2 Hm deutschen Reich.
thums hemmen könnte, und er wollte diese Macht schwächen. Viele
der besten Söhne des neuen Reiches begeisterten sich für diese Idee.
Sie wollten ein freies, starkes Deutschland.
Aber die innere Welt, das Reich der Gefühle, läßt sich nicht
wie ein Mechanismus lenken. Sie will sich ausleben, und wir können
nur Bedingungen schaffen, die sich den Lebeusgefetzen anpassen. Durch
Polizei und administrativen Zwang hat man noch nie eine gesunde
Kulrurbewcgung ins Leben gerufen. Alle Maßregeln zur Unter¬
drückung einer Geiftesrichtung haben bis jetzt noch immer das Gegen-
theil der beabsichtigten Wirkung gehabt. So schuf man durch diesen
Kulturkampf viel Verbitterung, ohne dem Deutschthum zu nützen.
Das Leid ist ein wunderbares Bindemittel, es verbindet die verschieden¬
artigsten Elemente mit einander. So vereinigte sich alles, was
katholisch dachte, zum erbittertsten Kampfe. Durch die überflüssige
Märtprerzüchterei machte man so aus einer kleinen klerikalen Gruppe
mit unklaren Zielen eine innerlich gestärkte und äußerlich macht-
gebietende politisch.kirchliche Partei.
Damals schrieen die Katholiken in Deutschland nicht nach Pa¬
rität sondern nach Gerechtigkeit, und sie fanden mit ihren Klagen
bei den Demokraten und bei den Juden am «reisten Verständnis; und
Theilnahrne. Die Demokraten wünschten die weitgehendste Geistes¬
freiheit und hielten es für eine Gefahr, wenn die Polizei sich in reli¬
giöse Dinge hineinmengte. Die Juden kannten ihren alten Propheteu-
fpruch: „Nicht durch Kraft und nicht durch rohe Gewalt, sondern durch
Geist!" Wenn nachher Fanatiker die Juden für den ganzen Kultur¬
kampf verantwortlich machen wollten, so ist das eine Thorheir. Welche
Gefühle einzelne Juden diesem Kulturkampf entgegenbrachten, entzieht
sich natürlich jeder Kontrole. Es steht aber fest, daß die jüdischen
Politiker keine Kulturkämpfer waren. Zur Zeit des Kulturkampfes
saßen vier Juden im Reichstage: Ludwig Bamberger, Eduard
Laster, Luwig Loewe und Leopold Sonnemann. Von Bamberger
und Laster steht nach dem amtlichen Stenogramm fest, daß sie gegen
die Maigesetze gestimmt haben. Ludwig Loewe hat- sich im Kultur¬
kämpfe so korrekt benommen, daß Windthorst bei den darauf folgenden
Reichstagswahlen den Zentrumswählcrn in Berlin von der Aufstellung
eines eigenen Kandidaten abriet und die Wahl Loewes dringend empfahl.
Die Haltung Sonnemanns in dieser Frage kann man aus den da¬
maligen Artikeln der „Frankfurter Zeitung", deren Chefredakteur er
war, zur Genüge erkennen. Der Ruf nach Gerechtigkeit hat bei den
Juden stets ein Echo gefunden, weil sie selber von der Gerechtigkeit
alles zu erhoffen und von der Ungerechtigkeit alles zu befürchten haben.