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uns verließen, suchen den Weg zu un§ zurück. Der Weg zur
Erlösung hat auch nichts gemein mit dem Pfade" des Chau¬
vinisten. Mit tiefster Betrübnis und Entrüstung mußten wir
in dem führenden Blatte der Nationaljuden kürzlich lesen:
„Es ist in der Tat unzulässig, daß ein Jude wir Deutsche
sagt, und es geschieht ihm recht, wenn man ihm zu Verstehen
gibt, daß man weiß, wer es ist." Ist das nicht eine für ch t e r-
liche Abirrung, ist es nicht ein Beweis, wohin fälsch
verstandene staatsrechtliche' Theorien manchen Kopf führen.
Heili g ist uns Deutschland, d eutsch e>v Bo den ,
deutsche Arbeit, deutsche Zukunft- Unsere Väter
haben an Deutschland gearbeitet, unsere Jugend hat für
Deutschland geblutet, und jetzt will ein jüdischer Mund uns
belehren: Deutsche dürft ihr euch nicht nennen. Es ist ent¬
setzlich, das lesen zu müssen. Leider ist die Einsicht in ver¬
wickelte Probleme des GeselljschaftSlbbens so gering, daß solche
verderbliche Sätze nur den wissenschaftlichen Tiefstand der
öffentlichen Erörterung in allen Lagern zeigen.
Geist, Charakter und Leistung bringen
unsere Erlösung. Der Geist: Die Vertiefung in
unser deutsches und jüdisches Sein: Nicht fort vom deut¬
schen Volke, sondern hin zu ihm; nicht fort vom Juden¬
tum, sondern mitten hinein in sein ewig lauter fließendes
Ouellwasser. Lernen wir, daß der, welcher sich mit dem
JudentuM besaßt, stündlich besser, stärker, gefestigter wird,
daß er den Morgenglanz der Ewigkeit empfindet, wenn er
aus dem Quelbbvrn der Väter trinkt, und daß er seinem
Vaterlands in Treue dient, wenn er fein angestammtes
Judentum in Treue bewährt, pflegt und vererbt. Der
Charakter bringt die Erlösung: Die ©irart'MjiafticrfGif, welche
festen Mut in unserer Leidenszeit bewährt, welche Selbstsucht
überwindet und vor allem das alte jüdische Gut der sozialen
Gesinnung wieder in den Vordergrund schiebt. Die Zedokoh
läßt es nicht zu, daß Arbeitgeber die Not der Arbeitnehmer
verkennen, die Zedokoh gebietet, den sozialen Sinn zu pflegen,
der Israels Ureigentuni ist. Soziale Gesetzgebung ist ein ur¬
altes Kapitel der Bibel, soziale Praxis ein Eibe der Vater-
Wehe uns, wenn uns das soziale Empfinden verloren gehen
sollte! Und endlich die Leistung: Achtung und-Liebe wird
der jüdische Mensch erwerben, wenn seine vom lautersten
Willen getragene Arbeit seine Tüchtigkeit immer wieder
erweist. Die richtige Paarung zwischen SeW-stinteresse und
Gemeinnützen, das gibt die Leistung. Die Vorstellung, die wir
uns von der Erlösung Israels machen, ist nicht einfach. Es
gibt einfachere und bequemere, aber sie verblassen und sind
vergänglich. Die Erlösung liegt in der Tatkraft
des jüdischen Menschen.
Ich höre die Zweifler: Wer es liest, der braucht es nicht zu
lesen, denn schon die Tatsache, daß or es liest, beweist sein
Verständnis- Wie kommt man an die Nichtleser
heran? Indem man mit rücksichtslosem Nachdruck in seinem
Kreise wirkt, in dem sich immer eine Anzahl jener Indolenten
-finden, die nicht lesen und hören und denken wollen. Es gibt
schwere Unterlassungssünden. Und diese werden vonallen
begangen, die nicht den Mut ausbringen, den Nächsten zu er¬
wärmen- und ihn sichtbar zu verachten , wenn er nicht
hören will. Wir brauchen unerschrockene Tat¬
kraft und- persönlichen Mut!
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Mittelstanü, Teuerung, Juden.
Von Fabi us Schach.
Daß es vielen Elementen des sogenannten Mittelstandes heute
schlecht geht, ist eine Binsenwahrheit, über die nicht diskutiert Zn
werdet: brauch:. Wir sagen „sogenannten", denn bildete schon vor
dem Kriege der Mittelstand wirtschaftlich und sozial keine einheit¬
liche Schicht, so ist es heute noch viel weniger der Fall. Gar viele,
die früher Zum Mittelstand zählten, sind in den letzten Jahren
sprunghaft ui eine höhere Ordnung aufgerückt, und Mer von uns
kennt — namentlich in den Großstädten Schlächter, Bäcker und
Händler aller Art, die vor dem Kriege ein kümmerliches Dasein
fristeten, und die man heute reich nennen darf. Wenn diese Elemente
trotzdem auch heute noch im Kanrpfe des Mittelstandes oft das große
Wort führen und in Versammlungen und bei öffentlichen Demon¬
strationen -am lautesten schreien. Io geschieht es ans kluger Politik.
Sie wissen, daß die heutige Devise heißt: „Wer schimpft!, hat recht".
Nicht das kluge Wort ist'jetzt entscheidend, sondern das laute. Das
können wir ja Zur Genüge an den Deutschnationalen studieren. Was
würden sie ohne ihre Lungenkraft bedeuten? Den ganz kleinen
Händlern und Handwerkern mag es nicht besonders gut gehen, von
einer Notlage aber wird man auch hier nicht sprechen dürfen. In
wirklicher Notlage befinden sich heute nur die kleineren Beamten
des Staates und der Kommune, die untere K-ategorie der Privat¬
angestellten und vor allem die geistigen Arbeiter. Sie sind
die Stiefkinder der heutigen Gesellschaftsordnung, und manchmal
will es scheinen, als wenn die Regel lauten würde: „Je höher die
Qualität der Arbeit ist, desto schlechter -der Lohn". Auf der obersten
Sänke der Skala steht der Müllkutfcher, auf der niedrigsten der
Schriftsteller.
Auch in der Art, wie diese Kategorien die Leiden der Zeit hiu-
nehmen, könnte man eine Stufenleiter anfstellen. Die Schriftsteller
klagen pianissckno, die Angestellten piano, die Beamten foriissimo.
Der Schriftsteller weiß, daß wir Menschen der Gegenwart die Brücke
Zwischen zwei Welten bilden, und daß eine Brücke es sich gefallen
lassen muß, getreten zu werden. Die Angestellten möchten den Ar¬
beitern gleichgestellt sein, aber die starke Lebensteueruug eilt ihrer
schwachen Aufbesserung voran und die Differenz Zwischen Lebens¬
führung und Einkommen wird immer größer. Die Beamten aber
schimpfen und fluchen, — nicht auf die wirklichen Ursachen ihres
Elends, sondern aus die R e g i e r u n g-u n d die Juden.
Das ist das merkwürdigste, daß ein großer Teil des Mittelstandes
nichts Zugelernt und nichts vergessen hat, vor allem das Beamten¬
tum. Alle Stürme der Zeit sind spurlos an ihm vorbeigegangen.
Nur ein geringer Teil lebt in der Gegenwart. Daß diese Kreise in
ihrem Herzen meistens monarchistisch geblieben sind, wird man cm
Ende psychologisch begreifen. Auch ist das ihre Sache. Daß der
Beamte aber auch alles andere, was zum Inventar vieler Mon¬
archisten gehört, mitmacht und Bundesgenosse der anti¬
semitischen Demagogen geworden ist, das ist nur aus
Begriffsverwirrung unserer Zeit zu verskehen. Können diese Be¬
amten, die doch ein gewisses Maß von Bildung besitzen, nicht die
so naheliegende Kette von Ursache und Wirkung sehen, um nicht
fremde Opfer für ihre Leiden zu suchen? Und wer sind diese Opfer?
Leute, die in ihrer Mehrzahl ebenso leiden wie sie! Kann ein ver¬
ständiger Mensch wirklich daran glauben, daß t Kapitalismus und
Judentum identische Begriffe sind, oder daß es viel ausmacht, welche
Nase der Kapitalist hat? 'Die Juden Deutschlands sind
ja in ihrer großen Mehrzahl selbst Mittelstand,
•ja, der abhängigste, ungesichertste Mittelstand. Denn sie sind meistens
Privatangestellte, kleine Kaufleute und geistige Arbeiter. Sie leiden
ebenso wie die anderen, ja noch mehr, weil sie häufig höhere gesell¬
schaftliche Pflichten haben und höhere geistige und künstlerische An¬
sprüche zu stellen gewohnt sind. Gewiß gibt es viele reiche Juden,
aber ist den armen Juden damit geholfen? Bildet die Judenheit eine
Versicherungsgesellschaft mit gegenseitiger Haftung? Blickt hinein
in die inneren Verhältnisse der jüdischen Großgemeinden, und ihr
werdet sehen, wieviel verschämte Armut, wieviel bitteres Elend da
vorhanden ist! Ein Beamter ist doch gewohnt, sich der Disziplin zu
unterwerfen: hat er nicht die Pflicht, auch seine dumpfen Gefühle
durch die Vernunft zu disziplinieren?
Gewiß, die Steigerung der Lebensmittelpreise in den letzten Mo¬
naten ist himmelschreiend-, und man begreift die gewaltige Erbitte¬
rung überfeine Zeit, in der Min-derbemittelte nahezu verhungern.
Aber der Schaden ist doch dazu da, um durch ihn klüger und nicht
dümmer zu werdend Wie kann ein Mensch mit gesundem Gehirn
diesen Zustand mit den Juden in Zusammenhang bringen? Die Pro¬
duzenten der wichtigsten Lebensmittel sind Bauern und Großagrarier,
und mehr als sie hat noch niemand in den letzten Jahren
gewuchert. Stellt man diese allgemein bekannte Tatsache hin, dann
bekommt man zur Antwort: „Ja, wenn die Juden ihnen das Geld
anbieten, wären doch die Bauern dumm, wenn sie es nicht an¬
nehmen!" Würden diese doch sicherlich nicht altruistischen Händler
den Bauern wirklich- die hohen Preise zahlen, wenn sie die Ware
billiger erstehen könnten? Aber auch die Agenten und Aufkäufer
sind nur zum kleinen Teile Juden. Und auch die christlichen Le-
bensmittelhündter schreiben ihre Preise jeden Tag um, — nicht
nach dem Einkauf, sondern nach dem Dollarkurs aus der Börse.
Sieht man nicht, daß die Geldgier wie ein Fieber einen großen
Teil des deutschen Volkes ersaßt hat? Die bösen Leidenschaften find
durchaus interkonfessionell. Will man Schäden. heilen,
dann muß man zunächst den sittlichen Mut der Wahrhaftigkeit, der
Einkehr und der Büßfertigkeit haben.
Doch nicht nur moralisch, sondern auch politisch ist diese
Strömung gefährlich. Der Ausländer, der für solche Dinge ein