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Die Weltpresse richtet in diesen kritischen Tagen
häufig Mahnungen an die deutsche Adresse, die Gegen¬
sätze zwischen den angelsächsischen Völkern und Frank¬
reich nicht zu überschätzen, und lebhafte Warnungen
werden in dieser Richtung besonders von der deutsch
geschriebenen Schweizer Presse zum Ausdruck gebracht.
In der Tat konnte man in deutschen Zeitungen vor und
nach der Londoner Konferenz die Meinung hören, daß
es schließlich auf die französische Entscheidung weniger
ankomme, weil hinter dem Berge die Engländer und
Amerikaner sich bereit halten, die deutschen Sorgen ohne
die französische Mithilfe zu verscheuchen. Der unter¬
richtete Teil der öffentlichen Meinung in Deutschland
hat sehr rasch eine Wendung vollzogen, als sich ergab,
daß England und Amerika zwar entschlossen waren,
Deutschland moralisch zur Seite zu stehen, daß aber diese
beiden Staaten, so mächtig sie auch sind und über so
umfangreiche materielle Hilfsmittel sie anscheinend auch
verfügen, entweder nicht den Willen oder aber nicht das
Vermögen besitzen, die deutsche Wirtschaftsnot allein zu
bannen. Die Hoffnung, Frankreich in der Welt isoliert
zu sehen, ist nicht in Erfüllung gegangen, und zuweilen
hat man das beklemmende Gefühl, als bestünde in der
Welt nur ein recht geringes Maß von Verständnis für
die Auffassungen, die wir in Deutschland haben.
Es ist überhaupt eine mißliche und in der gegen¬
wärtigen Politik wenig praktische Formel, von der
Isolierung eines Volkes einen Niltzen
für das andere zu erwarten. Es gibt immer
noch Menschen in der Welt, die nicht begriffen haben,
daß mit dem Ende des Weltkrieges andere politische
Methoden sich durchgesetzt haben, und daß heute selbst die
doch zweifellos gewiß sehr hoch gezüchtete Bismarcksche
vtaatskunst sich anderer Mittel bedienen würde, als in
den Jahren nach dem Deutsch-Französischen Krieg. Mag
die Weltmeinung, die Macht also, welche die Oeffentlich-
keit verkörpert, noch so lenkbar sein, in gewissen großen
Prinzipien hält sie doch eine gewisse Richtung ein, und
kein Staatsmann wird auf die Dauer fruchtbare Politik
machen können, wenn er nicht die Stimmung in der Welt
für sich hat. Selbstverständlich muß ein Politiker nicht
nur mit der Weltmeinung rechnen, auch die psychologische
Beschaffenheit des eigenen Volkes muß für ihn Gegen-
tand ernster Beobachtung sein. Rur mit dem Unter-
chied, daß eine kluge und weitsichtige Führung die öffent-
iche Meinung des eigenen Landes leichter beeinflussen
kann als die Stimmung in der Welt. Es bedeutet ge¬
wiß ein nicht gewöhnliches Opfer, dem eigenen Volke zu
sagen, daß die Welt anders denkt als es selbst, aber aus¬
wärtige Politik muß nun einmal mehr mit dem Kopse
als mit dem Gefühle betrieben werden.
Es bezeichnet einen beklagenswerten Mangel an
außenpolitischem Einfühlungsvermögen, wenn in einein
Augenblicke, in dem der deutsche Reichskanzler mit den
Staatsmännern der Welt Verhandlungen führt, ihm im
eigenen Lande Schmierigkeiten gemacht werden. Auch
hier finden wir das von geringem realpolitischen Denken
zeugende Bemühen, zu isolieren und abzusondcrn. Dieses
gleiche Bemühen richtet sich seit vielen Jahren gegen den
jüdischen Teil des deutschen Volkes. Wir
sehen seit Jahren viele und verbreitete Organe der
öffentlichen Meinung mit der Bemühung am Werke, die
deutschen Juden im eigenen Vaterlande abzusondern und
zu isolieren. Mit allen möglichen Kunstgriffen, mit
einer Beharrlichkeit, die weniger spontan und mehr an¬
gelernt wirkt, wird jeden Tag an irgend einem Beispiel
gezeigt, daß die deutschen Juden vom Volksganzen iso¬
liert werden müssen, daß es zum Nutzen des deutschen
Volkes beitragen würde, wenn die Juden nach Möglich¬
keit überall eliminiert werden könnten. Dabei sollte es
in dieser Zeit keine höhere Aufgabe geben, als die, eine
Solidarität aller Schichten und Teile des deutschen
Volkes hcrbeizufiihren, weil ein Volk Ereignisse von
dieser Schwere desto leichter überstehen wird, je ge¬
schlossener cs nach außen auftritt. Mit unendlicher Ge¬
duld haben die führenden politischen Kreise jahrelang
zugesehen, wie die deutschen Juden angegriffen und be¬
leidigt wurden, wie sie dem Volke als Schuldige für alle
Sünden und Schicksalsschläge bezeichnet wurden. Je
weiser eine Politik beschaffen ist, je folgerichtiger eine
Führung das große Ziel vor Augen sieht, desto nachdrück¬
licher wird sie sich zur Wehr setzen, wenn der Versuch
unternommen wird, einzelne Teile der Volksgemein¬
schaft abzusondern und zu isolieren. j
Aber haben wir nicht bei uns im eigenen Lager, in
der jüdischen Gemeinschaft selbst die gleichen Er¬
scheinungen, sehen wir nicht im eigenen Hause Be¬
mühungen im Gange, innerjüdische Partei¬
gegensätze auszuweiten und auch da den Partei¬
gegner abzüsondern, ihn abzuschließen und in eine Iso¬
lierung zu drängen? Die Rot der Zeit trifft die jüdische
Gemeinschaft mit besonderer Schärfe. Jüdische Gemeinden
und Verbände, Organisationen und Vereine werden
ihre ganze Kraft und Weisheit brauchen, uin über die
Stürme dieser Zeit hinwegzukomn.cn. Was läge da
eigentlich näher, als der Gedanke an eine inner¬
jüdische Solidarität, die wenigstens für kurze
Zeit die Gegensätze überbrückt? Aber wir sehen auch in
unserm jüdischen Leben nur wenig von diesem gemein¬
samen Gefühl, wir sehen auch hier nur das Streben, die
eigene Meinung zur Geltung zu bringen und die zu¬
widerlaufende Abfassung als isoliert darzustellen. So
wenig das Heil der Völker in der Absonderung liegt, so
wenig liegt auch das Wohl einzelner Schichten in Jso-
lierungsbestrebungen begründet.
Wir alle haben keinen sehnlicheren Wunsch, als
Deutschland wieder so glücklich und mächtig zu sehen, wie
es vor dem Kriege war, und wir wissen, daß dieses Ziel
erreichbar ist, daß aber zu seiner Realisierung sicherlich
andere Mittel und andere Methoden gehören als in ver¬
gangenen Zeiten. Wir sind überzeugt davon, daß Deutsch¬
land im Rate der Völker seine alte Stellung wieder er¬
langen wird. Es wird sie um so sicherer und rascher er¬
halten, je schneller es die Gegensätze in sich selbst über¬
winden wird. Daß eine solche Gemeinsamkeit im Handeln
möglich ist, zeigt uns das englische Vorbild. Immer
wenn das Britische Reich eine schwere Zeit zu über- I
. winden hat, tritt die jahrhundertelange politische
! Schulung, die großartige Tradition des englischen Volkes
zutage. In England ist der Ministerpräsident in außen¬
politischen Fragen der unbestrittene Repräsentant des
Reiches und Volkes. Wir haben mit stiller Bewunderung
in englischen Zeitungen gelesen, daß Ramsay Macdonald
bevor er nach Paris zur Konferenz der Staatsmänner
fuhr, die beiden Führer der Opposition Baldwin und
Lloyd George zu Rate gezogen hat, und daß als Ergeb¬
nis dieses Meinungsaustausches eine einheitliche Linie
der drei großen englischen Parteien herbeigeführt wurde.
Man braucht von diesen Tatsachen nur Kenntnis zu
nehmen und der Unterschied der politischen Methoden er¬
gibt sich von selbst. . •
Für uns Juden mag die wirtschaflliche Entwicklung
der nächsten Zeit noch manche Ueüerraschung bereit halten.
Die Veränderung der materiellen Verhältnisse wird erst
allmählich ganz spürbar werden. Wir haben es in der
Hand, sie milder zu gestalten, wenn wir uns nicht gegen¬
seitig isolieren und absondern. Bedeutet das eine Ver¬
wischung der berechtigten Besonderheiten? So wenig wie
in England die Konservativen und Liberalen daran
denken, den Kampf gegen die Arbeiterregierung auf¬
zugeben, wenn sie dem Führer des Arbeiterkabinetts das
Mandat des ganzen Landes in die Hand geben. In Zeiten
der Krise gelten andere Begriffe, und so sehr das Streben
nach Völkergemeinschaft nur gedeihen kann auf dem
Boden unverbrüchlicher Liebe zur eigenen Nation, so wird
auch die Liebe zu der besonderen Gemeinschaft, der man
zugehört, erst ihren rechten Wert erhalten durch die An¬
hänglichkeit und die Treue an eine spezifische Anschauung
innerhalb der Gemeinschaft.
/ Von Dr. Bernhard Kahn-Berlin
Der »ßilfsverein der deutschen luden" wurde 1400 gegrün-
det und konnte bei seiner letzten lotzresversammiung, wie
ausfützrlich berichtet, den Überblick einer dreitzigsätzrigen
Arbeit geben. Der Leiter des europäischen )oint, Dr. Dern-
tzard i^atzn, sogt darüber:
Um die Gründe für die Entstehung des Hilfsvereins
richtig würdigen zu können, müssen wir etwas weit in der
Geschichte zurückgehen und die Lage der ostjüdischen Blassen
vor mehr als 50 Jahren betrachten.
Im Jahre 1881 begannen in Rußland die schon seit
Jahrhunderten bestehenden schweren gesetzlichen Bedrückun¬
gen sich in blutige Verfolgungen umzuwandeln. Diese
grausigen Ereignisse der achtziger Jahre waren der Beginn
rasch aufeinander folgender, in der Wiederholung sich
immer heftiger und blutiger gestaltender Pogrome, die
für die russischen Juden viele Jahrzehnte lang ein entsetz¬
liches Martyrium schufen.
Als sich den russischen Bedrückungen die rumänischen
zugesellten, als die wirtschaftliche und kulturelle Verelen¬
dung auch die Juden Galiziens mit in den Strudel zog,
geriet die ganze bisher ziemlich unbewegliche Masse der
Ostjudenheit mit ihren 7 Millionen Menschen in eine stür¬
mische, fluchtartige, angstvolle, seither nicht mehr zur Ruhe
gekommene Bewegung.
Vier Millionen Juden sind wohl seit 1881 aus den öst¬
lichen Ländern ausgewandert. Diese stürmische, in alle
Teile der Welt, besonders aber nach Nordamerika sich er¬
gießende Wanderung konnte nicht ohne tiefgehende Folgen
für die Gesamtjudenheit bleiben. Die Struktur der jüdi¬
schen Gemeinschaften aller Länder hat sich durch sie völlig
verändert.
Neuartige, gewaltige Aufgaben erwuchsen allen Juden
diesen Erscheinungen gegenüber. Die alte Methode, das
Unglück an sich herankommen zu lassen und von Fall zu
Fall zu helfen, wenn es eingetreten war, konnte unmöglich
beibehalten werden.
Auf der Judenheit Deutschlands, des unmittelbaren
Nachbarlandes der Gebiete jüdischer Massensiedlungen,
ruhte eine besonders große Verantwortung. Sie ist sich
dieser stets bewußt gewesen. Ihr fielen häufig die schwer¬
sten Aufgaben zu, die sie mit Geschick und Opferfreudigkeit
ourchzuführen sich bemühte. Schon in den achtziger Jahren
und in den neunziger Jahren haben deutsche jüdische Komi¬
tees den Hauptteil der schweren Arbeit geleistet. Ihr
Wirken krankte aber an einem Uebel: Die deutsche Juden¬
heit hatte kein ständiges Organ für ihre Arbeiten. Den
vereinzelten Aktionen fehlte die Stetigkeit. Je schneller
die verderbenbringenden Schläge im Osten einander folg¬
ten, je tragischer sich die Lage der östlichen Juden gestaltete,
desto stärker machte sich dieser Mangel fühlbar.
Im Jahre 1901 erst wurde diesem Mangel abgeholfen.
In diesem Jahre wurde unter dem Namen „Hilfsverein
der Deutschen Juden" eine Vereinigung gegründet, die
sehr bald den Rahmen ihrer Tätigkeit weit über das Maß
hinaus erstreckte, das der bescheidene Name vermuten ließ.
Bei der Gründung, die wir dem Weitblick und der
Menschenliebe von Dr. James Simon, Dr. Paul
Nathan, Generalkonsul Eugen Landau, Justizrat
T i m e n d o r f e r, Rabbiner Dr. Bk. H o r o v i tz und
einer großen Reihe anderer Gleichgesinnter verdanken,
wurde gesagt, daß sich die Tätigkeit des neuen Vereins nach
zwei Richtungen hin zu bewegen habe. Zunächst sollte er
die Zentralstelle bilden, welche bei plötzlich herein¬
brechenden Katastrophen den Gebeeifer ausruft und in
wohlerwogener, zielbewußter Aktion das Elend lindert
und den davon Betroffenen wirksam hilft. Das Wich¬
tigste aber sollte sein, die Juden gegen solche Kata¬
strophen widerstandsfähiger zu machen, ihnen den harten
Kampf unis Dasein durch geistige und wirtschaftliche
Kräftigung zu erleichtern. Die deutschen Juden, die von
jeher den Bedrückten gegenüber ein besonders lebhaftes
Mitgefühl entwickelt haben, die allen jüdischen Pro¬
blemen gegenüber starkes Mitempfinden und brüder¬
liches Verständnis bewiesen, waren für dieses Programm
leicht zu gewinnen. Schon nach fünfjähriger Wirksam¬
keit des Hilfsvereins hatte er in Deutschland eine Bkit-
gliederzahl, welche d i e anderer derartiger jüdischer Ver¬
einigungen in der Welt weit übcrtraf.
Die Regsamkeit und die . zielbewußte Tätigkeit des
Hjlfsvereins hat ihm nicht nur die Herzen der deutschen
Juden zugewandt, auch im Ausland begann man seine
Arbeit zu schätzen. -
Gleich die erste Tätigkeit des Vereins zeigte, wie ernst
und richtig er seine Aufgabe auffaßte. Er begann sofort
im Osten mit produktiven und konstruktiven Arbeiten,
mit Aktionen zur wirtschaftlichen Hebung der jüdischen
Die vorliegende, am Dienstag, dem 28. ^uli, obge
schlossene Dummer enthält 14 Leiten, die achtseitige
Beilage „jüdische Bibliothek der Unterhaltung und
des Wissens" mit den „Blättern kür Erziehung und
Unterricht" und die achtseicige illustrierte Beilage
„5lus alter und neuer Zeit". i