ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUNS
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Oeffiieii sich die Tore?
Appell an itetmimdzwarazig Staaten
Amerika
Was der Einwanderer
wissen sollte
Sonderbericht für die C.-V.-Zeitung
Dr. Bruno Sommerfeld, der unseren Lesern aus
manchen interessanten Aufsätzen, besonders zur
Frage der Berufspolitik, noch in Erinnerung sein
wird, studiert seit etwa einem Jahr in Amerika.
Er schildert in einer Aufsatzreihe, mit deren
Veröffentlichung wir heute' beginnen, die poli¬
tischen Gegebenheiten Amerikas, die jeder Ein¬
wanderer . erkennen und zur Grundlage, seines
Lebens dort machen sollte. In den weiteren Auf¬
sätzen wird er von den Möglichkeiten und
Schwierigkeiten der Einordnung der Einwande¬
rer unter besonderer Berücksichtigung der Wirt¬
schaftlage Amerikas berichten.
Die Redaktion.
Berkeley (Kai.), im März 193S.
Vorwort für jeden Amerikabericht. Die
Menschen wissen herzlich wenig vonein¬
ander ünd werden sich wahrscheinlich nie
richtig kennenlernen. Technisch sind die
Erdbewohner heute schön Nachbarn. Sie
können praktisch zu jeder Zeit hören und
sehen,-was an den vier Endender Welt vor¬
geht Menschlich sind sie sich seit geraumer
Zeit nicht wesentlich näher gekommen. ~
Diese Erkenntnis sollte jedem Bericht über
fremde Menschen und Länder vorangehen.
Bei einem Bericht über Amerika erscheint
die Besinnung auf die Grenzen unseres
Einfühlungsvermögens und die. Urteils¬
fähigkeit über fremde Volkscharaktere be¬
sonders geboten.
■ Amerika. hat das zweifelhafte Vergnü¬
gen gehabt, am häufigsten der internatio¬
nalen Kritik ausgesetzt worden zu sein. Mit
einem Langmut ohnegleichen haben die
Amerikaner Jahr für -Jahr die unrichtigsten
Darstellungen über sich ergehen lassen. Ja.
sie haben förmlich mit den Europäern ge¬
wetteifert in der Verzeichnung des Porträts
von „Onkel Sam". Und wo die Meister von
der literarischen Zunft nicht scharf genug
pointiert zu haben schienen, sprang der
amerikanische Tourist bereitwilligst ein
und spielte der Welt den „Yankee"' vor,
den man endgültig in ein internationales
Wachsfigurenkabinett neben „Marianne".
..Michel" und „John Bull" steilen sollte.
Denn der amerikanische Tourist, den wir
gewöhnlich in Europa kennenlernen, ist
nichts weniger als repräsentativ für
Amerika. Es scheint zwei Hauptarten von
Amerikanern zu geben: den reisenden
Amerikaner und den Amerikaner.
Wer, nachdem er eine Zeitlang mit
wachen Augen im Lande gelebt hat, sich
durch die Bibliotheken der Amerikalitera¬
tur hindurcharbeitet, stösst auf Schritt und
Tritt auf die gröbsten Zerrbilder und Miss¬
verständnisse. Der Europäer hat bis vor
kurzem Amerika mit einem gewissen Hoch¬
mut als ein unmündiges Europa betrachtet.
Bis dann vor einigen Jahren der Franzose
Andre Siegfried in seinem bekannten Buch
„America Comes of Age" (Amerika wird
mündig) Amerika gewissermassen für voll¬
jährig erklärt-hat. Der Europäer sollte sich
bei seinen Vergleichen zwischen der Alten
und der Neuen Welt an den Gedanken ge¬
wöhnen, dass Amerika weder ein unmün¬
diges noch ein besseres oder schlechteres
In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.:
Die Aufsätze:
Fritz Friedlaender: Hermann Cohen zum
20. Todestag — Ignaz May bäum: Diaspora-
Zerstreuung — Dr. Kurt Aron: Porto einst
und jetzt — Dr. Ernst Schaefer: Vom inter¬
nationalen Privatrecht — Moritz Kaswan
und Alfred Mayer, Träger des Erzähler¬
preises der C.-V.-Zeitung
Die Beilagen:
Buch und Kunst — Wirtschaft der Woche
Sporfblatt—-Palästina-Umschau
Ueberall in der Welt haben die Regie¬
rungen und die jüdischen Hilfsorgani¬
sationen zu dem Emigrantenproblem, wie
es sich aus der neuen Lage in Mitteleuropa
ergibt, Stellung genommen. Die grösste
Beachtung findet in allen beteiligten Krei¬
sen eine Mitteilung, die Staatssekretär
Cordeil H u 11 am 25. März im Auftrag des
Staatsdepartements in Washington be¬
kannt gab. Die Regierung der Ver¬
einigten Staaten hat 29 Nationen
vorgeschlagen, sich in einem internatio¬
nalen Ausschuss zu vereinigen, um die
Einwanderung von Flüchtlingen aus
Deutschland und Oesterreich zu erleich¬
tern. Die diplomatischen Vertreter Ame¬
rikas haben diese Anregung allen süd¬
amerikanischen Staaten sowie Belgien,
Dänemark, England, Frankreich, Holland,
Norwegen, Schweden und der Schweiz zu¬
geleitet. .Die belgische Regierung hat sich
bereits zustimmend geäussert, der Quai
d'Orsay hat die Anregung aufgegriffen und
teilt mit, dass die französische Regierung "
in- ernsthafte -Beratungen eingetreten sei.
Während der holländische Minister Pati j n
die -Stellungnahme seiner Regierung für
England
Im englischen Unterhaus
äusserte sich in Beantwortung einer An¬
frage der Innenminister Sir Samuel
Hoare zum österreichischen Flüchtlings-
problem. Die Regierung Sr. Majestät
werde die Frage des Asylrechts wohlwol¬
lend und sorgfältig prüfen, sie werde ihre
traditionelle Haltung bewahren und allen
denen Aufenthalt gewähren, die aus politi¬
schen, rassischen oder religiösen Gründen
ihre Heimat verlassen müssten. Anderer¬
seits aber sei das Problem auch vom Ge¬
sichtspunkt des internationalen Friedens
und unter Berücksichtigung der Arbeits¬
losigkeit des Landes zu betrachten. Es
müsse der Eindruck vermieden werden,
dass England jeder Einwanderung Tür und
Tor öffne. In erster Linie werde man sol¬
chen Personen Einlass gewähren, deren
Arbeiten auf den Gebieten der Wissen¬
schaft, der Kunst, des Handels und der
Industrie dem Lande nützlich sein könn¬
ten. Die'Einbürgerungsanträge bereits in
England ansässiger Oesterreicher werde
man wohlwollend behandeln. Sir Samuel
Hoare fuhr fort, dass sich die Notwendig¬
keit zur Schaffung einer besonderen Or¬
ganisation ergeben habe, um die einreisen¬
den Flüchtlinge über die Möglichkeiten
Europa ist,, sondern ein Staats- und Volks¬
gebilde eigener Art, das nur aus seiner
Entwicklungsgeschichte heraus begriffen
werden kann.
Sollte, hiermit eine Fehlerquelle auf¬
gedeckt werden, die jeden Amerikabericht
trüben kann, so muss noch ein besonderes
Warnungszeichen für den jüdischen Be¬
richterstatter einer jüdischen Zeitung auf¬
gestellt werden. Er müss die allgemeinen
Erscheinungen schildern, wie. sie sieh irr.
Gesamtrahmen abspielen, und wie sie auf
Mr. John und Mr. Smith, nicht aber nur wie
sie auf ihn selbst wirken. Wenn er wie die
jüdische. Mutter in dem bekannten New-.
Yorker Volksstück „Bronx-Express" bei
jeder möglichen und unmöglichen Gelegen¬
heit fragt: „Ist das gut für die Juden?",
wird er schwerlich ein objektives Bild von
der amerikanischen Wirklichkeit gewinnen.
die allernächste Zeit ankündigte, hat Ita¬
lien eine Beteiligung abgelehnt.
Im einzelnen erfährt man, dass private .
Mittel aufgebracht werden sollen, um in
jedem der Länder, die sich an der Aktion
beteiligen wollen, den Flüchtlingen Hilfe
gewähren zu können. Staatssekretär Huli
erklärte, Roosevelt habe diesen Vor¬
schlag gemacht, weil er die Dringlichkeit
des Auswanderungsproblems in seiner
ganzen Bedeutung erkannt habe. Was die
Vereinigten Staaten selbst betreffe, so sei
nicht beabsichtigt, die bestehenden Ein¬
wanderungsbestimmungen zu ändern. Er
weise aber darauf hin, dass bis zum Ab¬
lauf der gegenwärtigen Einwanderungs¬
periode am 1. Juli 1938 unter Ausnutzung
der noch verfügbaren Kontingente 16 953
Emigranten aus Deutschland und etwa
1000 aus Oesterreich Aufnahme finden
könnten. In den jüdischen Kreisen, Arne- -
rikas hat die Bekanntgabe dieses Schrittes
grösstes Interesse und lebhafte -Anteil¬
nahme erweckt. Die jüdischen Organi¬
sationen -Amerikas haben ihre Hilfe und
Mitarbeit für dieses Werk .zum Teil in
Telegrammen, zum Teil in ^us.chriftön a"n
Minister Hull und an den Präsidenten Roo¬
sevelt selbst zum. Ausdruck gebracht. .
ihres Aufenthaltes und ihres Fortkommens
zu informieren. In die Erwägungen' der
Regierung würden auch die Dominien
miteinbezogen werden. Es müsse geprüft
werden, wieweit auch dort Aufnahmemög¬
lichkeiten vorhanden seien. Falls eng¬
lische Familien Bürgschaften für Flücht¬
linge übernähmen, werde die Regierung
diese anerkennen. Der Aussenminister
Lord Halifax hat M. L. Perlzweig emp¬
fangen und mit ihm über die Lage der
Juden in Zentral- und Osteuropa ge¬
sprochen.
Frankreich
Der Unterstaatssekretär für Inneres
Philip Serre empfing in Paris Marc
J a r b 1 u m , den Präsidenten des Ver¬
bandes der jüdischen Vereinigungen
Frankreichs. Er erklärte, dass die fran¬
zösische Regierung im Hinblick auf die
besondere Lage des mittel- und osteuro¬
päischen Judentums bereit sei, die ille¬
galen jüdischen Einwanderer nicht, wie
beabsichtigt, zu deportieren, sondern in
Frankreich selbst anzusiedeln, sofern "die
hierfür erforderlichen Kapitalien von den
jüdischen Organisationen aufgebracht
würden. Man schätzt, dass etwa 8000
Juden unter diese Massnahme fallen wer¬
den. Der Verband der jüdischen Vereini-
Der Berichterstatter dieser Zeilen wird be¬
müht sein, nicht voreilig von der Fassade
auf die Bewohner des Hauses zu schliessen.
Diese Absicht macht mitunter historische
und sozialpsychologische Ausflüge not¬
wendig, um einen Zug des heutigen •
\merika zu verstehen.
Ber Amerika-Mythus
Seit vor rund dreihundert Jahren die
.Pilgerväter" in der neuen Welt ihren
„Bund" der Freiheit und Gerechtigkeit ge¬
gründet hatten, steht Amerika als das. Land
der Freiheit und der unbegrenzten Möglich- ■■
keiten vor den Augen der Menschheit. Die
europamüden Massen der religiös Verfolg¬
ten und wirtschaftlich Unterdrückten, die
verarmten Bauern und bankerotten Händ¬
ler, die sich im Herzen Europas die blutig-
gungen Frankreichs hat der Regierung
eine Dankesbotschaft übermittelt
Holland
Bericht unseres Amsterdamer
H.-Korrespcmdenten
. Die holländische Regierung
sah sich durch den erneuten Zustrom von
Emigranten aus Oesterreich und unter Be¬
rücksichtigung der wirtschaftlichen Lage
des Landes veranlasst, ihre Haltung gegen¬
über der Aufnahme von Flüchtlingen zu
präzisieren. In einer Sonderausgabe des
Polizeiverordnungsblattes wird ein Schrei¬
ben des Justizministers an die Polizei¬
beamten veröffentlicht, das in fünf Punk¬
ten die Bestimmungen, unter denen
Oesterreichern die Zulassung gestattet
werden soll, zusammenfasst. Es wird der
Besitz eines noch mindestens zwei Monate
gültigen Passes verlangt und die Vorlage
einer Erklärung der deutschen Behörden,
dass der Passinhaber, ungehindert nach
Deutschland bzw. Oesterreich zurück¬
kehren kann* sofern er gezwungen ist, Hol¬
lami wieder zu verlassen. Für einen be¬
grenzten Auf enthält im" Lande wird der
Nachweis eines Kapitals von 500 Schillin¬
gen, bei einem Gesuch für einen Dauer¬
auf enthalt von 10000 holländischen Gul¬
den verlangt. Die Zulassung unter diesen
Voraussetzungen bedeutet noch nicht die
Erlaubnis zum dauernden Aufenthalt, über
den erst in einem späteren Zeitpunkt ent¬
schieden wird. Hierzu muss der Zweck
der Niederlassung -glaubhaft, begründet
werden. Die Einreise; muss über eine
amtliche Grenzstation erfolgen, der Pass
den Stempel der Grenzstation tragen.
Unter besonderen Umständen „.werden
Ausnahmen zugelassen, über die die
Fremdenpolizei im Einvernehmen mit
dem zuständigen Ministerium entscheidet.
*
Neben diesen konkreten Massnahmen
stehen mancherlei Projekte, die in der aus¬
ländischen jüdischen Presse erörtert wer¬
den. . Ein besonders interessanter Plan
wird aus Amerika berichtet. Dort hat eine
Monatsschrift Unterschriften für eine Pe¬
tition an den Präsidenten Roosevelt ge^
sammelt, damit er bei der mexikani¬
schen Regierung die Schaffung eines
jüdischen Heimes in Südkalifornien er¬
wirke. Dieser Bezirk soll eine autonome
Verwaltung erhalten, dem Staate Mexiko
eingegliedert werden, und seine Unver¬
letzlichkeit sollen die panamerikanischen
Staaten garantieren. Südkalifornien wird
als ein noch völlig uiierschlossenes Land
bezeichnet, dessen Gebiet sechsmal so
gross wie Palästina sei und bisher nur
eine Bevölkerung von etwa 100 000 Men¬
schen aufweise. In einem weiteren Auf¬
satz wird die klimatische Situation des
Landes als besonders günstig bezeichnet.
sten Kämpfe lieferten, sahen wieder einen
goldenen Hoffnungsschimmer am Horizont.
Was wussten sie — so weit vom Schuss —
von den harten Kämpfen der Pioniere in
dem kalten, ungastlichen Lande. Sie hörten
mir von dem endlichen Triumph der from¬
men Siedler. Gewaltige Räume taten sich
auf, die wie nach dem Naturgesetz des
Vakuums Müde und Verzweifelte, Idealisten
und Geschäftemacher, Abenteurer und
echte Pioniere anzogen.
Leichten Herzens hatten die ersten Aus¬
wanderer den Staub Europas von den
Füssen geschüttelt, denn sie hatten nichts
zu verlieren und alles zu gewinnen. In der
neuen Welt starteten sie alle mit gleichen
oder doch annähernd gleichen Chancen. Sie
wurden nicht in einen bestimmten Stand,
eine bestimmte Gesellschaftsschicht hinein-
Diskussioit .um die' Flfi.cbtliiige : '