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491 Briefe über eine Encyklopädie d. Wissenschaft d. Judenthums. Kulturgeschichte.
Briefe über eine Eneyklopädie der Wissen¬
schaft des Judenthums.
I.
Verehrte Redaktion der Real-Eneyklopädie des
Zudenthums l
(Fortsetzung.)
Ad II. Unter Kulturgeschichte könnte man eigentlich
auch die andern Haupttheile begreifen; allem ich finde keinen
passenderen Ausdruck für die Geschichte der Wissen¬
schaften, Künste, Gewerbe, der Industrie und des
Handels, insoweit dieselben von Juden betrieben oder aus¬
gebildet worden, die Bezeichnung der jüdischen Individuen,
welche sich darin hervorgethan und der Männer dieser Facher
überhaupt, die einen überwiegerden Einfluß auf Juden aus¬
geübt 7 8 ), z. B. Geschichte der Mathematik, Malerei, Weberei,
bei den Juden; Stern's Rechenmaschine, Lipmann's Erfindung
im Bilderkopiren, der königsberger jüdische Weber, von dessen
Erfindung die A. Z. d. I. berichtete; Aristoteles bei den
Juden ^ u. dergtt Hierher gehören nun eigentlich auch die
jüdischen Autoren und Schriften in diesen Gebieten. Wir
rechnen diejenigen, deren Organ die hebräische oder chaldäische
Sprache ist, zum folgenden Haupttheil 9 ). —- Die UnLerab-
7) Dgl. unten Anm. 13.
8) Dgl. unten Anm. 13 am Ende.
9) Es ist schon oben bemerkt worden, daß die Partie
der jüdischen Wissenschaft, wo nationale und religiöse Ele¬
mente ganz zusammenfließen, einer genauen Abgrenzung ihres
Gebietes die meisten Schwierigkeiten entgegensetzt, und
dürften hierin unsere Ansichten von denen des geehrten
Hrn. Briefstellers abweichen. Es scheint uns nämlich die
Grenzlinie zwischen Kultur- und Literaturgeschichte
nicht die richtige zu sein. Das Kriterium zur Unterscheidung
Beider soll die Sprache bieten. Männer, welche Werke
über nichttheologische Wissenschaften hinterlassen haben, kom¬
men, wenn diese hebräisch oder chaldäisch sind, in die Lite¬
raturgeschichte; wenn sie aber in andern Sprachen ab¬
gefaßt sind, in die Kulturgeschichte, oder wenn sie über
theologische Disciplinerr geschrieben haben, in die Quellen
der ersten Hauptabtheilung. Unsere Meinung aber ist diese:
jeder Jude, der schriftliche Denkmale seiner geistigen
Lhätigkeit hinterlassen, über welchen Gegenstand es sei,
und in welcher Sprache es sei, in die jüdische Literaturge¬
schichte gehöre. Die Analogie anderer Literaturgeschichten
reicht hierbei nicht aus. Wenn die deutsche Literaturge¬
schichte alle in nichtdeutscher Sprache geschriebenen
Werke, seien sie auch von Deutschen geschrieben, ausschließt,
so ist das noch kein Beweis, daß die jüdische Literaturge¬
schichte alle in vicht-hebräischer (chald.) Sprache ge¬
schriebenen, ausschließen solle, der Deutsche ist blos Deut¬
scher, der Jude ist aber zugleich Deutscher (Franzose
rc.) und Jude. Faßt man die Kulturgeschichte im weite¬
sten Sinne als die G e sch ich te der geistigen Lhätig¬
keit eines Volkes, so umschließt sie außer der Literatur¬
geschichte auch noch die 1. Hauptabtheilung; und wie Letztere
sich durch das religiös-philosophische Moment ein
theilungen dieses Haupttheils ergeben sich natürlich aus der
allgemeinen Encyklopädik.
besonderes Gebiet ausscheidet, so die Literatur dadurch, daß
sie die schriftlich niedergelegten Denkmale jener Lhätigkeit
für sich in Anspruch nimmt. Wir können deshalb wohl Ln
der jüdischen Kulturgeschichte von wichtigen Erfindungen und
Entdeckungen der Juden in gewissen. Zweigen der Wissen¬
schaften, Künste, der Industrie rc., von demVerhältniß über¬
haupt, Ln dem die Juden zu diesen -Zweigen gestanden, spre¬
chen; wir können dabei auf die Werke, welche Juden über
diese Gegenstände geschrieben, zurückgehen und sie als Quellen
benutzen; aber die wissenschaftliche Behandlung eines Autors,
in sofern er Autor ist, gehört in die Literaturgeschichte. Es
ist leicht nachzuweisen, daß die Eintheilung des Hr. St. sich
in mancherlei Inkonsequenzen und Widersprüche verwickelt.
Zuerst, warum wird die hebräische Sprache als normgebend
für die Grenze angenommen? Weil der Volksstamm, dessen
Nachkommen die heutigen Juden sind, auf den also ihre Na¬
tionalität zurück'zuführen ist, hebräisch gesprochen. Zugegeben.
Warum wird der chaldäischen Sprache aber derselbe Vorzug
eingeräumt? Weil die Juden, nachdem die hebräische Svrache
aufgehört hatte, eine lebende zu sein, chaldäisch sprachen?
Aber einige Jahrhunderte später hört auch die chaldäische auf,
zu Leben, und die arabische tritt un deren Stelle; warum soll
diese hinter der chaldäischen zurückstehen? Oder, weil die Ju¬
den noch während des Bestehens des jüdischen Staates schon
chaldäisch gesprochen? Aber oben so viel Juden sprachen schon
damals griechisch, und die Stämme, die sich wohl noch vor
der Auflösung des jüdischen Staates zu den Arabern begeben,
arabisch. Oder endlich, weil Bibel und Lalmud, dic Haupt¬
quellen der jüdischen Religionsbegriffe, in hebräischer und
chaldäischer Sprache geschrieben sind? Aber die Sprache, in
der diese Kanons verfaßt sind, scheint uns in keinem noth-
wmdigen Verhältniß zu ihrem Inhalte zu stehen, und wenn
man glaubt, daß keine andere Sprache, als diese, für die in
den genannten Werken behandelten Gegenstände sich geeignet
hatte, so behaupten wir dagegen, daß sich eben so gut die
deutsche oder jede andere Sprache dafür geeignet hätte, wenn
die Propheten und Lalmudisten Deutsche gewesen wären.
Der Begriff schafft das Wort, der Geist die Form; die Ein¬
wirkung der Sprache auf den Inhalt scheint uns nur dann
so gewaltig, wenn uns dieser Inhalt selbst ein äußerlicher,
ein überkommener ist, wenn er nicht selbst in uns lebt und
schafft und wirkt. Die Wichtigkeit daher, die die hebräische
und chaldäische Sprache dadurch erhalten haben, daß sie den
Quellen unserer religiösen Erkenntniß zur Form dienten, ge¬
währt ihnen die besondere Berücksichtigung, die ihnen im
Hauptfach V. zu Lheil wird, giebt ihnen aber nicht eine sol¬
che Allgewalt, daß ein jedes der geistigen Lhätigkeit des
Juden entspringendes Werk sich ihrer bedienen mußte. Man
bemerkt doch aber — wird man einwenden — daß die mei¬
sten Juden, die früher über wissenschaftliche Gegenstände ge¬
schrieben, sich der hebräischen Sprache bedienten; sollte nicht
gerade in diesem Gebrauch der hebräischen Sprache das Ele¬
ment liegen, welche diese Werke der jüdischen Literatur vin-
dicirt, die andern aber ausfchließt? Wir halten aber den Ge¬
brauch der hebräischen Sprache bei Behandlung wissenschaft¬
licher Gegenstände für durchaus nichts Nothwendiges, sondern
entweder aus dem Gegenstände, oder aus den Zeitumständen
Hervorgegangenes, also Zufälliges. Es hat Zeiten und Länder
gegeben (und Länder giebt es noch), wo derjenige, der seine
Gedanken schriftlich ausdrücken, und andern Juden verständlich