Korrespondenzen .
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stimmung mit dem Beschlüsse des IX . Gemeindetages , ihren Beitrag
für den Bund auf annähernd 1 pCt . ihres Steuereinkommens erhöht
haben , oder die sich verpflichten , für die der provisorischen Anstalt zu
überweisenden Zöglinge den Theil der Kosten zu tragen , der nicht
durch die von den Provinziaibehörden zu entrichtenden Pflege - und
Ausstattungsgelder gedeckt wird .
Es versteht sich von selbst , daß wir Juden das , was wir für
jüdische Verhältniffe nöthig finden , unbekümmert um antisemitische
Angriffe in ' s Werk setzen . Jedenfalls ist es aber auch nöthig , einzelne
Sonderbestrebungen stets so zu begründen , daß nicht von christlicher
Seite Schlüsse gezogen werden können , welche das antisemitische Ziel
der Absonderung der Juden rechtfertigen . Die antisemitische Wiener
„ Deutsche Zeitung " schrieb am 1 . Juni : „ Dr . Jeremias , derzeit
Nervenarzt Ln Posen , findet in der „ Allg . Ztg . d . Judenthums " vom
30 . d . , daß für die Juden eigene öffentliche Irrenanstalten Bedürfniß
seien . Jeremias klagt : Die Jahrhunderte lange physische Depravation
durch das Gheltoleben und die von jeher bei uns heimische geistige
Ueberlastung haben das ihrige gethan , um der jetzt lebenden Juden¬
generation den Stempel nervöser Entartung unverkennbar
aufzuprägen . Bezeichnend dafür ist die ungeheure Zahl der schlechthin
„ Nervösen " und der eigentlich Nervenkranken unter uns , ferner die
das Bevölkerungsverhältuiß weit übertreffende Zahl jüdischer Taub¬
stummer und Blinder . Das markantest - . ' und traurigste Moment aber
ist die außerordentliche Zahl von Geisteskranken . 1871
kamen in Preußen und Bauern auf je 100 000 Seelen : bei Pro¬
testanten 236 , bei Katholiken 234 , bei Juden 423 Geisteskranke .
1895 kamen in Preußen auf je 100 000 Seelen : bei Protestanten 261 ,
bei Katholiken 250 , bei Juden 498 Geisteskranke . — Oder anders
ausgcdrückt : 2 % Percent der Geisteskranken Preußens waren Juden ,
während der Percentfatz entsprechend demjenigen in der Gesammt -
bevölkerung 1 7s hätte sein sollen . Wir haben dem Bedürfniß nach
Irrenanstalten für verrückte Juden oder sogar für solche , die es nur
vor dem Strafgesetze wohlweislich sein wollen , nichts entgegenzuhalten ;
für die im wahren Sinne „ gesunden Juden " halten wir aber das
Ghetto für durchaus nicht „ depravierend " . Woher denn ? Probieren
wir ' s übrigens einmal , ob sie dadurch schlechter werden ! " — Herr
Dr . Jeremias hat sicher diese Wirkung seines Artikels weder beab¬
sichtigt noch vorausgesehen , trotzdem es sich erwarten ließ , daß aus
seiner in dieser Allgemeinheit überdies glücklicher Weise
unzutreffenden Behauptung von dem „ unverkennbaren
Stempel nervöser Entartung der jetzt lebenden Juden -