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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes.
Nrdsklion: IX/1. Wssapasse 91.
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LX/1. W.isagasie Ll.
Nr. 147 -S»
VerschleitzsteUen unseres Blattes, in welchen auch Bbo,nunne, ts kntpes,>uflenon'n,eu we,den: Hermann Goidschmid^
^ Slesanieftrasie >2; Nodert Weiß. Wien, >. Iakoberaasje 7 ^
Nr. Ill
Wien, 5 . Jänner tvirv < 8 . Tebrl
Die geistigen Waffen unserer
Gegner.
Von Dr. Paul Weisengrün.
Eine mächtige Bewegung läßt sich nicht
mehr totschweigen. Diese bitten Erfahrung
machen j.tzt unsere Gegner, und zu ihrem
größten Le dwesen versagt diese althergebrachte,
bequeme Politik der plumpen Mittel, dlese
Taktik der billigsten Argumente gegenüber der
nationalen Autonomie gänzlich! Ueber unsere
große Nonacherversammlung brachten die
meisten Wiener Blätter Notizen, ausführliche
Mitteilungen erschienen- in vielen Provinz¬
blättern, das Hauptorgan der Nuthenen leit-
artikelt Tag für Tag von den jüdischen
„Forderungen" und ein großer Artikel .m
„Prager Tagblatt" machte viel von, sich reden.
Die jüdischnationale Flui steigt und steigt und
bald werden an Stellen, wo niemand es noch
heute vermutet, die sorgfältig erbauten Dämme
der Assimilation hinweggcschwemmt werden.
Bezeichnend hierfür ist die Sprache der
„Union", sicherlich keine jüdischnationale
Körperschaft. Auch sie sieht sich gezwungen,
der gewaltigen Bewegung wenigstens einiger¬
maßen gerecht zu Word n. Im letzten Monats¬
berichte lesen wir, daß die nationale Autonomie
eine „sehr ernste Frage" ist und daß man an
ihr nicht mit „leichtfertigem Achselzucken" vor-
übergchen darf. Ja selbst beu'mlich Mülnrns
wird die politische und wirtschaftliche UnhalL-
barkeit des j.tzigen Zustandes vollkommen zu¬
gegeben.
„Es stand b'sher jedermann frei, sich an
einer Wahl zu beteiligen oder nicht. Manche
Geschäftsleute haben es vorgezogen, der Qual
dieser Wahl durch die Abstinenz zu entgehen.
Von jetzt an wird eine so vorsichüge Haltung
nicht mehr möglich sein, denn selbst, wenn sie
sich nicht fr.',willig zu dem- einen oder anderen
Kataster melden, werden--sie vom Gemeinde¬
vorsteher zwangsweise dem Kataster der Ma¬
jorität zugeschlagen."
Ja, über die Anfänge der Bewegung sind
wir hinaus, die Periode des Totschweigens ist
vorüber. Die Gegner seh n sich gezwungen,
zu ihren „geist gen Waffen" zu greifen. Damit
sicht es freilich recht windig und kümmerlich
aus. Charakteristisch hierfür ist ein Aufsatz
in der letzten Nummer "des „Weg", in
welchem der Herausgeber Fr edrich H e r tz auf
einen glänzenden, leider zu kur-M Artikel
unseres bekannten Mathias Acher antwortet.
Hertz ist nicht der erste beste. Freilch, die Hoff¬
nungen der Heranwachsenden jüdisch-akademi¬
schen sozialdemokratischen Generation, de den
hoch aufgeschossenen, blonden Jüngling halb-
arischer Abkunft für einen üb rwältigcnden
politischen Genius hielten, dürsten sich kaum
erfüllen. Aber Dr. Friedlich Hertz ist kein un¬
begabter Mensch, schreibt, was heute gar nicht
so häufig ist. ein leidliches Deutsch und ist
versiert, sogar sehr verstört in politischen und
sozbleu Dingen. Wie man also sieht, gerade
zeile l>; Verlag „Zion
I I. Jahrgang.
kein unebenRkMdAÄl, von dein sich schon waK
erwarten läßt.
Mathias Acher hatte in seinem Artikel auf
die psychischen Merkmale, die hier in erster
Linie in Betracht kommen, hingewiesen und
von der besonderen „nationalen Geistigkeit"
des' jüdischen Volksstiammcs gesprochen. Hertz
beginnt seine G genargumontation mit den
Worten-: „Angenommen, daß die Juden wirk¬
lich eine geistige Einheit bilden, so wäre d es
noch kein zwingender Anlaß für den Staat,
sein öffentliches Recht dadurch beeinflussen zu
lassen." Ja, das kommt ganz auf den Staat
an. Ein v.raltetes' Staatswesen, in, dem eme
Majorität oder eine künstlich zur! Majorität
gemachte Minorität unbedingt herrschen will,
braucht freilich auf dergleichen Dinge koste
Rücksicht zu nehmen. Aber ein moderner
Staat, der das Glück aller seiner Bürger stets
im Auge behält, der, auch-für die Mrrorikaren
sorgt, ein Staat, der gewichtigen Problemen
nicht aus dem Weg: geht, sondern sie zu läsen
sucht, wird sicherlich auch auf dst „geistige
Einheit" einer Minoritätsnation, Rücksicht
nehmen, müssen. Sind die Juden Oesterreichs
eine solche Quantite negligeable? Der starke
Antisemit smus, das große Interesse aller
Parteien an der Judenfrag:, sie beweisen doch
wahrlich das Gegenteil. Ich, will nun- des
weiteren nicht viel Aufhebens davon machen,
daß Hertz diese „nationale Gcistigke t" Achers
für ein Produkt des „Rassenaberglaubens"
hält. Er verwechselt da zwei Dinge:
N a s s en t h c o ri e und National-
Feuilleton.
Die Getauften auf dem Lande.
Eine wahre Geschichte von Wolf ben Jehuda.
Redlich betrieb im kleinen Marktflecken
M. nebst der Landwirtschaft auch ein kleines
Spezereigeschäft und führte dabei en zu¬
friedenes, ruhiges Familien!.ben. Um jüdische
Ang legenheiten kümmerte er sich nicht; er be¬
zahlte die ihm auferlegte Kullussteuer pünkt¬
lich, und kam er in die Kultusgeme nde, der er
zngeteilt war, so schien ihm die besonders unter
der jüdischen Jugend verbreitete zionistische
Jd.e, die Agitat on der Juden! für ihre Natio¬
nalität ganz unbegreiflich. Ihm war die ganze
Bewegung unverständlich, und doch hatte er
für Aufklärungen weder Gehör noch Zeit. Nur
der Gedanke an seine verstorbenen Eltern er¬
innerte ihn daran, daß auch er Jude ist. Doch
den verscheucht, er stets recht bald. Und seine
Frau lebte in derselben Ideenwelt we ihr
Mann und erzog auch ihre Kinder darnach. Sie
hatte für das Judentum keinen Sinn. So nach
und nach hatte sie sich an diese „heidnische"
Wirtschaft in ihrer Familie gewöhnt. Jedoch
auch sie hatte e'nen Mahner: „Mama, schon
wieder haben mich die Buben in der Schule und
am W g einen dr.n Juden ge-
schimpft," lamentierte der zehnjährige Leo fast
jeden Tag. Diese Klagen verstimmten nun
die Mutter nicht wenig, gerne hätte sie umge¬
sattelt, doch getraute sie sich nicht, int ihrem
Manne darüber zu reden.
Das getreue Ebenbild der Mutter war
deren Tochter Helene. Vom Judentum konnte
sic keinen Dunst haben und sie fühlte sich auch
nicht als Jüdin. Und ihr gesellschaftlicher
Verkehr in, diesem ruhigen Städtchen be¬
schränkte sich auf einen Leutnant der in M.
stationierten Eskadron, denn cs e ne Passion
war, dem „Judenmädchen" — nach seiner
Art — den Kopf zu verdrehen. Und Hel ne
hätte heüaten können, doch sie war vernarrt in
das zweifarbige Tuch und baute Luftschlösser.
Alle ihr augetragimen Partien, schlug sie rund¬
weg ab. ^
Ta starb in M. der Pfarrer; sein Nach¬
folger stammte ans der Heimatsstadt Redlich,s.
Dieser freute sich darüber, und de Sehnsucht,
Neuigkeiten zu erfahren, trieb ihn sehr bald
dazu, bei dem Pfarrer vorzusprechen. Auch
dieser freute sich, mit jemandem über den Ort
seiner letzten Tätigte t sprechen zu können, und
war so liebenswürdig gegen Redlich, daß d eser
sich von ihm nicht verabschieden konnte, ohne
ihn zu unem Besuch cinzuladen. Der Pfarrer-
Würde jetzt häufig Gast bei Redlich, und durch
die häufigen Besuche erkannte er gar bald,
daß es mt dem Judentum in dieser Familie
nicht weit her war. Ilm sich dur,b iraend -'ine
Tätigkeit bei seiner neuen, Gemeinde belicht
zu machen, begann er, Redlich zum Glaubens-
Übertritt zu bewegen. „Wenn ihr mit eurer
Famile di. Taufe angenommen habet, wer¬
den euch die Mitbürger mehr schätzen und
achten, Vertrauen zu eurem Geschäfte haben
und niemand w rd euch sch el ansehen oder gar
auf euch schimpfen. Ist doch: „Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst", der Grundsatz unserer
Religion." Mit solchen und ähnlichen Ver¬
sprechungen wurde Nedl ch von dem Pfarrer
bearb itet, und Redlich hatte nicht den Mut,
diese Zumutung von sich zu weisen. .
Mit der Zeit konnte sich Redlich des
Pfarrers nicht erwehren. Längst hät:e er sich
zu dem schmählichen Schritt entschlossen, doch
stets schreckte ihn der Gedanke, welche Schande
er den im Grabe ruhenden Eltern bereit.n
würde, davor zurück. Endl ch, da er mit sich
selbst nicht ins Reine kommen konnte, weihte
er auch seine Frau in den Plan des Pfarrers
ein. Nun war die Sache b siegelt. Die- Frau,
die stets gegen ihre Religion eingenommen
war, überlegte n-'cht lange und war sofort für
den Uebertritt. „Es ist das Beste, mein
Lieber," sagte sie. „Du hast keinen Begriff,
wie oft unser Leo weinend aus der Schule
kommt, weil ihn der oder jen r einen dr.... n
Juden geschimpft hat. Und was soll ich dem
armen Kinde sagen? Ich trachte, cs, >n
m einer Weise zu beschwichtigen. Und dann,
den 9. Jänner. "M«
.E Die nächste Nummer erscheint Dirnstag