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Der alte Roos hatte ihr, nachdem er sie eines
Abends Arm in Arm mit van Salland getroffen hatte,
einen Brief geschrieben des Inhalts, daß sein Haus
ihr in Zukunft verschlossen sei. Höhnisch hatte Miriam
den Brief weggeworfen. „Sein Sohn war zu vor>
nehm, zu fromm für mich — geht es ihn was an,
wenn ich mit van Salland verkehre?" hatte sie wL-
tend gerufen. Wer gab noch etwas um sie? Was hatte
sie mit den Juden zu tun? Ware es nicht um Selig
und Keile gewesen — keinen Augenblick hätte sie ge¬
zögert, dem Ionkheer zu folgen. . .
Am Rausch Haschonoh war es geschehen. Während
Keile und Selig nach der Synagoge gehumpelt waren,
wo der alte Roos mit erschütternden, langgezogenen
Tönen das Schofar blies, hatte vor Keiles Manufaktur¬
warenladen van Sallands Auto gehalten. Am Heiligen
Neuiahrstag hatte Mirjam Keiles Haus verlassen, hatte
sie die Bande abgeschnitten, die sie noch an das Juden¬
tum fesselten — war sie nach der Ville lumiere, der Stadt
des Lebens, der Metropole der Verderbnis gegangen ...
Vom Oare du Nord waren sie direkt in ihr Hotel
gefahren. Katzbuckelnd war der cbek de reception mit
dem Gästebuch zu ihnen gekommen, damit sie ihre Namen
erntrügen, und errötend, innig glückbch^ sah Mirjam^
wie der Mann, der sie entführt hatte, in das Buch
schrieb: fonkkeer et fonkvrouwe van Salland . . .
Lächelnd hatte er Mirjam angesehen. „Morgen werde ich
beim Konsulat die nötigen Schritte unternehmen . . .
ein paar Zeugen, und wrr sind getraut!" sagte er froh.
Wieder durchdrang Miriam einen Augenblick heftig
der Gedanke an ihren Abfall . . . Vor ihrem Geist er¬
schien das Bild eines jungen Mannes, der sie in ihrer
unschuldigen Jugend gekannt hatte. Einen Augenblick stand
sie wie zerschmettert. Sie. Seligs Enkelin, die einst
davon geträumt hatte, die Frau eines Rabbiners zu
werden, sollte bald förmlich den Alten Glauben ab¬
schwören . . .
Doch van Salland sah ihren Zwiespalt. „Es ist
doch nur eine Formalität", sagte er. „Ich glaube nichts
anderes, als dah du das liebste Frauchen der Welt
bist. Alle Domini, Pastoren und Rabbiner können von
mir aus an den Mond gehen! Was die Leute sagen,
ist immer Unsinn. Komm, sei nicht so sentimental, gehen
wir auf unser Zimmer: erfrisch' dich ein wenig. Es ist
ja nur für den Alten . . ."
Willenlos lieh Mirjam sich mitführen. Doch noch
hatten sie den Lift, der sie in ihre Appartements tragen
sollte, nicht erreicht, als ein Pikkolo angerannt kam.
„Un telegramme pour le baron van Salland!" sagte
er, die Depesche überreichend.
Hastig rih dieser sie auf. Erschreckt las er den In¬
halt. Mirjam, die sein erblaßtes Gesicht sah. fragte
besorgt: „Schlechte Nachrichten?"
Doch van Salland beruhigte sie. „Ein Telegramm
vom Alten", -sagte er nervös. „Er ist dahinter gekommen,
dah ich mit dir in Paris bin — er ist wütend, drpht
mich zu enterben, mir jede Unterstützung vorzuenthalten,
wenn ich doch meine Absicht, dich zu heiraten, durchs
setze. Schade — eine verzwickte Geschichte, denn mit
dem Alten ist schlecht Kirschen essen, wenn er seinen
Koller hat. Das verfluchte Geld gibt ihm die Macht.
Aber fei ohne Sorge. Alles läuft sich zurecht. Lieber
schieße ich mir eine Kugel durch den Kopf, als daß ich
dich opfere. Sofort werde ich die Papiere in Ordnung
machen. Ich trotze der Wut meines Vaters. Er und
meine ganze Familie können zum Teufel gehen! Dich
allein will ich! Vorläufig habe ich noch Geld genug von
meinem mütterlichen Erbteil und kann es ohne die Hilfe
des Alten aushalten. Lah uns das Leben geniehen —
Paris. Tanz und Musik! Wir haben einander lieb . . ."
Zwei Jahre hatte Mirjam mit van Salland in
Paris durchgebracht. Das Ueberwältigende der Welt¬
stadt — die hell erleuchteten Boulevards, auf denen
Millionen Menschen aller Nationen rastlos aneinander
*
vorbeeieilten, liehen ihr nicht viel Gelegenheit, über
den Schritt, den -sie getan, nachzudenken.
Am Tage nach ihrer Ankunft in Paris hatte sie
an Keile und Selig emen Brief geschrieben,. worin sie
die Hoffnung aussprach, dah bald die Zeit kommen
würde, wo ihre Flucht mit van Salland von den Alten
verstanden und vergeben werden würde. Sie beschwor
ihre Lieben, sie nicht zu verachten. Sie habe die Ein¬
samkeit von Huisduinen nicht aushalten können. In
einigen Monaten, wenn sie auf dem groben Schloh
als Herrin regieren würde, dann würden für Selig und
Keile dort schöne Zimmer eingerichtet werden, wo sie
ihre alten Tage gemütlich verbringen könnten. „Hendrik
van Salland hat mich lieb", schrieb sie. „Er ist ein
Offizier, ein Ehrenmann. Er hat mich geheiratet, trotz
seines Vaters Widerspruch. Glaubt nicht, dah eure Mirjam
schlecht ist. Sobald wir in Holland zurück sind, werde ich
euch mit dem Auto abholen". Eine 1000-Francs-Note
für ihren Grohvater hatte sie dem Schreiben beigelegt.
Sehnsüchtig hatte Mirjam auf Antwort gewartet.
Endlich kam etn Briefchen, fast unleserl ch, mit vielen
grammatischen und orthographischen Fehlern, vom allen
Selig mit zitternder Hand geschrieben. Die Banknote
über 1000 Francs war eingeschlossen.
Wie vernichtet las sie den Inhalt:
„An die. die einst meine Enkelin war!
Der alte Selig ist arm. aber er hat auch seine
Ehre, genau so gut wie ein Offizier. Du hast seine Ehre
geschändet, indem du am Heil.gen Neujahrstag mit einem
Manne, der nicht zu unserer Gemeinschaft gehört, ge¬
flohen bist. Dein Sündengeld sende ich anbei zurück.
Ich bin nicht zu kaufen. Uno wenn du die reichste Frau
der Welt wärst und ich kein Stück trocken Brot besähe,
dann würde ich mich noch weigenr, von dir, die unfern
Glauben verriet, etwas anzunehmen. Du bist tot für
mich!"
„Altweibergewäsch!" sagte van Salland. als Mirjam
ihm verzweifelt den Brhef ihres Grohvaters zeigte. „Nimm
dir das nicht zu Herzen. Wir find in Paris, um das
Leben zu geniehen, nicht um uns zu grämen. Es ist doch
toll in der Welt! Alle Menschen haben ihren Stolz. Mein
alter Herr, der seine Zinsen nicht verzehren kann, sagt,
dah es eine Schande fei für sein Familienwappen, seinen
alten Adel — dah ich unwürdig bin, länger fein Sohn
zu fein, weil ich dich, eine gewöhnliche Jüdin, geheiratet
habe: — und deine bettelarme Familie schreit Mord
und Brand, dah du eine Mesalliance eingegangen bist,
indem du dich mit dem Sohn eines' steinreichen Ritter¬
gutsbesitzers verheiratet hast. Es scheint ja, ab ob ihr
auch einen Adelsstand bildet — ihr seid doch nur ge¬
wöhnliche Juden, die nirgends auf der Rechnung find ..."
Einigermaßen gereizt hatte van Salland die letzten
Worte gesprochen. Es wollte ihm nicht in den Kopf,
ein alter Lumpenjud fand es -schrecklich, dah er, Ionkheer
van Salland, seiner Enkelin die Ehre angetan hatte, sie
zu heiraten . . .
Verstimmt sah Mirjam ihn an. Begann schon jetzt der
Zwist über Rasse und Glauben? „Die Juden sind von
viel älterem Adel als du und dein Vater", erwiderte
sie stolz. „Unsere Vorfahren waren große Fürsten, hatten
stolze Paläste, als die euren noch in Höhlen lebten ...
Sie waren in die edelsten Gewänder gehüllt, als deine
Voreltern -sich noch, in Tierselle kleideten . . ."
Erstaunt blickte van Salland auf. „Du meine Güte,
was bist du tüchtig in der Geschichte!" sagte er ironisch.
Wer hat dich so gelehrt gemacht? Wenn die Sache
so steht, da ist es also noch eine Ehre für meinen
Alten! Bin ich nicht mit der Enkelin eines Lumpen¬
juden, -sondern mit einer Prinzessin verheiratet? Mein
Kompliment für diesen alten Juden, der dich so gut die
Geschichte deines Volkes gelehrt hat!" schloh er spöttisch.
„Es war nicht mein Großvater, der mich das
lehrte", -sprach Mirjam bebend vor Empörung, „es war
ein Junge in meinem Alter — ein Junge, der niemals
so zu mir gesprochen haben würde wie du jetzt", setzte
sie fort, in Weinen ausbrechend. „O Gott, was habe
ich getan, daß ich dir gefolgt bin!"
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