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55 Das Buch Kuzari von Brecher. Jüdische Religionsphilosophie.
und hiebei ging man vom Standpunkte des Glaubens
aus, wandte sich aber von der strengen Formglaubigkeit ab
und ging wehr dem Gemächlichen, ahnungsvoll Höheren,
dem Edelsittlichen zu— ein Aufbauen eines neuen,
wissenschaftlich systematischen, aber mit den Glaubens¬
sätzen doch analogen Gebäudes. In allen drei Richtun¬
gen i) ist von jüdischer Seite Vieles geleistet worden;
alles tragt aber natürlich den Stempel der aristotelischen
Philosophie, so wte auch den des Jüdischen, Nationalen
deutlich an der Stirn. Und dies ist die scharf markirte
Eigenthümlichkeit, wodurch sich die Werke der jüdischen
Philosophen jener Zeit von denen ihrer Zeit- und Sy¬
stemgenossen, den Werken der Araber und der christlichen
Scholastiker streng unterscheiden. Unter allen Produkten
dieser Zeit aber, so wie überhaupt unter allen jüdisch¬
philosophischen Werken, ist wohl keines so ächt national,
so dem Geiste des Judenthums in allen seinen Nüancen,
selbst der staatlichen, volksthümlich selbstständigen ange¬
messen, keines für die wissenschaftliche Entwickelung des
jüdischen Glaubens so fruchtbar und auf dessen Gestaltug
so mächtig einwirkend, als das Werk des auch als Dichter
so berühmten Jehuda Ben Samuel Halewy, als
das Buch Kuzari, das uns jetzt von Herrn G. Brecher
in einer neuen Ausgabe, im Geleite eines Commentars
und einer Uebersstzung, vorgeführt wird, und dem, nach die¬
ser allgemeimern Einleitung über jüdische Philosophie, wir
nun unsre speciettere Aufmerksamkeit zuwenden wollen.
Der Verfasser des Kuzari gehört seiner philosophischen
Anschauung nach eigentlich weniger zu den Aristotelikem,
und sein Werk gehört, um es einstweilen ganz allge¬
mein zu klassisiciren, in die dritte Klasse, der oben von
uns angegebenen Richtungen, die aus dem Zusammen¬
treffen der Philosophie und des Judenthums sich hervor¬
bildeten. Der schon durch Philo in dasselbe gekommene
neuplatomsche Synkretismus, welcher durch sein Anlehnen
an orientalische Systeme, durch seinen Einfluß aufs
Christenthum, und vorzüglich durch seine Emanations¬
theorie sich in jener Zeit sehr geltend gemacht hatte, war
eigentlich unter dem Gewände und der Hülle aristotelischer
Formen der wahre Herrscher im Mittelalter. Die¬
ses Ahnen und Schauen eines Höheren, eigentlich
Unsichtbaren, dessen Verbindung mit dem Sichtbaren und
die natürliche Herleitung dieses aus jenem, und vor Allem
das feste Behaupten dieser Lehren, die herzerhebend waren,
indem sie dis Schranken zweier Wetten durchbrachen,
und dem sehnenden, gläubigen Gemüthe somit große Be¬
ll Genauer bezeichnet, und ziemlich scharfsinnig mit früheren
analogen Erscheinungen m der innern Geschichte des Iuden-
thums verglichen, findet man diese drei Seiten der jüdischen,
zugleich wohl auch aller, Religisusphilosophie, in Dr. Gei¬
gers Zeitschrift, in dem Aussätze „die wissenschaftliche Ausbil¬
dung in den zwei ersten Jahrhunderten unsersJahrtausends,"
Band 1. S,. 32 tu f.
fricbiguhg gaben, die überdies auch noch dem Positiven
des Judenthums sich leicht anschmiegten, weil dies mit
seinen Wundern in ihm leicht Erklärung fand/ dieses
Alles vereint und confequent durchgesührt, zum System
erhoben, fanden wir im Kuzari, der, wenn auch zur
Zeit seines Auftretens weniger ausgenommen, doch in
der Zukunft um so tiefere Wurzeln schlng, auf die fer¬
nere Ausbildung des einzig möglichen jüdischen Mysti-
ciswus Einfluß übte, der freilich aber leider nicht mehr
in der strengen Vernünftigkeit des Kuzari blieb, sondern
in pietistische Spielereien ausartete.
Die äußere Anordnung des Buches Kuzari ist be¬
kanntlich die, daß Jehuda Halöwy einen, ob erdichte¬
ten, oder historisch wahren, werden wir hernach sehen,
Chazaren-König durch einen Traum und durch Engelerschei¬
nungen auf das Gott Wohlgefällige seiner Gesinnungen
und Mißfällige seiner Handlungen aufmerksam werden
läßt, worauf dieser dann nach unbefriedigenden Unter¬
haltungen mit den Vertretern der Philosophie jener Zeit,
der muhammedanifchen wie christlichen Religion, end¬
lich in dem Dialog mit einem jüdischen Gelehrten Be¬
ruhigung und Ueberzeugung gewinnt, so daß er und ein
großer Theil seines Volkes sich zum Judenthume bekeh¬
ren. Es gehört also das Buch gewissermaßen in die
Klasse der im Mittelalter ziemlich häufigen DTO, (Re§
ligionsdispute); nur daß eigentlich die Widerlegung der
entgegengesetzten Religionsparteren und ihrer Ansichten
mehr praktisch durch die vollständige Begründung des
jüdischen Glaubens geschieht. Der Inhalt ist nun eine
streng aufs Judenrhum angewandte Durchführung der
Ansicht, daß nicht blos der Glaube, sondern auch das
Thun nach den religiösen Vorschriftm zum Heile führe,
und daß der Glaube selbst nicht ein rationalistisch zu er¬
langender, sondern ein historisch gegebener sei. Daß also
die Übereinstimmung der Offenbarung mit den Vernunft-
begriffen kein Kriterium für der ersteren Richtigkeit sein
könne; die geschichtliche, durch unmittelbares Schauen
erhaltene Offenbarung höher als alles stufenweis und
kümmerlich sich heraufarbeitende abstrakte Denken stehe,
indem sie uns durch ein urplötzliches, aus der höheren
geistigen Kraft derselben uns zufließendes Erfassen der
reinen Wahrheit zu Theil wird. Diesen Glauben nun
müsse der Mensch, in sich aufnehmm, müsse in seinen
Handlungen ihm entsprechen, und erhebe sich dadurch zu
einer höheren Stufe geistiger Anschauung, als der ge¬
wöhnliche Verstand erreichen könne. Diese Meinung
nun wird aufs Judenthum übertragen, und bei ihrer
consequenten Durchführung spricht mm der Verfasser fast
über Alles, was irgend aus dem Judenthume hervorgeht,
oder in demselben hervorragendes Interesse hat, und fein
Buch wird dadurch ein fast vollständiges Eompendmttr
der jüdischen Theologie, und ist zugleich unendlich reich
an einer Masse in verschiedene Wissenszweige gehörige