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Ehvollika.
Von Ludwig
l.
Was hat uns die Tätigkeit im C. V. zwischen Ende 1018
und 1928 gelehrt? Wer dstse Frage austvirft. muß über eine
wahrhaft erschreckende Fülle von Vorkommnissen Nachdenken,
die sich in dieser Zeitspanne überstürzt haben. Karnn war der
Waffenstillstand abgeschlossen, als sich die Nachricht zu be¬
wahrheiten begann, die dem Centralverein gegen Abschluß
des Krieges von einer hohen deutschen diplomatischen Stelle
:nr Ausland gemacht worden war: Man solle sich auf eine
außerordentlich starke Tätigkeit der Judengegner gefaßt
machen. Damals erschien die Mitteilung unglanbhaft. Jetzt
wisten wir. daß Wilhelm 11.. den wir damals in ganz anderem
Licht sehen zu dürfen glaubten, in höchstein Maße gegen die
Juden eingenommen gewesen ist und seiil Ohr den schärfsten
judenfeindlichen Einflüssen nicht verschlossen hat. Wir weisen
jede Unritterlichkeit gegen einen Mann. der. wenn auch nicht
ohne eigene Schuld, ins Unglück geraten ist. von uns. Aber
schweres Unrecht ist von dieser Seite geschehen, und wenn zu
Beginn des Jahres 1919 in vielen Teilen des Reiches und ins¬
besondere in Berlin eine akute Pogromgefahr bestanden hat,
so ,ist diese Stimmung von hier aus vorbereitet worden. Wir
wissen heute, daß militärische Ratgeber dem Kaiser vor dem
9. November 1918 eine Rückkehr in die Heimat unter Erregung
von Pogromen warm empfohlen haben. Man hoffte, durch
diese Hetze die Erregung rind den berechtigten Groll im Volke
abzulenken. Damals war cs der Deutschvölkische Schutz- und
Trutzbund, der den spartakistischen Straßenrednern die
deutschvölkischen entgegenstellte. In Bayern begann Hitler
seine Laufbahn und predigte den Judenhaß, vermischt mit an¬
geblich sozialistischen Gedankengängen. An diesem Werke der
Judenverfolgung beteiligten sich ehemalige Offiziere vielfach
an'hervorragender Stelle. Wir sind die letzten, die das gut-
heißen. was man im allgemeinen als Offiziershetze bezeichnet.
Wir wissen, daß es auch im Kriege, namentlich unter den
pktiven Offizieren, eine sehr große Anzahl von Männern ge¬
geben hat. die vornehm und gerecht geurteilt haben. Nach
dem Kriegsende haben sehr viele ihre Ruhe bewahrt und ihr
durch Erfahrung gewonnenes Urteil in den Friedenszustand
übernommen. Es wäre ein schweres Unrecht, sie in ihrer Ge¬
samtheit für Dinge verantwortlich zu machen, die vielen von
ihnen durchaus serngelegen haben. Dagegen waren es nament¬
lich junge Männer im Offiziersstand, die, aus ihrer Laufbahn
plötzlich heraiisgeworfeu. durch die furchtbaren Verhältnisse
überrascht, durch eine einseitige Erziehung irregeführt. ihrem
Haß gegen die Juden die Zügel schießen ließen und zum Teil
bis auf den heutigen Tag der judengegnerischen Agitation ihre
tätige. Hilfe leihen zu müssen glaubten. Die seelischen Voraus¬
setzungen dieser Gesinnung können wir verstehen, müssen sie
aber im Interesse der Allgemeinheit auf das schwerste bedauern.
Man hat unsere Gemeinschaft damals, wie heute, für
Männer und Frauen jüdischer Abstammung verantwortlich
Holländer.
gemacht, die mit dem Judentum auch uicht mehr die entfernteste
Beziehungen unterhielten. Eisner war gewiß ein JdeMst
von anständiger Gesinnung; ihn aber als Juden zu rekla¬
mieren, war völlig verfehlt, denn ihm bedeutete das Juden¬
tum auch nicht das geringste. Aber auch heute noch wird die
Vergiftung unseres öffentlichen «Lebens mit den gleichen
Mitteln belieben; immer wieder müssen wir hören und lesen,
daß Menschen der nachrevolutionären Periode, die man aus
politischen Gesichtspunkten bekämpft, zu Juden gesternpelt wer¬
den, obwohl sie zum Teil niemals Juden gewesen sind, z. B.
Männer wie David und K a u t-J? f y. Der Fanatismus
steigerte sich von 1919 bis 1922 ununterbrochen und fand seinen
Gipfelpunkt in der Ermordllng von R a t h e n a u am
22. Juni 1922. Die Täter waren anch hier zwei irregeftthrte
ehemalige Offiziere.
In Bayern hat der Nationalsozialismus jahrelang ge¬
herrscht. Zügellose und wüste Agitation umnebelte das Volk,
die wirtschaftliche Unsicherheit gab den fortgesetzten Einflüste¬
rungen Nahrung, der in den Atenschon aufgesammelte Groll
konnte Zielbewußt in das judengegnerische'Lager abgelenkt
werden. In ganz Deutschland entzündete sich die Stimmung
durch den sich fortschreitend deutlicher offenbarenden Staats-
bmifrctt immer heftiger. Die Jugend, die an allen Idealen
verzweifelte, begann jedes seelische Gleichgewicht zu verlieren.
Und den falschen Propheten der Politik folgten falsche Pro¬
pheten der Wirtschaft, vor allen Dingen auch falsche Propheten
der Wissenschaft. Die sogenannte völkische Lehre, die die Juden
als in ihrer Gesamtheit verderbliche Gäste im fremden Wirts¬
volk bezeichnet und alle noch so augenfälligen Ausnahmen
als unmaßgebliche Einzelerscheinungen verwirft, suchte einen
Schleier über die wahren Verhältnisse zu ziehen. Die Auf¬
fassung von der völkischen Ungleichwertigkeit der Men¬
schen war erstmalig in Frankreich von denen, welche
die Ergebnisse der Revolution bekämpften, in ähn¬
licher Form vertreten worden, ohne damals etwa
besonders gegen die Juden ausgemünzt zu werden. Auch
später hat sie lucker verschiedenen Abwandlungen im Laufe der
Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts häufig ein Be¬
ruhigungsmittel für diejenigen gebildet, welche durch eine neue
Entwicklung aus ihren altgewohnten Bahnen vertrieben wor¬
den waren. Und immer wieder zeigte sich die alte Erfahrung:
die Juden sind im Laufe der Geschichte durch ihre gesellschaft-
Aus dem Inhalt!
Otto Nusdike, M. d. L: „Herunter mit der
MaskeV* — Dr. Felix Eoldmasm (Leipzig):
Das Warenhaus . —- Dr. Hermann Berlaft
(Berlin): Bttdihesprednmg.