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Seltsame Genossen haben sich in den Unter¬
schriften des Neichsausschusses für ein Volks¬
begehren gegen den Joung-Plan zusammen-
gesunden. Große Erwartungen knüpfen die
Kreise des neuen Nationalismus an diese erste
nationale Einheitsfront. Die ,„S t a n d a r t e"
schreibt in ihrer Ausgabe vom 12. Oktober:
„E s geht nicht um eine politische
Entscheidung, es geht u m die Frage
des Willens Zur Entscheidung."
Der „Jungdeutsche", der jahrelang Ge¬
legenheit hatte, hinter die Kulissen der Be¬
strebungen aus Schaffung einer nationalen Ein¬
heitsfront zu schauen, uberschreibt (4. Oktober)
einen Aufsatz „N atloser Nationalis¬
mus", in dem es heißt: „...es konnte nicht
ausbleiben, daß sich großer Kreise der nationa¬
len Masse eine Gleichgültigkeit, Ratlosigkeit und
Hoffnungslosigkeit bemächtigte, die schließlich,
psychologisch gesehen, den Grund dafür abgeben,
daß diese Masse unüberlegt sich ein
Volksbegehren ausschwatzen läßt,
von dem sie sich Wunder verspricht.
. . . Schon einmal führte der Mangel an
positiven Ideen diesen ratlos gewordenen
Nationalismus Zum Cannäe: München, den
9. November 1923!"
Im „Stahlhelm" beginnen Zersetzungs-
erscheinungen. Diese kameradschaftliche Ver¬
einigung von Frontsoldaten, als die sie ge¬
gründet wurde, wollen viele Anhänger als Poli¬
tisches Machtinstrument gewisser Kreise nicht
mißbraucht sehen. Die Tatsache des Front-
kämpsertums gilt ihnen nicht als hinreichender
Befähigungsnachweis für die Führung der
Politik. Und bei aller Bewunderung vor dem
Heldenmut echter Frontkämpfer und bei
allem Wunsche, daß ihnen für ihre Opferseudig-
keit auch die dankbare Heimat Opfer bringen
müsse: Frontkämpfer als geborene politische
Führer sind nur in einem Staate denkbar, für
den der Frieden die Fortführung des Krieges
mit anderen Mitteln ist.
Die überwiegende Mehrheit des deutschen
Volkes will aber den wahren Frieden.
Das Volksbegehren hat die National¬
sozialisten, die den H o f ton bewunde¬
rungswürdig beherrschen, nun auch s a l o n -
fähig gemacht. Sie spielen das enkant terrible,
und aus pädagogischen Gründen könnte man
auch das Porzellan, das sie zerbrechen, für
kurze Zeit in Kauf nehmen, wenn sich der
Reichsausschuß verpflichtete, die Kosten zu be¬
zahlen. Da aber das ganze Volk leicht. zum
Leidtragenden werden kann, hat die Regierung
— worüber wiv an anderer Stelle dieses
Blattes berichten — in einigen besonders ge¬
fährdeten Gegenden Ortsgruppen der Partei
ausgelöst.
Eine Stilprobe für' viele. Der Ab¬
geordnete Kube sagte im großen Saal der
„Neuen Welt" zu Berlin am 11. Oktober: „Der
Schmutz der Demokratie sei die dreckigste
Pestilenz, die je über ein Volk gekommen sei."
Anscheinend hat Herr Kube, und mit ihm seine
Freunde, nicht gelesen, was Helmuth von
Mücke, damals noch nationalsozialistischer
Abgeordneter und Führer, am 29. August d. I.
an einen Parteigenossen schrieb: „Vollkommen
vom Geld abhängig und rein parlamentarisch
eingestellt, unterscheidet sich die (national¬
sozialistische) Partei in keiner Weise von jeder
x-beliebigen bürgerlichen, patriotischen Re¬
klamepartei. Nicht d i e K ö n n e r sind
obenauf, sondern die Schwätze r."
Der „Reichsausschuß" nennt sein Volks¬
begehren „Freiheitsgesetz".. In einer
Beziehung trifft der Name zu. Seine Anhänger
nehmen sich jede Freiheit, damit es Gesetz
wird.
*
Professor Martin Hobohin erinnert in
einem „T a g e b u ch"-Aufsatz in dankenswerter
Weise an eine Aeußerung von Professor Hans
Delbrück, die in das Gerede von Nationalis¬
mus und nationaler Einheitsfront die starke
Klarheit eines überlegenen Geistes hineinträgt.
Im „P r o g r a m m d e r p r e u ß i s ch e n
Jahrbücher" schrieb Delbrück vor nun¬
mehr 30 Jahren: „Das hohe Ideal unserer
Väter war, daß der deutsche Nationalstaat ent¬
stehen solle, ohne daß der Deutsche in die Ge¬
hässigkeit und Exklusivität verfalle, die wir bei
anderen Nationen als Chauvinismus, Jiugo-
tum, Moskowiterei brandmarken. . . Dieses
Ideal droht uns verloren zu
gehen. Die edleren Geister beginnen mit
Schrecken auf die Formen zu sehen, in denen
sich heute das nationale Gefühl bewegt, und
aus die Sorte von Menschen, die sich erdreistet
in nationalen Fragen die Führung zu über¬
nehmen." Die Stimme dieses Mannes, der
große Zusammenhänge und das Aus und Ab
der Völker und Nationen zu überblicken fähig
war, führt uns ans den grellen Tagesdebatten
zu den Problemen unserer Weltanschauung zu¬
rück. In einen Nationalstaat Delbrückscher
Prägung fügen wir uns mit Kops und Herz
ein. Volksgenossen, die vom Nationalgefühl
Fichtes und vom Humanismus Goethes er¬
füllt sind, kennen nicht den Begriff des „V o l k
ohne Na u m". Unzählige Hände werden ge¬
braucht, um die Fundamente der deutschen Zu¬
kunft und auf ihnen das sü r alle wo h n-
I i ch e Gebäude deutscher Freiheit zu er¬
richten, das bestehen wird, wenn Uoung-Plan
und Dawes-Fesseln und der Kamps um sie nur
noch Unterrichtsstoff in Geschichtsstunden sein
werden.
Me sie Stttsemmm schmähen
♦ ♦ ♦
„. . . Er ist gehaßt und befehdet worden
von seinen Gegnern, wie in einem ähnlichen
Ausmaß selten ein Politiker und ein Staats¬
mann befehdet worden ist. . . .
Unbegreiflich Witt mir der Haß erscheinen,
mit dem dieser Mann verfolgt worden ist.
Unbegreiflich will mir erscheinen, daß man
es gewagt hat, diesem treuesten Patrioten
die politische, die nationale und die persön¬
liche Ehre abzusprechen."
In traurigem Widerspruch zu diesen
Worten, die der Vizepräsident des Deutschen
Reichstags, Abgeordneter v. Kardorff,
in seiner Gedenkrede auf Stresemann
sprach, stehen die Aeußerungen national¬
sozialistischer und verwandter Presse, die mit
ihrem Haß weder vor der Persönlichkeit des
von der ganzen Welt verehrten Staats¬
mannes, noch vor seiner mörderischen Krank¬
heit, noch vor seinem tragisch frühen Tode
haltmachen. Die meisten dieser Aeußerungen
sind von solcher Niedrigkeit der Gesinnung,
daß wir von einer Veröffentlichung in der
letzten Nummer unserer Zeitung Abstand
nahmen; denn Strefemanns Tod schien uns
noch zu nah, um seine Gegner bei uns
zu zitieren. Wenn wir jetzt eine Auswahl
dieser Schmähungen hier wiedergeben, so ge¬
schieht es lediglich, um zu zeigen, mit wie
elenden Waffen die Nationalsozialisten auch
hier wieder einmal gearbeitet haben.
„Der Angriff" von Dr. Goebbels ver¬
öffentlichte am 10. September 1928 einen
Leitartikel mit Vierspaltiger Ueberschrist:
„Strefemanns Lebenstage gezählt! Zunahme
bedenklicher Krankheitszeichen — seine Niere
schrumpft. — Wer wird Außenminister?" In
diesem Artikel heißt es:
„Wie wir hierzu von einem Vertrauensmanne
aus der Umgebung des - ärztlichen Beraters
Ltresemanns, des — nebenbei bemerkt jüdischen —
Professor Zondek, erfahren, ist das Befinden des
Außenministers jedoch noch weit schlechter, als
die Oesfentlichkeit annimmt. . . . Im allge¬
meinen rechnet man bei einer solchen Erkrankung
mit dem Ableben des Patienten binnen zwei bis
drei Jahren, selbst bei allergrößter Schonung und
sorgfältigster Pflege. Als Ursache einer Nieren¬
schrumpfung kommt entweder eine schwere Hals¬
entzündung oder aber übermäßiger Genuß von
fchwerverdaulichen Speisen und Alkohol in Frage.
Soviel bekannt geworden ist, hat Herr Reichs-
außenminister an einer Halsentzündung in den
letzten Jahren nicht gelitten."
Der „Eisenhammer" schrieb im Mai d. I.
unter der Ueberschrist: „Stresemann hat Ge¬
burtstag" in ähnlichem Sinne:
„Am Himmelfahrtstage ist unser großer
Außenminister 51 Jahre alt geworden. Po¬
litisch und gesundheitlich steht er zwar schon
aus dem Aussterbeetat. Wenn wir ihm auch
auch l>eute noch nicht gerade einen Nekrolog
schreiben wollen — die Aerzte geben ihm
zwei Jahre — so möchten wir doch seine Ver¬
dienste der Mitwelt gebührend verkündigen."
Der „Völkische Beobachter" bringt Artikel
mit Ueberschriften wie: „Polen mit Gustav
Stresemann zufrieden* — „Stresemann
stärkt die Unterdrücker" — „Das feindliche
Ausland hat in Dr. Stresemann den ,Freund'
verloren".
Die völkische Zeitung „Die Flamme", Her¬
ausgeber Dr. Feder, unterschreibt eine Kari¬
katur Strefemanns: „Stresemann als Schritt¬
macher der Entente" und betitelt einen Leit¬
artikel: „Stresemann bekommt Ohrseigen."
Noch Ende September hat der national¬
sozialistische Abgeordnete von Oldenburg
namens R o e v e r in einer öffentlichen Ver¬
sammlung in Osnabrück über Stresemann
gesagt:
„Wenn aber einmal die Stunde kommt — und
die kommt totsicher — dann kommt auch Gustav
Stresemann vor dem Staatsgerichtshof, nicht zum
Schutz seiner Fassade."
Der in Ingolstadt erscheinende „Donau¬
bote" scheut sich nicht, in seiner Nummer 228
vom 3. Oktober d. I. folgende Zeilen zu ver¬
öffentlichen:
„Deutschlands Außenminister, Gustav
Stresemann, Inhaber des Kontos S. Gustav,
wurde, wie an den Telegrammtafeln heute
früh zu lesen war, vom Schlage getroffen.
Stresemann war in den Augen aller Pazi¬
fisten, der Sozialdemokraten und aller
Stiesellecker der glorreichste« Außenminister,
der es verstanden hat, das ganze deutsche
Volk zu versklaven und Deutschland selbst zu
einer Kolonie der Siegerstaaten zu machen.
Ein Aufatmen geht durch das national den¬
kende deutsche Volk, daß Stresemann nicht
mehr ist und daß Gott so viel Erbarmen
zeigte, ihn ans seiner sluchwürdigen Tätig¬
keit jäh heranszureißen. Wir als National¬
sozialisten haben nur zu bedauern, daß es
uns nicht mehr vergönnt war, ihn, den
Volksverschacherer, vor die Schranken eines
Staatsgerichtshofes zu schleppen. ♦ .
Das Grab hatte sich noch kaum über dem
.toten Außenminister geschlossen, als Julius
Streicher, der schon wiederholt wegen ver¬
leumderischer Beleidigungen verurteilte Nürn¬
berger Hitlerianer, im Münchener Bürger¬
bräukeller ausführte:
„Man darf sich nicht über den frühen Tod
Strefemanns wundern, denn bei einem so guten
Leben, wie es Stresemann geführt hat, kommt
der Tod immer früher. Die Kopfbildung Strese-
manns ist der Schlüssel zu seinem Handeln. Das
Mongolengesicht hat die Verschlagenheit offen
kundgetan. Er wird jetzt als großer Europäer
bezeichnet, aber das ist gleichbedeutend mit Ver¬
räter und Werkzeug der Juden. Der Jude ist
seit urdenklichen Zeiten geborener Verbrecher.
Wer in der Judenrepublik den Nachweis er-
- bringt, daß er ein Gauner ist, der kann Minister
werden, vielleicht später, wenn einmal der