Bücherschav.
75
Wege einer allmählichen Verschmelzung und Umformung von.
Erlebtem und Gehörtem die phantastischen Zeugenaussage?:
entstanden. Schließlich läßt der Verfasser dem Beweismaterial
der Anklage eine vernichtende Kritik zuteil werden, die von den
Schuldbeweisen nichts mehr übrig läßt. Professor v. Liszt
sagt in seinem Geleitwort zu dem vorliegenden Buch, daß der
Prozeß Hilsner einen Beitrag zur Psychologie der
Aussage liefere, der alle theoretischen Auseinandersetzungen
über dieses Thema und alle experimentellen Umersuchungen irt
den Schatten stelle, daß die Kriminalistik reiche Belehrung und
vielfach neue Anregung aus dem Buche schöpfen könne; er
empfiehlt das gründliche Studium der Schrift den Gebildeten
aller Kreise, besonders aber unseren deutschen Strafrechts^
vraktikecn aufs wärmste. Diesem Wunsche können wir uns nur
an schließen. CD
E. Jakobi, Ein Jahr aus Ruths Leben. Eine jüdische Erzählung.
Berlin, Louis Lamm. -906.
Das geringe Interesse, das die jüdische Jugend jüdischen
Angelegenheiten entgegenbringt, rührt nicht zum wenigsten da¬
her, daß diese nicht in hübschen, der Änschauungswelt der
Jugend entsprechenden Jugendschriften behandelt werden. Wir
haben keine jüdischen Jugendschriften.
Der Verfasser der vorliegenden Erzählung trägt diesem
Mange! Rechnung. Freilich ist ihre Tendenz einseitig: eine
jüdische Jugendschrift muß für Leser aller religiösen Schattie¬
rungen geschrieben fein. Bevorzugt sie die Orthodoxie vor der
liberalen Richtung (wie im vorliegenden Falle), oder umgekehrt,
so wird der jugendliche Leser, der in entgegengesetzten An¬
schauungen aufwächst, das Buch unbefriedigt aus der Hand
legen.
Jakobis Merkchen, das Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer
mir einem empfehlenden Vorwort versehen hat, ist eine Pension.s-
geschichte. Von Hause aus streng religiös erzogen, verlebt Ruth
ein Jahr in einem frommen jüdischen Mädchenpensionate, in
dem die jungen Damen nicht zu oberflächlichen Modeprinzessinnen,
sondern zu denkenden, religiösen Jüdinnen erzogen werden. Eine
erschütternde Episode klingt in dies trauliche Idyll -hinein: