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Im deutschen Reich
Jüdische Rundschau.
Die O stj u d e it f r a g e bildet einen beliebten Gegenstand- der Er¬
örterungen und der literarischen Behandlung, drinnen und draußen.
Draußen, nämlich in den antisemitischen Lagern aller Farben und Grade,
bildet sie sogar eine willkommene Waffe gegen die „Westjuden", nämlich
die Juden in Deutschland. Der Kampf gegen diese müsse schon aus dein
Grunde aufrechterhalten werden, da sonst ganz Deutschland von den
Horden der Ostjuden überflutet werden konnte. Es hat den Anschein, als
stünden hinter der Ostgrenze Deutschlands Millionen von Juden, „mir
Wanderstaü und Ranzen" gerüstet, um sich auf das Land der Mitte zu
stürzen und es in Besitz zu nehmen. Man stellt es so dar (und die Mei¬
nung ist sogar in jüdischen Kreisen verbreitet), als ob seit Jahren die
Ostjuden von einem „Drang nach Westen" getrieben waren, und das Ziel
dieser Wanderung das von ihnen meistbedrohte Land Deutschland wäre.
Das ist in zweifacher Beziehung unwahr. Unter den Juden des Zaren¬
reiches herrschte seit jeher die Hoffnung, daß ihnen die durch Katharina II.
geschlossenen Ostgrenzen des Ansiedelungsrayons geöffnet würden.
Seit jeher ist, sooft ein liberaler Windhauch über Rußland wehte, die
Strenge des Wohnverbotes für die Juden im Osten gemildert worden.
Einzelner: Klassen wurde der Aufenthalt in ganz Rußland freigegeben,
und einzelne Gegenden wurden der jüdischen Einwanderung in weitestem
Maße erschlossen. Die ganze liberale Periode Alexanders II. hindurch
hatte.es den Anschein, daß der Ansiedelungsrayon gänzlich aufgehoben
werden würde. Die Jude n drängten alle na d] dem O st e n,
wo sich ihrer gewerblichen und kommerzieller: Tätigkeit ein schrankenloses
Gebiet eröfinete. Damals gab es wohl eine Jude n einwanderu n g ,
besonders aus D e u t s ch l a u d , u a ch R u 3 I a n b , sie umfaßte Kans-
leute, Unternehmer, Techniker, Aerzte; aber die AusWanderung aus
Rußland war höchst minimal; insbesondere nach Deutschland kamen
— von den Kurgästen, die die Badeorte und die Empfangszimmer der
Aerzte füllten, abgesehen, ebenso vor: den Kaufleuten, die den stets wachsen¬
den Hände! nach Rußland besorgten — nur Studierende, die an der
Quelle deutscher Wissenschaft und Philosophie tranken, Rentiers, die sich
von den Geschäften zurückgezogen und ihre Einkünfte im heiligen Lande
der Kultur und der Ordnung verzehrten. Man kann nicht sagen, daß
diese zeitweilige oder dauernde Einwanderung gar zu unerwünscht gewesen
wäre. Eine Massenauswanderung von Ostjuden aus Rußland brach erst
mit dem Beginn der Pogromepoche, 1881/82, los. Seither sind bis zum
Ausbruch des Weltkrieges nach den Vereinigten Staaten allein ungefähr
2 Millionen Ostjuden eingewandert. In Deutschland dagegen war die
Höchstzahl der ansässigen Ostjuden etwa 50—60 Tausend. Was soll also
das Angstgeschrei von der drohenden Ueberslurung Deutschlands durch Ost¬
juden? Während des Krieges und seither dürfte die Zahl der Ostjuden
in Deutschland allerdings Angenommen haben. Allein jeder reise Mensch
weiß, daß dies eine vorübergehende Erscheinung ist, hervorgerusen durch
die Ereignisse und Zustände im Osten. War Deutschland vor dem Kriege,
schon nicht im entferntesten das eigentliche Wanderziel der Juden, so ist
es dies nach dem Kriege aus naheliegenden Gründen erst recht nicht. S i e
denken fast ausnahmslos nicht daran, sich hier dau¬
ernd n i e d e r z u l a s s e n u n d E r w e r b z n s n ch e u , den zu finden
für die Eingeborenen selber so schwer und immer schwerer wird. Sie
warten fast alle nur die Gelegenheit ab, nach Amerika oder nach'Palästina
weiterzuwandern oder in ihre Heimat zurückzukehren, wo ihnen, sobald
rjir geordnete Verhältnisse eintreten, jetzt das ganze europäische und asiati¬
sche Rußland offen steht, das dazu bestimmt 'ist, za h l r e i ch c u E i n -