0erl!n, 17. ?utu1927
VL Jahrgang » Kr. 24
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San MsltzrÄ Dr. Zullus Acednis,
Vorsitzender des EentralGerrinö deuksÄer ElaakZbürser mbiMen SlcmbenS.
Wenn der Central-Verein deutscher Staats¬
bürger jüdischen Glaubens erst dreieinhalb Jahr¬
zehnte nach seiner Gründung, die dem Gedanken des Kampfes
um das Recht entsprang, eine Tagung veranstaltet, die dem
gleichen Gedanken dient, rso bedarf dies einer Erklärung.
Die Rechtsfchutztatigkeit, die den ersten fünfzehn
Jahren Centralvereinsarbeit das Gepräge gab, hat mit demTeil-
gebier seiner gegenwärtigen Tätigkeit, die sich mit den gleichen
Aufgaben zu befassen!hat, fast nur noch den Namen gemein.
Der Gedanke, diese Tagung der uns gesinnungsmäßig nahe¬
stehenden jüdischen Juristen zu veranstalten, erwuchs erst
aus der Beobachtung ver letzten Jahre. Die neue Zeit, die
mit Notwendigkeit auf weiten Gebieten die Rechtsprechung aus
ihrem Sonderdasein innerhalb des Staatsorganismus heraus¬
löste, stellte neueProbleme, an denen wir nicht vorüber¬
gehen dürfen. Wir sehen eine Wechselwirkung von Justiz.
Politik, geistigem und kulturellem Leben. Ernste politische
Arbeit muß auch hier auf die Zeichen der Zeit achten. Was
bisher als „herrschende Meinung" der Juristen, als Fehlurteil
oder Rechtsirrtum des einzelnen Organs des Rechtstebens
bezeichnet werden konnte und im wesentlichen nur das Inter¬
esse der Fachkreise und der Betroffenen erregte, erscheint gegen¬
wärtig der wachsameren und erregteren Oeffentlichkeit.als
bewußte und gewollte Durchsetzung bestimmter politischer
Lebens- und Weltanschauung mit Hilfe des Gesetzes und der
Rechtspflege. Wie ein Wanderer nach langer Abwesenheit bei
seiner Heimkehr in die Vaterstadt sie von einer kleinen Land¬
stadt zum blühenden Jndustrieort emporgewachsen sieht: die¬
selben Straßen, oft noch dieselben Häuser, die obrigkeitlichen
Organe führen dieselben Namen, und dennoch: es ist seine
alte Vaterstadt nicht mehr, so sah der Centralverein
das frühere Hauptgebiet seiner Tätigkeit unter seinen Augen
sich umwandeln, ausdehnen, neue Fragen in sich einbeziehen.
So bedarf es, wie'es mir scheint, keiner ausgedehnten Ver¬
wahrung gegen die Behauptung, daß der Centralverein nur
dem Zuge der Zeit folge und zu dem modernen Allheilmittel
einer Konferenz greife, weil er sonst nicht weiterkomme. Denn
grundlegend unterscheidet sich die von uns einberufene Tagung
von zahllosen ihrer Art schon durch die Tatsache, daß der
Inhalt der theoretischen Erörterungen bereits Gegenstand viel¬
facher praktischer Arbeit. ununterbrochen gewesen ist und
.weiter sein -wird. Es handelt sich für uns aber vor allem darum,
die vereinzelt fließenden, einander oft widersprechenden, als
Einzelbeobachtung wenig überzeugenden Meinungen und.Fest¬
stellungen der Teilnehmer der Tagung in das weite Sammel-
becken der Centralvereinsarbeit zu leiten, sie dort in gemein¬
samer Arbeit aus Wert und Gehalt zu prüfen und ein für
unsere Arbeit wertvolles Gesamtbild zu gewinnen.
Unsere Juristentagung soll nicht etwa die Zahl der Kund¬
gebungen vermehren, die das Schlagwort von der Ber-
trauenskriseder Justiz hervorgerufen hat. Wohl
aber gilt es, die Frage zu erörtern, ob wir mit Recht innerhalb
der allgemeinen Rechtsnot von einer jüdischen Rechtsnot
sprechen dürfen, ob auch in der Frage der Rechtsprechung der
jüdische Bevölkerungsteil sich als die Gruppe des schwächsten
Widerstandes fühlen muß, wie dies sein Schicksal rn kultur-
und wirtschaftspolitischen, besonders aber in rein politischen
Fragen leider so oft gewesen ist.
Für die Einberufung unserer Tagung kommt fernerhin in
Betracht: Wir lochen oder glauben wenigstens zu wißen, daß
die Ursachen unserer Beschwerden durchaus nicht immer
politischer Natur sind. Wir begegnen dauernd einer er¬
schreckenden Unkenntnis des jüdischen Lebens und
der jüdischen Weltanschauung. Hier erwächst uns bewußt
deutschen Juden die Verpflichtung, auch auf diesem Gebiete,
mit dem schönen Wo'rte von Ranke „in der eigenen Sache die
allgemeine zu vertreten" und den deutschen Richter über Er¬
scheinungen auszuklären, die ihm zum Nachteil seines Ansehens
selbst unbekannt sind und ohne uns vielleicht bleiben würden.
Die auf der Tagung vereinigten jüdischen Juristen sondern
sich damit nicht etwa zur Behandlung einer rein
jüdischen Ausgabe ab, die Arbeit gilt vielmehr einer
außerordentlich bedeutungsvollen allgemein deutschen
Ausgabe, zu deren Lösung wir aus unserer eigenen Not heraus
beizutrageu berufen sind.
Dies gilt auch für die große gesetzgeberische Arbeit, die
unser Vaterland im neuen Strafgesetzbuch zu
lösen hat.
Eine umfangreiche und inhaltsschwere Tagesordnung harrt
der fast vierhundert Juristen, die unter großen
Opfern an Zeit, Kraft und Geld aus allen Teilen Deutsch¬
lands unserem Rufe gefolgt sind. Ihnen gilt unser Gruß!
Möge die ernste Arbeit nicht bloß dem deutschen
Judentum dienen, sondern, was sich gar nicht trennen
ÄsttL hpm 'tltllütlf. Professor L. Basniztt (Htidel-
VS4ii «Wfjml. bcrg): Ter Torsjndc. — Levint.
— Gemclnderabbirrer Dr. R. Lcwin (Königsberg i. Pr.):
Abwehr und Gesinnung. — Dr. Hugo Spicglcr: Das Fiasko
der „jüdischen Völkcrbundligen"» — Dr. Julius Rothholz:
Preuszcns jüdische Bevölkerung. — Neue Bücher.