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Im deutschen Reich.
wahr sein, in Könitz wäre ja auch ähnliches vorgekommen, die
Sach« sei nicht aufgeklärt. Der katholische Geistliche -hat sich
bemüht, aufklärend zu wirken; der Polizei ist es zu danken,
daß sie durch ihr energisches Eingreifen zur schnellen Auf.
klärung der Grundlosigkeit der Beschuldigung beigetragen hat.
Mancher der hiesigen Gewerbetreibenden wird trotzdem durch
das Märchen zu leiden haben, am empfindlichsten Kaiser, der
nicht zu den Wohlhabenden gehört. Der Bürgermeister
wird sogar von einzelnen beschuldigt, von den Juden bestochen
zu sein; er hätte 20000 Mark bekommen. Den Verbreitern
solcher Märchen wird wohl erst Einhalt getan werden, wenn die
Staatsanwaltschaft eingreifen wird, an die ein Bericht ab.
gegangen ist.
A Frankfurt a. M., 19. März. Mit einem großen Sieg
bei den Frankfurter Kaufmannsgerichts wählen
wollte der Deutsch-nationale Handlungsgehilfenverband seinen
dieses Jahr hier stattfindenden „handlungsgehilsentag" ein-
leiten. Seine Agitation, die in den Mitteln nicht wählerisch
war und mit außerordentlich reichlichen Geldbeträgen be¬
trieben wurde, hätte auch wirklich einen Erfolg bringen
können, wenn nicht die rühmliche Tätigkeit unserer Orts¬
gruppe sich auch bei dieser Gelegenheit erfolgreich be¬
währt hätte. Während der D. h. V. früher in Frank¬
furt seine antisemitische Tendenz sorgfältig zu verhüllen bestrebt
war, hatte er diesmal seine Methode geändert; er mochte
wohl glauben, damit endlich wieder einen Erfolg zu erzielen,
nachdem unter dem alten System, Dank auch der Wachsamkeit
unserer Ortsgruppe, die Zahl seiner Beisitzer bei den Wahlen
1909 von 13 auf 10 und 1911 auf 9 reduziert wurde. Darum
legte er diesmal antisemitisch los, sprach von einer Politik
der Frankfurter Zeitung „im Solde des Centralvereins" und
s'cheut: sich nicht, eine ganz allgemein gehaltene Beschuldigung
gegen die „Herren Juden zu erheben, die die deutschen Mädchen
als Freiwild betrachteten", indem er, selbstverständlich ohne
Nennung eines Namens, den Lesern seiner „Sozialen Rund¬
schau" initterlte, ein jüdischer junger Kaufmann aus der Kaiser-
straße habe seiner Kontoristin „anstatt einer Gehaltserhöhung
seidene Unterröcke" versprochen, wenn sie sein .... Ver-
hältniswürde. DieMbsicht, in der man diese Notiz brachte,
erhellt am klarsten daraus, daß sie wörtlich in dem letzten
Wahlfluyblatt des D. h. D. nochmals abgedruckt wurde. Heraus
mit dem Flederwisch! Solange aber die „Soziale Rundschau"
den Namen des angeblich jüdischen Kaufmanns nicht nennt,
wird sie uns und anderen schon gestatten müssen, ihre Notiz
als ein charakteristisches Wahlmanöver anzusehen. Bei der
Frankfurter Gehilfenschaft hat diese Methode aber nicht ver¬
fangen. Die Zahl der für den D. tz. B. abgegebenen Stimmen