Serlin, IS. Oktober 1-2-
VIII. Jahrgang * Ae. 42
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fluf Zur Lanütagswahl
in Sa-enl
o n unserem de - Sonderberichterstatter: Seire 565.
ferner:
wie sie Stresemann schmähen ...: Seite 562. -
Die Zeit unserer 8reuöe. Detrachtung zum Laubhütten-
sesi. von Dr. Karl Rosenthal (Derlin): Seite 563. —
Die selben". Ruch unsere Haltung im Derussleben
beöars -er Selbstkritik. Von Zahnarzt Dr. me-. Fritz
Salomon: Seite 566. - Das Morgen^-He-enkhest für
Julius Gol-ftein. von Rabbiner Dr. 0. Salzberger
(Frankfurt a. M.) : Seite 567 u. a. m.
Der Staat wehrt sich.
Von Dr. Alfred Hirschberg.
Der Sturm, der plötzlich durch Deutschland
weht, überrascht viele, sogar politische Men¬
schen, die nie glauben wollten, wenn wir ihnen
sagten, daß in Deutschland allenthalben Wind
gesät werde. Die Negierung, deren prominen¬
tester Vertreter im Reiche die stärksten Gruppen
der jetzt marschierenden Front gegen den
Doung-Plan als „politische Kinder" abgetan
hatte, besinnt sich auf ihre Macht und zeigt,
daß auch die demokratische Republik über
R u t e n verfügt. Der Stahlhelm im Rhein¬
land ist verboten worden, und der preußische
Innenminister erklärte dieser Tage in Halle,
als man ihn wegen der Aushebung dieses Ver¬
botes befragte: „Der Staat wird es sich nicht
gefallen lassen, daß Verleumder unter politischer
Maske Staatseinrichtungen herunterreißen und
die den Staat führenden Personen mit Schmutz
bewerfen." Der badische Innenminister
warnt die nationalsozialistischen Agitatoren vor
einem Uebermaß politischer Verleumdung, und
der R e i ch s i n n e n m i n i st e r beginnt eine
große politische Rede vor der Vereinigung
republikanischer Presse mit den Worten: „Der
politische Kampf hat in diesem Jahre schon
Formen angenommen, die nur vergleichbar sind
mit dem schlimmen Jahre 1923." Die Reichs¬
regierung läßt ausklärende Reden auf alle deut¬
schen Sender übertragen, um der Flut gemeiner
Verleumdungen einer Presse, die für Er¬
widerungen unzugänglich ist, einen Damm ent¬
gegenzusetzen.
Die betroffenen Kreise wehren sich und
protestieren gegen diese Anwendung der Staats¬
gewalt. Zwar ist Autorität in ihrem Pro¬
gramm dreifach unterstrichen, und sogar Dik¬
tator ist ein Begriff, mit dem sie gern auf
ihre Führerqualitäten anspielen. Aber sie
lieben nur eine Diktatur, in der sie selbst
diktieren dürfen, und nur die Freiheit, die sie
meinen
Auch die Nüchternsten unserer Freunde, die
mit der Antwort „i ch merke nicht s" bereit
waren, wenn wir auf die nahen und verhäng¬
nisvollen Folgen rechtsradikaler Verhetzung hin¬
wiesen, werden wohl langsam den Sturmwind
Pfeifen hören. Es ist dieselbe Melodie, die wir,
hier und anderswo, oft und unermüdlich fest¬
gestellt haben. Heute ist der Chor der Stim¬
men, die sie tragen, größer und der Text
ein anderer. An uns hat man erprobt, wie
weit Verleumdung gehen kann. An uns. hat
man geübt, bis zu welcher Siedehitze Massen
gerade noch gebracht werden können, ohne zu
explodieren. An uns hat man die Kritiklosigkeit
der Anhängerschaft erkannt. Und in großem
Maßstabe verwirklicht man, was bisher im
wesentlichen Experiment gewesen.
Wer erinnert sich nicht der jeder Vernunft
und Erfahrung spottenden Behauptungen in
den sogenannten „Protokollen der Weisen von
Zion", an die Stelle, die schildert, daß die Unter¬
grundbahnstollen in den Großstädten von den
Juden mit der heimtückischen Absicht geballt
worden seien, um ganze Städte auf ein ver¬
abredetes Zeichen irr die Lust sprengen zu
können? Das ist geglaubt worden« Und heute
wird geglaubt, wenn ein Handelsschulrektor in
einer Broschüre als Zitat — einmal ist das
„Berliner Tageblatt", dann die „Vossische
Zeitung", schließlich der „Vorwärts" als Quelle
angegeben — wiedergibt: „Die Reparations¬
bank verlangt, daß jährlich Mllsterungen in
Deutschland veranstaltet werden. Zu diesen
Musterungen werden - deutsche Jünglinge und
Mädchen geladen, um aus Exportfähigkeit unter¬
sucht lind bei entsprechendem Gesundheitszustand
als erportpflichtig erklärt zu werden."
Die nationalsozialistische Presse und ihre Re¬
ferenten wiederholen diese Lüge, vergröbern sie.
Bald steht „Sklavenmarkt", in fetten
Zeilen über den Artikeln, auf den Plakaten
Das wird geglaubt. Man hatte das Experiment
gegenüber den Juden mit Erfolg durchgeführt.
Nun soll es die Probe bestehen. Jetzt wehren
sich auch rechtsstehende Blätter gegen diese
Form politischer Verhetzung und verlangen
staatliche Maßnahmen und erklären, daß Grup¬
pen, die diese Fälschungen gebrauchen, nicht al8
politisch reine Gegner angesehen werden
könnten.
Als die „Weisen von Zion", die Bibel der
Nathenau-Mörder, Schlösser und Hütten ver¬
pestete, hat man nur wenige Proteste von dieser
Seite gehört.
Wir empfinden keine freudige Genug¬
tuung, daß unsere Warnungen und Voraus-
fagunQett eingetroffen sind. Um vieles lieber
waren wir in unserem befriedeten Vaterlande
' einer deutschen friedvolleren Zukunft entgegen-
'gegangen. Aber Genugtuung empfinden wir,
da dem nicht so ist, darüber, daß unsere Mah¬
nungen nicht zu spät gehört wurden und daß,
wie bisher, wir, die wir in gewiß nicht starker
Minderheit mit unzerstörbarem Optimismus
und einer Arbeitssreudigkeit, die an Fehl¬
schlägen sich stählte, wirkten, weiter an der
Verlemnderbekämpsnng, die jedem deutschen
..Ausbau vorangehen muß, Mitarbeiten. Der
leitende Gedanke unserer Tätigkeit: in der
eigenen Sache die allgemeine zu
f ü h r e n , ist Wirklichkeit geworden.