{Himfmrg, 3. Januar 1924 2-^
Kummer 1
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Üchduth-Gründungrversammlung.
Eine Vereinigung gesetzestreuer Juden Deutschlands.
Vor roenigen Tagen wurde in Frankfurt a. M. die Ver¬
einigung gesetzeSlreuer Juden Deutschlands unter dem Namen
Achduth begründet. Achduth, das heißt Einheit und will
besagen, daß im Gedanken der Einheit all die zusammengesaßt
werden sollen, die in Gesinnung und Tal Gleiches ersehnen,
nach Gleichem streben. Ein langersehnter Wunsch innerhalb
der lhoralreuen Judenheit ist damit in Erfüllung gegangen;
der Gedanke deS Kelo! Iisrael, der Gedanke von der
Einheit Israels ist damit zur Tat geworden. Und ganz be-
ssnders ist dabei zu erwähnen, daß dieser Zusammenschluß un¬
beschadet der politischem und taktische: Einstellung des Einzel¬
nen erfolgt ist.
Etwa 100 Männer aus den verschiedenen Teilen Deutsch¬
lands hatten sich vorige Woche in Frankfurt zusammenge¬
funden, um dem, was seit langem einen jeden auf
dem Boden der jüdischen Ueberlieferung stehenden besonders
schmerzlich berühren mußte, nämlich dem Auseinanderstreben,
dem Eichnichtverstehenkönnen oder Sichnichtverstehenmollen
ein energisches Ende zu machen. Sie alle waren erschienen,
deS Ernstes der Stunde sich bewußt, geeint in dem gleichen
Wollen und Wünschen und getragen von der gleichen Idee und
Ueberzeugung. Schon rein äußerlich bot das Bild der Ver¬
sammlung etwas Anziehendes. Natürlichkeit, Frisci)e, Lebendig¬
keit eigneren ihr. Da iah man die rabbiniscl-en Führer,
welche wohl am meisten unter der religiösen Zersplitterung
leiden, die in der Geschlossenl>eit ihrer Weltansci>auiing schon
die Idee der Einheit verkörpern. Unter ihnen ragte besonders
der neue Frankfurter Raw, Dr. H o f f m a n n hervor, dessen
Zielbewußtsein, frei von Ueberheblichkeit, mit dem gesunden
Sinn für die Forderungen des Tages sich verbindet. Wenn
man den Wohllaut seines Organes, die Natürlichkeit und Klar¬
heit seiner Gedanken' in sich aufnimmt, steht man sogleich in
seinem Banne. Man verehrt in ihm den geborenen Führer.
Daneben Rabbiner Dr. U n n o - Mannheim, den sein ab¬
wägenden, abgeklärten Theoretiker, der durch seine halachischen
Erörterungen der Diskussion bestimmtes Ziel und Richtung
angibt. Beide Männer zusammen, erscheinen geradezu als
Symbol der Achdulh. Und außerdem eine ganze Reihe be¬
kannter Rabbiner und Lehrer aus den verschiedensten Gegen¬
den des Landes, die sich gern in den Dienst der Achduth stellen
wollen. Männer de? kommerziellen Lebens, wie Kommerz''en-
rat Siegmund F r ä n k e l - München und Kommerzienrat
Georg Marx aus Königsberg haben durch ihren Beitritt zu
der neuen Vereinigung zum Ausdruck gebracht, daß sie in ihr
für die Zukunft des thoratreuen Judentums eine sichere Ge¬
währ erbl!cken. Was aber dieser Versammlung ihren eigen¬
artigen Reiz verlieh, was das starke Vertietensein der
Jugend, einer Jugend, die mit der Schwungkraft des
Idealismus und dem Ernst der Problematik das Bedürfnis für
die Achduth miterwiesen hat. Diese Jugend ringt um die
Probleme, will nicht im Fanatismus der Sicherheit wie mit
Scheuklappen durch die Welk ziehen, sie will milarbeiten, mit¬
gestalten, mitschaffen.
Und nun zu der Versammlung selbst. Würde und Vera nt-
wortnng-gefühl kennzeichneken sie. Keine homiletischen Reden,
keine Redensarten und phraseologischen Betrachtungen. eS war
eine Versammlung der Arbeit und Formung. So stark auch
die Versuchung oft war, persönliche Wünsche in den Vorder¬
grund zu stellen, immer wieder setzte sich der innere Zwang,
m»r daß Allgemeine )n Betracht zu ziehen, mächtig durch, und
so gelang es in angestrengter Diskussion eine Förderung des
Iieleß insoweit zu erreichen, daß Satzungen und Versasiung
besprochen, gewürdigt nnd angenommen, somit die Achduth
konstituiert werden konnte. Ihr Zweck ist die Zusammenfasiung
aller auf dem Boden der Einheit der jüdischen Ge¬
meinschaft stehenden gesetzestreuen Juden Deutschlands
zur gemeinsamen Lösung der dem thoratreuen Juden¬
tum erwachsenden Aufgaben. Mit dieser Formulierung, die
in einer besonderen Programmschrift neben andern Punkten
noch im Einzelnen begründet werden soll, ist im Statut Zweck
und Ziel der Achduth festgelegt. Damit ist nunmehr endgültig
die Legende von den zwei Judentümern erledigt. Und nun
ist es Sache derer, die nie müde werden, von der Einheit
Israels zu sprechen, auch durch die Tal zu zeigen, daß es ihnen
Ernst ist mit diesem Bekenntnis. Es ist dabei ganz gleich¬
gültig, wie man jüdisch politisch eingestellt ist, wie man ge¬
meindepolitisch orientiert ist, es hfde't darum, unter nach¬
drücklicher Betonung der Einheit der jüdisck)en Gemeinschaft,
die Stärkung des gesetzestreuen Judentums in allen jüdischen
Gemeinden Deutschlands und die Zusammenfasiung aller auf
dem Boden der Thorclreue Stehenden zur gemeinsamen
Lösung der dem thoratreuen Judentum erwachsenen Aufgaben
zu ermöglichen. An dem Wirken dieser Vereinigung, die ein
mitbestimmender Faktor In der deutschen Judenheit werden
wird, haben alle Juden Deutschlands Interesse, weil dadurch
die Einheit der gesamten Judenheit gefördert und gestärkt
wird. Ein glücklicher Stern waltete über dieser Versammlung,
die Erfahrung des Alters, die Begeisterung der Jugend, jüdi¬
sche Gelehrsamkeit und Wissenschaftlichkeit, jüdisches Herz und
jüdische Tat verkörperten bereits diese Einheit.
Mit allen Erfordernissen eines Versammlungsleiters aus-
gestattet, lenkte Herr Dr. Albert Sondheimer mit Ge¬
schick und Ucberlegung den Gang der Verhandlungen. Wo es
erforderlich wurde, mäßigend und besciMichtigend, immer das
große Ziel im Auge, um dessenwillen man zusammenkam, ver¬
stand er es, kortlter in rs, suaviter in modo seines Amtes zu
walken.
Von dem Widerhall, den die Frankfurter Gründungsver¬
sammlung in den Kreisen der gesetzestreuen Judenheit finden
wird und von der geistigen Struktur, die sich in der Achduth
herausbildet, wird ihre Entwicklung und Stellung in der deut¬
schen Judenheit abhängen. Wenn nicht alles täuscht, so steht
das gesetzestreue Judentum in Deutschland, desien Bedeutung
tn den letzten Jahren durch den allgemeinen religiösen Zug
der Zeit stetig gewachsen ist, om Anfang einer neuen Epoche.
Große Aufgaben für den Kelal Iisrael harren seiner. Des¬
halb: Wenn nicht jetzt, wann denn!
Der verlauf der Gründungsversammlung.
Am Mittwoch, den 26. Dezember, fanden sich im Büro der
Finna Sondheimer die zu der Versammlung Eingeladenen
ein. Um 10 Uhr eröffnet Dr. Albert Sondheimer als
Vorsitzender des provisorischen Komitees die Versammlung,
gibt in einer fein stilisierten Programmrede einen Ueberblick
über die historische Entwicklung der letzten Jahrzehnte in der
gesetzestreuen Judenheit. Ausgehend von der Renaissance, die
S. R. Hirsch herbeiführte, erstand durch die Berufung von
Rabbiner Dr. Markus Horovitz nach Frankfurt eine Er¬
neuerung des gesetzestreuen Judentums innerhalb der Ge¬
meinde. Die Zwiespältigkeit des gesetzestreuen Judentums,
Mangel an persönlicher Rücksicht und andere Gründe haben
eine Einheit vereitelt. Die Entwicklung der Dinge hat den
Zeitpunkt jetzt herbeigeführt, wo, ohne den Zwiespalt zu ver-
'chärfen, durch einen festen Zusammenschluß aller Gleichge-
nnten, diele Einheit sich verwirklichen läßt.
Dann hielt Rabbiner Dr. Unna- Mannlieim ein Referat
über die Idee des Arewus, der religiösen Bürgschaft eines
Jüt den andern und ver Zusammengehörigkeit aller Juden zur
lüdikchen Gemeinde. Für kurze Zeit lebte die Erinnnerung
an oen unseligen Streit zwischen Rabbiner S. R. Hirsch und
Rabbiner S. B. Bamberger wieder auf und der Enkel Rab¬
biner Bambergers konnte mit innerer Genugtuung feststellen,
daß die Idee des Arewus ausgcjprock^en als hcilachsiche Bin¬
dung den Sieg davongetragen habe über den Geist der
Trennung. Die Fragen des Statutes besprach Herr M. A.
Lob, wies auf die Notwendigkeit der Organisation hin, auch
auf die Notwendigkeit der organisatorischen Zusammenfassung
der bereits bestehenden Vereinigungen W^ÜÜLÜlÜ ^l l Ziesels
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und die Hinzuziehung der nicht organisierten. Da auch Selbst¬
verständliches gesagt werden muß, so betonte der Redner, daß
die neue Vereinigung ohne Kvmps und Schärfe ihren Weg
gehen müsse, nur das gemeinsame Interesse in den Vorder¬
grund zu stellen habe und in Familie, Gemeinde und Staat
ringend, bindend, fördernd und helfend sich betätigen wolle.
Die Gleichwertigkeit aller gesetzestreuen Elemente ist eine
selbstverständliche Voraussetzung. — Daran schloß sich die Dis¬
kussion über die drei ersten Paragraphen des Statutes,
über den Namen, Zweck des Vereines und die Mitgliedschaft.
In einer besonderen Einleitungsschrist, das ergab sich aus der
anregenden Diskussion, soll im näheren alles Wissenswerte
oder noch nicht klar ßenug Herausgearbeitete dargelegt werden.
Daß die neue Vereinigung olle Gesinnungsgenossen, ganz
gleich wie sie gemeindepolitisch orientiert sind, in sich umsasien
soll, war der allgemeine Wunsch. Die sogenannte Austritlsfrage
darf der Zugehörigkeit zur Achduth nicht hinderlich sein, sonst
wäre die Idee eine verfehlte. Selbstverständlich wird die Ach-
Mich her Not der kleinen Gemeinden, der Not unserer jüdi¬
schen Bildungsctttst"'^n besonderes Jnteresie und kräftige Hilfe
entge^enbrlngen. Das gleiche gitt Ausbau Palästinas,
der eine Herzenssache jedes einzelnen uno^L? -§^amtheit
bilden muß. ^ -—-
Nach einer kleinen Mittagspause, in der alle Anwesenden
als Gäste des Herrn Dr. Sondheimer sich stärken und erfrischen
konnten, kam es zur Abstimmung. Das Statut mit einer ent-
'prechenden Einkeilungsscbrift wurde genehmigt. Als Sitz der
chduth ist Frankfurt gedacht. Vom Zweck der Vereini¬
gung war oben in der allgemeinen Betrachtung schon die Rede.
Jeder Jude und jede Jüdin, die den Zweck der Vereiniaung
zu fördern bereit sind und Vereine, Verbände, deren Bestim¬
mungen mit dem Ztvck der Vereinigung in Einklang stehen,
können die Mitgliedschaft erwerben. Wablen zum Vorstand,
in den Ausschuß, eine Kommission für Literatur und Presie usw.
wurden voraenommen. Gegen 6 Uhr schloß der Vorsitzende
Herr Dr. Albert Sondheimer, der auf aller Wunsch den Vor¬
sitz behalten wird, die Versammlung und Herr Löb sprach ihm
den Dank der Anwesenden für die treffliche Führung der 3k*
schäfte aus. Dr. A, J.
Von agudistisch - offiziöser Seite wird folgender Be¬
richt ausgegeben:
Angeregt durch die Beratungen der deutschen Landsmann¬
schaft auf der Kenessio Gedaulo, hatte der Vorsitzende des Grup¬
penverbandes der AgudaS Jisroel für Deutschland, Rabbiner
Dr. A u e r b a ch - Halberstadt, die Vertreter der unabbängiaen
gesetzestreuen Organisationen Deutschlands zu emer Be¬
sprechung nach Frankfurt eingeladen. In der Sitzung waren
vertreten: Gruppenverband für A. I. für Deutschland, A. I.
Jugendorganisation. Bund der gesetzestreuen Gemeinden, Freie
Vereinigung für Jnteresien des orthodoxen Judentums, Leh¬
rer- und Rabb'nerverbände. Ai's der Fülle der Anregungen
und Beschlüsse seien nur die folgenden erwähnt:
Eine Kommission aus Mital'edern der Freien Vereinigung
wurde beauftragt, für die minderbemittelten Kreise
Mazzos zu beschaffen. Auch sollen schon jetzt Vorbereitungen
für die Mazzosversorgung 1925 getroffen werden. Um der
ungeheuren Not in Tefilin und M e s u s a u s zu steuern,
wurde die A. I. Jugendorganisation beauftragt, sofort eine
Konsumgenossenschaft für Ritualien
ins Leben zu rufen, die den Ein- und Verkauf von Ritualien
übernehmen soll. Vielfach wurde in der Sitzung der Mangel
an Mohellm beklagt. Auf Anregung des Herrn Hugo
Bandi-Franksiirt sollen alle Agudagruppen aufgewrdert werden,
Mitglieder, die sich zur Ausbildung von Mohelim eignen,
namhaft zu machen. _
MWerBmM an öf rBerlinerfliiüieriitflt
Der Numerus clausus als Ziel.
Die Exzesse an der Wiener Universität haben
sich nicht als Einzelerscheinungen, sondern als Glieder
einer großen Kette herausgestellt. die über Oesterreich.
Ungarn, die Tsägechoslowakei nach Deutschland führte.
Die völkische Internationale hat ihre Propaganda an
den deutschen Hochschulen und in den letzten Jahren auch
besonders an der Berliner Universität mlfaltet. Nun
hat man zum ersten „entscheidenden" Sailag ausgeholt.
Dem Ausschuß der Studentenschaft und dann, als
dieser sich nicht für zuständig hielt, dem Studenten¬
parlament wurde folgender Antrag unterbreitet:
„Um das übermäßige Anwachsen der Zahl der
jüdischen Studierenden zu verhindern, wird der
Ausschuß der Studentenschaft beauftragt, dafür zu
lora en. daß in Zukunft in die Perlonalkarten «ins
! !