigen. Heute täte
jeder jüdische Wohltäter gut. einen T e i'l
sei »i er allgemeiiien Spende jüdischen Or¬
ganisationen zu übergeben für jüdische
Bedürftige. Er ist dann sicher, datz sie wirklich
unparteiisch verwendet wird. Es will uns scheinen, datz
es der Sache der wahren Wohltätigkeit mehr dienlich
und auch den jüdischen Zwecken ersprietzlicher wäre, wenn
ein Teil dieser Herzfeldichen Millonenspende zum Bei¬
spiel dem Deut'chJsraeliti.chen Gemeiudebund zur Ver¬
teilung an jüdische Studenten übergeben worden wäre.
Auch in der Zukunft können wir den Wohltätern nur
raten, bei aller Grotzzügigkeit der Gesinnung auch
der jüdischen Armen nicht zu vergessen.
Sie sind in erster Reihe auf die jüdischen Gönner
angewiesen und sie haben Anspruch auf angemessene
Berücksichtigung. Aber auch bei den allgemeinen Stif¬
tungen täte man gut, sich zu sichern, datz tatsächlich
die Bestimmung „ohne Unterschied des Glaubens" nicht
zum leeren Wort wird. Das kann geschehen, wenn
die Urkunde der Stiftung anordn et, datz
auch Juden neben Protestanten und Ka¬
tholiken Sitz und Stimme im Kuratorium
haben. Datz diese Juden nicht ungerecht gegen Be.
werber anderen Glaubens sein werden, davor ist man
sicher.
Es ist grob juristisch formal gedacht, wenn man
sagt, jeder könne mit seinem Gelde machen, was er
wolle. Nationalökonomisch liegt die Sache doch so.
dah kein Vermögen entstehen kann ohne indirektes
Mitwirken der Gesellschaft, in der man lebt. Jeder
Vermögende hat daher auch Pflichten gegen die Ge¬
sellschaft. gegen die engere und weitere Gemeinschaft.
Nach der altjüdischen Auffassung, in der der idealste
Sozialismus verkörpert ist, ist der Reiche nur der
Verwalter des ihm von der Vorsehung
anvertrauten Reichtums und er ist Rechen¬
schaft schuldig über die Verwendung des fremden Gutes.
Jeder Wohltäter erstrebt ein hohes ethisches Ziel, und
Sache der Oeffentlichkeit und ihrer Organe ist es,
chm den Weg zu diesem Ziele zu bahnen.
Niemand wäre glücklicher als wir Juden, wenn das
Ideal unserer Propheten zur Wirklichkeit würde und
jeder Mensch in seinem Nebenmenschen nur den Men¬
schen. den Genossen, den Bruder sähe. Svlailge aber
dieses messianische Ideal noch nicht erreicht ist, haben
wir zu sorgen, datz unseren jüdischen Armen der be¬
scheidene Platz an der Sonne nicht verkümmert wird.
Alle Güte mutz, wenn sie Gutes stiften
soll, mit Klugheit gepaart sein. Das ent¬
spricht dem jüdischen Geist und dem sozialen Sinn der
Neuzeit.
Allgemeine Jüdische
Kolonisations-Organisation und Hilfskomitee
für Palästina.
Unter denj Vorsitz von Kommerzienrat Gerson
Simon fand Ende Dezember in Berlin die General¬
versammlung der A.2.K.O. statt, in der Dr. Alfred
N o s > i g den Bericht über die Tätigkeit der Orga¬
nisation sowie der mit ihr verbundenen Palästina-
Institutionen, des Hilfskomitees für Palästina, der
Orient Eolonisiiig Co., sowie der osteuropäi,chen Boden-
Erwerbs-Geselljchaften erstattete.
Vorbereitung einer „Jüdischen Emigrationsbank".
Während seines Warschauer Aufenthalts arbeitete
Dr. St o s s i g Hand in Hand mit den dortigen zioni¬
stischen Kreisen, sowie mit den Vertretungen der ame¬
rikanischen Gesellschaften „Hias" und „Joint Distribu¬
tion Committee", ferner mit dem in Warschau gegrün¬
deten Zentral-Emigrationskomitee an der Schaffung einer
„Jüdischen Emigrationsbank", welche die Emigration
osteuropäischer Juden nach Palästina, aber auch nach
Amerika und anderen Ländern, auf kommerzieller
Grundlage unterstützen soll. Die Satzungen der Emi¬
grationsbank wurden von dem polnischen Finanzmini¬
sterium genehmigt: auch die gesetzlich erforderlichen Ein¬
zahlungen wurden bereits geleistet. Nur die Genehmi¬
gung des Ministeriums für Arbeit und soziale Für¬
sorge steht noch aus.
Tätigkeit des „Hilfskomitees für Palästina".
Das Hilfskomitee verdankt die Aufbringung seiner
Fonds hauptsächlich der Tätigkeit eines Rabbiner-
Ausschusses. als dessen Vertreter Rabbiner Dr.
B a e d und Dr. Meier Hildesheimer der Lei¬
tung des Komitees angehöreu. Auf Antrag seines
Rabbiner-Ausschusses hat das Hilfskomitee bereits" im
Jahre 1920 den angesichts der heutigen Valutaver-
hältnisse besonders empfehlenswerten Weg eingeschlagcn,
die in Deutschland für Palästina-Zwecke gesammelten
Gelder auch im Geltungsbereiche der deutschen Valnta
zu verwenden und die Kolonisation durch Sachgüter
zu unterstützen. Um die Ueberseudung der landwirt¬
schaftlichen Geräte nach Palästina, wozu ausländische
Valuta erforderlich war, zu erleichtern, traf das Hilfs¬
komitee ein Abkommen mit dem Palästina-Departement
der Zionistischen Organisation in London. Letzteres
übernahm die Kosten des Transportes sowie die Ver¬
teilung der Geräte in Palästina. Leider wurde ein
kleiner Teil der Geräte gelegentlich der Mai-Unruhen
in Jaffa von den Arabern geraubt.
Kooperation mit zionistischen Palästina-Institutionen.
In der Diskussion, die sich an den Tätigkeitsbericht
anschlotz, betonte Kommerzienrat Gerson Simon t datz
angesichts der gewaltigen Aufgaben, die der Palästina¬
aufbau gegenwärtig eröffne, die Zusammenarbeit mit
anderen Palästina-Institutionen, insbesondere mit den
zionistischer;, irr Zukunft sich noch enger gestalten mützte.
Dieser Ansicht stimmten dre Anwesenden bei. Es wurde
zur Kenutuis genommen, das; die Verhandlungen,
welche Dr. Nossig betreffs eiirer engeren Kooperation
zwischen der A.J.K.O. sowie dem „Hilfskomitee für
Palästina" und dem „Keren Hajesjvd" mit Dr.
H a n t k e geführt hat, kein positives Ergebnis gezei¬
tigt haben, da der Keren Hajes,od Vereinbarurigen
solcher Art in sein Programm nicht aufgenommen hat.
Mit Rücksicht ans die Tatsache, dah die zionistische