406
Im deutschen Reich
Punkt angelangt ist , die Berechtigung des bisherigen Beginnens
nachzuweisen . In Maßgebenden Artikeln der Blätter , die nicht
gerade auf den „ Radauantisemitismus " abgestimmt sind —
diese Organe werden ja niemals ihre Tonart ändern — wird
darzulegen versucht , daß die antisemitische Bewegung keine
Hetze zur Gewalt treibe , sondern eine wissenschaftliche utiö wirt¬
schaftliche Berechtigung im Volksleben darstelle . Abgestimmt
wird diese Formel auf den Ton , daß die Bewegung eine Rassen¬
frage sei , und daß sich aus dem Rassengegensatz die psychologi¬
sche Notwendigkeit des Freindseins und damit auch die Berechti¬
gung des wirtschaftlichen Kampfes gegen die Juden ergebe .
Gegenüber all den Versuchen , der antisemitischen Bewe¬
gung eine haltbare Grundlage zu geben , haben wir mit aller
Entschiedenheit das eine festzustellen : Esgibtkeinen An¬
tisemitismus , der berechtigt ist . Dadurch unter¬
scheidet sich die antisemitische Agitation von jeder anderen poli¬
tischen Strömung . Jede politische Parteipolitik hat ihre Be¬
rechtigung . Eine Bewegung aber , deren ausschließliches Ziel
es ist , eine Gesamtheit von Menschen zu entrechten , herabzu¬
setzen , zu schädigen , ist in keiner Weise haltbar . Man kann sich
in keinem Punkt ernsthaft mit den Argumenten unserer Gegner
beschäftigen . Man kann von keiner Seite aus mit wahrhaft
wissenschaftlichen Mitteln den Kampf mit ihnen aufnehmen .
Immer und immer wieder muß erkannt und festgestellt werden ,
daß von der Gegenseite kein wirklich politischer , sondern ein
letzten Endes egoistischer und verbrecherischer Kampf geführt
wird . Und stellt man sich selbst einmal auf den Boden derer ,
die da bchaupten , das Judentum bilde eine Rasse , die sich in
ihren anthropologischen Eigenarten von ihren Mitmenschen un¬
terscheidet , so ist auch dann mit den Antisemiten nicht zu rechten .
Denn was sie wollen , ist ja nicht die Feststellung dieser Unter¬
scheidung , ist ja nicht das Verlangen von uns , diese Gegensätz¬
lichkeit anzuerkennen . Es ist auch hier — nur unter einem an¬
deren Vorwand — das Bestreben , uns in unserem Menschtum
anzugreifen . Niemals ist gegen eine Menschenart , die sich
rassisch von ihrer Umgebung unterscheidet — soweit das über¬
haupt möglich ist — ein Kampf geführt worden , der diesen im
entferntesten ähnelt . Deshalb keine Anerkennung
der Berechtigung irgendeines antisemiti¬
schen Argumentes , sondern Kampf , und
Kampf bis zum Aeußersten .
Es war notwendig , das einmal auszusprechen , weil sich Er¬
scheinungen in den Reihen unserer Glaubensgenossen zeigen , die
deutlich machen , daß das hohle Pathos der antisemitischen Ar¬
gumente nicht ganz ohne Eindruck auf sie geblieben ist .