Korrespondenzen.
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in Bayern stehen im umgekehrten Verhältrliß zu dem Geschrei, das
einige AnLisemiteriche vornehmlich in der Haupt- und Residenzstadt
vollführen. Bei den letzten Neichstagswahlen brachten sie es trotz sehr
geschäftiger Agitation im ganzen Lande nicht einmal auf 1500
Stimmen; bei den Geme'mdewahlen im Jahre 1893 wurden in München
wohlgezählte — 21 antisemitische Stimmzettel abgegeben. Somit
läge nicht die geringste Veranlassung vor, der antisemitischen „Be¬
wegung" in Bayern irgend eine ernsthafte Beachtung zu gönnen,
wenn nicht die Entwicklung der Dinge hier typisch wäre für die
Tendenz der Bewegung überhaupt und die Zerfahrenheit der anti¬
semitischen Parteien." In dem Bericht wird im Anschluß an obige
Sätze eine Uebersicht der Geschichte dieser bayerischen Partei und eine
Charakteristik der bisherigen Führer derselben, Geisler, Ludwig
Wengg und August Büchner gegeben, von dem Letzteren aber ge¬
sagt, „er habe sich neuerdings wieder einmal umgemausert und dem
Gedanken Ausdruck gegeben: „Mir ist der galizischste Jude lieber als
tausend Antisemiten." — Wengg ist übrigens vor einigen Wochen,
als er aus dem Gefängniß zu Stadelheim nach Verbüßung drei¬
monatlicher Gefängnißstrafe entlassen wurde, am Thore des Gefäng¬
nisses von Gesinnungsgenossen empfangen und von einem mit weißen
Nelken und der schwarz-roth-goldenen Tricolore geschmückten Zweispänner
in seine Wohnung gebracht worden. Am andern Abend veranstaltete
der „Volksbund" in München einen Festcommers. — Der frühere Rend-
amtsbeibote B r ä g war erwischt worden, als er an dem Hause eines
hiesigen Israeliten mit einem Stempel die Worte aufdrückte: „Hier
wohnt ein Jud e." Dann entstand der Verdacht, daß Bräg auch
der Urheber der antisemitischen Bemerkungen sei, welche Plakaten an den
hiesigen Plakatsäulen mittelst Stempels aufgedrückt waren. Ueber die be¬
zügliche Schöffengerichts-Verhandlung berichtete der „Fränkische Kurier":
„ES konnte dem Bräg bezüglich der hiesigen Plakatsäulen die Schuld nicht
nachgewiesen werden, da durch seinen Entlastungszeugen (den b e -
kannten antisemitischen Agitator und früheren hie¬
sigen Gastwirth Wiesner) eidlich bekundet wurde, daß Bräg ihm s. Zt.
mitgetheilt, er habe zwar die Stempel mit den antisemitischen
Inschriften hier anfertigen lassen, dieselben aber an einen Fremden,
den er in der Wiesner'schen Wirthschaft traf, verkauft. (Dieser be¬
kannte „große Unbekannte" konnte nicht ermittelt werden.) Dagegen
wurde Bräg nachgewiesen, daß er auch in Lindau, wohin er von hier
gezogen war, die Plakate mit antisemitischen Bemerkungen durch einen
ausgeprägten Stempel beschmiert hatte. Bräg wurde daher wegen
Sachbeschädigung (in Lindau begangen) zu einer Woche Ge-