Lrdartton: VIII/1, Schlötzrlgaffr 11.
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Bierteljädrig.rL — | Vierteljährig. 'i3S*
Wien, 5» Jänner 1900*
H. JnijiKang.
Politik der Sel-fterhaltimü .
Lebt das jüdische Volk in Oesterreich? Wer die
zerstörenden Einwirkungen ans sich nicht zu hemmen noch
zu überwinden imstande ist, stirbt oder ist schon todt.
Zerstörende Einwirkungen gibt es nicht nur auf jüdische
Fensterscheiben in Wsetin oder Neu-Sandec, auf die
jüdische Moral im Kuttenberger Schwurgerichtssaale und
im „Deutschen Volksblatt", aus jüdische Existenzen in der
Frauenversammlung in Margarethen oder in den Revolten
in Westgalizien. Gibt es aber auch im Körper des jüdischen
Volkes Versuche, diese Vernichtungsbestrebungen wirkungs¬
los zu machen? Man muss diese Frage bejahen. Das
jüdische Volk lebt, regt fiel}, will sich erhalten,
Wir kennen diese Versuche alle, die seit Jahrhunderten
gemacht werden, die I u d e n h e i t oder wie man sich im
Stile des Doctrinarismus der Fünfzigerjahre auszndrücken
pflegt, das Judenthum zu retten, respective fortvegitierend
zu erhalten. Im Ghetto war es der möglichst engste
Anschluss an den Landesfürsten; ein sehr kluges Verfahren,
da der Landesfürft an der Vernichtung des Ghettos, kein
Interesse hatte, an seiner Erhaltung ein bedeutendes, da
die Juden ihm gut zahlten und nie seine Pläne durch¬
kreuzten. Er schützte sie auch sehr oft und manchmal gut.
Do ut des. Zu wünschen blieb zwar noch vieles übrig,
aber die gewünschte Ausrottung der Juden erreichten die
Städter eben infolge dieser jüdischen Selbsterhaltungs-
politik nicht. Die Ghettomauern waren gefallen. Die Politik
der Selbsterhaltung hatte jetzt nicht mehr zwischen Stadt
und Landesfürst zu wählen, da die politische Constellation
sich zugunsten des dritten Standes geändert hatte. „Anschluss
an den dritten Stand" wäre jetzt das Schlagwort der
Juden gewesen, hätte das Ghetto nicht ausschließlich
Krüppel zeugen, sondern auch einen Politiker für diesen
Augenblick vorbereiten können. Wie aber das Naturprincip
der Selbsterhaltung auch den Blöden im Augenblicke des
Ertrinkens das vorbeischwimmende Brett ergreifen lehrt,
und er es unbewusst thut, so hat auch damals sich den
Juden unbewusst der Anschluss an das Bürgerthum
ergeben. Mit der Begeisterung, die halbgebildete und
intelligente Völker immer für Ideen haben, warfen sich
die Juden auf den Liberalismus, kämpften für ihn auf
allen Linien und bildeten seine Phalanx in der liberalen
Presse.
Heute sind die liberalen Ideen gefallen und bilden
den Schutt, auf dem sich eine nationale Politik
aufbaut. „Volksnothwendigkeiten", ruft es aus dem Tohu¬
wabohu des österreichischen Parlamentes. „Ein größeres
Deutschthum" will Bülow. „Der englischen Rasse die
Herrschaft am Cap", tönt es von jenseits des Canals.
Ein hebräischer Kalender.
(„A ch i a s a f", literarischer und praktischer
Kalender für das Jahr 5660. VH. Jahrgang.)
Ein stattlicher, dickleibiger Octav-Band, der bei der
Erlesenheit und reichen Mannigfaltigkeit seines Inhaltes nicht
nur „manchem etwas", sondern vielen gar vieles bieten dürfte.
Leider hat der Kalender von mancher Species entschieden allzu
viel. Wir haben hier vornehmlich die erzählenden Beiträge im
Auge, die nahezu alle zu der Ordnung jener weichmitthigen,
säst- und geschmacklosen „Skizzen" gehören, die in der letzten
Zeit die besten hebräischen Sammelschriften verunzieren und
einem deren Lectüre nachgerade vergällen. Dass diese Dinger
den Anspruck erheben, aus dem jüdischen Leben der Gegenwart
gegriffen zu sein, und sich demgemäß einen national-zionistischen
Anstrich geben, macht sie nur noch widerlicher und ungenie߬
barer. Dies int allgemeinen. Wenden wir uns nun den einzelnen
Aufsätzen zu.
An 'erster Stelle finden wir unter dem Titel „Die
Versprengten Israels" eine überaus anziehend
geschriebene und vielfache Anregung bietende cnlturgeschichtliche
Abhandlung von Dr. S. B e r n f e l d. In derselben werden
die Einflüsse der verschiedenen Culturgebiete des Alterthums
und Mittelalters auf die Gestaltung der gegenwärtigen Ge-
sittungsverhältniffe im Judenthum dargelegt. Bernfeld gelangt
zu folgenden Conclusionen: Der jüdischen Nation droht in
unseren Tagen eine zweifache Gefahr. In den westlichen
Ländern stehen die Juden social und ökonomisch recht hoch und
gleichen daher in Vorzügen und Mängeln ihren nichtjüdischen
Mitbürgern. Die hohe Lebenshaltung hat erfahrungsgemäß die
Verminderung des Fortpflanzungsvermögens zur Folge. Während
nun den meisten arischen Volksgemeinschaften durch die lebens¬
kräftige» niederen Stände immer frische Säfte zufließen, lässt
Seit Cavour die italienische Fuge am Pariser Congresse
besprach, hat das Nationalität.rprincip mit Riesenschritten
sich Europa erobert und beherrscht heute die Volks¬
versammlungen, Parlamente und Cabinette.
Können die Juden, wollen sie sich die erreich¬
bar günstigsten Lebensbedingungen schaffen, in ihrer
alten Politik verharren? Betrachten wir die
Situation zu diesem Zwecke. Sie ist verändert. Jetzt
kommt nicht mehr der Bürgerstand allein in Betracht,
sondern vereint mit den Landleuten oder, wie der technische
Ausdruck dafür lautet, mit den Landgemeinden und mit
jenem Theile des Großgrundbesitzes, der sich der nationalen
Politik anschließt. Ist es nun das Nützlichste, Beste, sich
auch diesen anzubiedern?
Nein! Sie wollen uns auch nicht! Eine nationale
Gruppe stößt selbstredend alles Fremde ab. Das schlagendste
Beispiel hierfür sind die letzten czechischen Excesse und die
darauffolgenden Parlamentsdebatten. Die Czechen be¬
gründeten ihren gewattthätigen Antisemitismus damit, dass
die Juden ihre Kräfte zur Unterstützung der Gegner der
Czechen verwenden. Lassen wir einen Augenblick diese
Beschönigungsfloskel gelten, die Thatsache der Unter¬
stützung der Deutschen existiert ja zweifellos. Haben
die Deutschen diesen, in seinen Wirkungen so auf¬
opferungsvollen und gefährlichen Anschluss vergolten oder
auch nur in Rechnung gebracht? Man weiß nur
von einer lendenlahmen Interpellation des Abgeordneten
Groß, über deren Wert sich niemand täuscht. Einen Schutz,
wie ihn die Czechen den Excedenten erkämpften, haben die
Deutschen ihren Wählern und Schildträgern nicht erarbeiten
wollen, obwohl Schutz des Clgenthunis wohl leichter zu
erreichen sein dürfte, als Schutz strafgesetzlich verbotener
Handlungen. Die Thatsache der hingebungsvollsten poli¬
tischen Unterstützung der Deutschen reicht also nicht
einmal hin, sich auch nur das Minimum der
Ex iste nz zu wahren. Die Excesse in Prag, wobei
zu betonen ist, dass man in der Prager Josefsstadt seit
Jahren fast ausschließlich czechich spricht, beweisen uns
ebenfalls, dass die Unterstützung der Czechen vor den
blutigsten Verfolgungen durch sie nicht schützt. Die Politik
der Unterstützung hilft also nichts. Auf Dank für unsere
hergegebenen Kräfte haben wir nicht zu rechnen. Auf
Gnade schon gar nicht, das muss inan nicht erst beweisen.
Unterdessen bedroht uns von allen Seiten öffentlich oder
verkappt das Schächtmesser, mir dem man uns den Hals
aufschneiden möchte.
Es gibt noch einen naheliegenden Ausweg aus
dieser Wildnis. Wir verstecken uns. " Nun, wir haben uns
gewiss in Prag den Czechen nicht ausgedrängt, im Gegen-
theil, schweigend sind die Prager Juden zur Urne marschiert
die Judenheit im Westen solche vermehrungsfähige sociale
Schichten vermissen und ist daher auf dein Punkte angelangt,
wo die Franzosen um ihren nationalen Fortbestand besorgt
sind. Andererseits muss die fortschreitende Verelendung
der Juden des Ostens, sowie deren geistige Ueber-
anstrengung im Verlaufe vieler Jahrhunderte über kurz
oder lang zu körperlichem und geistigem Siechthum,
zu völligem Marasmus führen. All das ist die eine Gefahr.
Die zweite, nicht minder acute Gefahr für die Existenz der
jüdischen Nation liegt in der zunehmenden kulturellen Diffe¬
renzierung. In früheren Zeiten hatte diese ihr Gegengeivicht in
der vollständigen religiösen Einheit, welche die deutsch-slavisch,
die spanisch-arabisch u. s. w. beeinflussten Bolkstheile aneinander
kittete und vor geistiger Disaffociation bewahrte. In unseren!
Jahrhundert macht sich jedoch eine allgemeine Abnahme des
religiösen Empfindens unter den Juden bemerkbar; die Einheit
des Glaubens ist geschwunden oder schwindet doch allmählich,
und die culturelle Zersplitterung schreitet daher unaufhaltsam
fort. Alldem kann bloß die nationale Bewegung wirksam be¬
gegnen. die eine jüdische Cultur schaffen muss. Denn nur eine
einheitliche, bewusst nationale Cultur kann heutigentags dem
Auseinanderstreben der einzelnen Glieder des Volkskörpers ent¬
gegenwirken. Die versprengten Bolkstheile nmffen gesammelt
und die zukünftigen Geschicke der Nation auf eine feste Grund¬
lage gestellt werden.
Dem Bernfeld'schen Aufsatze folgt ein herrliches Gedicht
von CH. N. Bialik nach, das die Ueberschrift „Der
Nachtzeit Heimlichkeiten" trägt und den Regungen
eines Dichtergemüthes angesichts der tiefen nächtlichen Stille
einer ruffischen Kleinstadt meisterhaft Ausdruck gibt,
Dr. D. N e u m a r k liefert unter dem Titel „D a s
Energie - Centrum" geschichtsphilosophische Betrachtungen
von hohem Interesse, hauptsächlich mit Beziehung auf den
Entwicklungsgang der jüdischen Geschichte. Er führt ans, dass
und habenden czechischen Antisemiten, nicht den juden¬
freundlicheren Socialdemokraten ins Parlament gewählt.
Aber wir provocieren schon dadurch, dass wir da sind.
Uebrigens ist es geradezu lächerlich, dass man sagen sollte:
„Verstecken wir uns", wenn die Diplomaten selbst ihre
geheimsten Schreibtischfächer vor der Presse öffnen müssen.
Die strengste Consequenz aus diesen Zuständen zieht
der Z i o n i s m u s, indem er sagt: Weg von hier, zurück
in das Land, wo es uns einst besser gegangen ist. Das ist
auch eine sehr natürliche Lösung und findet sich nicht nur
bei den Juden, sondern bei allen Lebewesen. Der Böhme
kommt bekanntlich aus Amerika zurück, wenn es ihm dort
noch ärger geht, und der Dachs kriecht in sein Loch, wenn
es ihm draußen nicht mehr geheuer ist. Aber der Zionis¬
mus will nicht einmal alle Juden Hinüberkriegen, sondern
nur die, die hier absolut zugrunde gehen
und nicht einmal das tägliche Brot haben.
Sei es ans socialen Verhältnissen, wie in Galizien, sei es
aus socialen und politischen Verhältnissen, wie in Russland
und Rumänien. Der Zionismus bestand innner, solange
es Judenstämme fern von ihrer Heimat gab. An den
Wässern Babels, in den glücklichsten Tagen der Juden in
Spanien, in den finstern Ghettis, in den Meetings heule.
Jedesmal erschien er in der Form, die der Tag für die
erfolgreichste oder möglichste hielt. Esra verschaffte sich
die Unterstützung seines SoMrcüns. Sabbatai Zewi eine
mystisch-kabbalistische Form. Die in den Ghettis gefesselten
Juden weinten uni Zion. Herzl arbeitet durch Congresse,
Banken, diplomatische Unterhandlungen. Dies Verfahren
ist sonst erprobt und hat vielleicht eine Wahrscheinlichkeit
des Erfolges. Ueber 0 ns jtioj* »üü.i v»nci', bei
die Verhältnisse in Russland, Rumänien oder Galizien
kennt, nur einer Meinung sein.
Aber ist damit alles gethan, ist danüt das natürliche
Streben nach Selbsterhaltung vollkommen in Thal umgesetzt ?
Noch nicht! Antwortet die jüdische Geschichte und der
Zionismus selbst. Auch die früheren Generationen kannten
das Streben nach dem Ahnenlande, aber nie vergaßen sie,
dass sie auch an ihr Gastland denken müssen. Der Zionis¬
mus selbst in seiner jetzigen Form befasst sich nur mit
der künftigen Verbesserung der Lage der Juden des Ostens
Europas. Was soll mit den anderen geschehen? Was sollen
die anderen für sich thun? Wie ihre bedrohte oder unsichere
Situation stützen?
Ich möchte mit einem Worte Napoleons antworten:
Gott liebt immer die stärkeren Regimenter. Eine Macht
müssen wir haben, dann können wir siegen. Wenn
wir uns dritten einfach hingeben, so stoßen sie uns weg.
wenn sie uns gebraucht haben, zumal da sie wissen, dass
wir das nächste mal ebenso bereitwillig sein werden.
trotz der Vorherrschaft, die die Religion des Judenthums, der
von einer bestimmten Oertlichkeit unabhängige „Jdeemnittel-
punkt" der Nation, in deren geschichtlichem Leben nach und
nach gewonnen hat, das Streben nach räumlicher Vereinigung,
die Sehnsucht nach einem localen Centrnm, im Herzen der
Nation ungeschwächt fortlebt. Ja, so gewaltig ist diese Sehn¬
sucht nach einem „Mittelpunkt im Raume," dass sie es ver¬
mocht hat, Millionen Fäden vom „großen Gehirn" der Nation,
nämlich von deren religiösem „Jdeeneentrum" zu ihrem
Herzen zu spinnen. Die Synagogen sind ein matter Abglanz
von dem strahlenden Lichte des „heiligen Tempels" in
Jerusalem. Die Gebete der Nation, sie vertreten bloß die
Stelle der einstigen Opfer. Der ganze Cult der Diaspora hat
einen gewissen interimistischen Charakter — „bis der heilige
Tempel wieder aufgerichtet sein wird." Ein winziger geo¬
graphischer Punkt, die Klagemauer in Jerusalem, bildet das
eigentliche Energiecentrum des jüdischen Volkes. In ihm gipfelt die
Erinnerung an eine glorreiche Vergangenheit und die Hoffnung
auf eine große Zukunft.
S. L. G o r d o n schildert in einem formal abgerundeten,
rhythmisch bewegten Gedichte von reizvoller Stimmung den
Zauber einer mondscheinbestrahlten Landschaft im fernen Lande
unserer Sehnsucht. - S. Rosenfeld schreibt über
„R a b b i n i s m u s und Z i o n i s m u s." Er gelangt zu
dem Schluffe, dass es nicht Aufgabe des Zionismus sein könne,
die Rabbiner gewaltsam in sein Lager zu ziehen oder mit
ihnen wegen ihrer ablehnenden Haltung zu rechten und zu
schmähten. — A. Schapira führt uns in einem kleinen
packenden Gedichte von vier Strophen den Widerstreit bet
menschlichen Empfindungen, die stetigen Dissonanzen unserer
Gemüthsbewegungen lebendig-wirkungsvoll vor Augen.
Dr. O. Thon schreibt über „Die Sociologie
Achad-Haams". Der hebräische Schriftsteller Achad-Haam
(U. Ginzberg) hat in seinem geistvollen Buche „Al Paraschaty