— 150 —
nehmen Gelegenheit hatte, sollen Früchte von 2 — 3 kg Gewicht
in einzelnen, besonders begünstigten Gegenden nicht allzu selten
sein; ja, man sprach, wohl nicht immer ganz ohne Uebertreibung,
von Trauben von noch weit grösserer Schwere. Mancher Leser
wird ja besser wissen als ich, ob Früchte von 5—6 kg in das
Gebiet der Fabel gehören oder nicht.
Ausserordentlich gross ist in vielen Rebengegenden Palästinas
der eigene Konsum frischer Trauben. Wie man mir mitteilte,
lebt dort das Volk mehrere Monate hindurch zu einem guten
Teile von den herrlichen Früchten des Weinstocks. Viele
Familien ziehen zur Sommerszeit ganz in ihre Weinberge, teils
um diese zu bewachen, teils aber auch, um angenehm im Freien,
unter Zelten oder in Laubhütten, zu wohnen und um stets „an der
Quelle" zu sein. Der Mohammedaner darf bekanntlich den Wein
nicht trinken, wenigstens keinen alkoholhaltigen, dafür hält er
sich aber schadlos an den frischen Früchten. Ueberhaupt ist der
Konsum von Früchten aller Art im Morgenlande ein ganz ge¬
waltiger. Neben den Trauben kommen hier besonders Melonen,
Orangen, Feigen, Maulbeerleigen, Granatäpfel usw. in Betracht.
In dieser Art der Ernährung wird zu einem erheblichen Teile
der Grund zu suchen sein, weshalb der Orientale sich trotz
mancher wenig günstiger Umstände eine so gute Gesundheit und
einen so kräftigen Körper zu erhalten vermag.
Schliesslich noch die Bemerkung, dass ich mich gefreut
habe, verschiedentlich in „Altneuland" bei Betrachtungen über
den Frucht- und Weinbau Hinweise auf Kalifornien zu finden.
Ich kann es nur unterschreiben, wenn man die führenden Männer
anregt, das Vorgehen der Amerikaner in ihrem schönen Gold-,
Obst- und Weinlande aufmerksam zu studieren. Ich selbst habe
mich zwecks landwirtschaftlicher Studien zwei Jahre in Amerika
aufgehalten*), davon ein Jahr in Kalifornien,. und ich war bei
meinem Besuche Palästinas überrascht, in seinen landwirtschaft¬
lichen Verhältnissen so viele Anklänge an diejenigen Kaliforniens
wahrzunehmen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass der
palästinische Landwirt von seinen Berufsgenossen in Kalifornien
in vielen Punkten etwas profitieren kann.
(Schlnss folgt.)
*) Ein Bericht über das Beobachtete ist niedergelegt in dem Buche „Die Landwirtschaft
in den Vereinigten Staaten", Berlin, 1893, P. Parey.