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Ur. 42
Wien, 19. Oelolrer 1900.
II. Jahrgang.
Die Reichsrathstvahlen.
u.
Böhmen.
Böhmen war die permanente Sorge Oesterreichs,
das Land nationaler Revolutionen und Kämpfe, das Land
des Sprachenkampfes in typischester Form. Böhmen war
auch das classischeste Land der Judenverfolgungen. Auch
heute ist es das Land der Organisation, des Unter¬
drückungskampfes zweier Culturvölker gegeneinander, aber
auch das Land des Unterdrückungs- und Ausbeutungs¬
krieges gegen jüdische Elemente, wenn auch in moderni¬
sierter Fayon.
Interessant jedoch ist die Relation des Sprachen¬
problems zum Judenproblem. Der Czeche bekämpft den
Deutschen, der Deutsche den Czechen, beide aber den
Juden. Man kann aber neben der Sprachengeographie
auch eine Geographie „des Antisemitismus" wahrnehmen.
Die Löser des Sprachenräthsels gehen vorerst über¬
einstimmend von nachstehender Unterscheidung aus.
Böhmen umfasst drei Arten von Sprachgebieten:
1. rein czechische, 2. rein deutsche, 3. gemischtsprachige.
In den rein czechischen Gemeinden werden die Juden als
deutsche Fremdlinge, siehe Nachod und Prag, in den rein
deutschen als czechische, siehe Saaz, geplündert. In den
gemischtsprachigen Bezirken sind die'Juden Objecte der
„Toleranz", dies insolange man sie braucht, und bei
denen, von welchen sie sich gebrauchen und missbrauchen
lassen. Sind die Czechen dank den Stimmen der Juden
durchgedrungen, finden wir czechische Toleranz, sind die
Deutschen Sieger, finden wir „deutsche Toleranz". Anti¬
semiten aber finden wir in allen Gebieten und allen
Lagern, boycottiert wird der Kleinjude von beiden Nationali¬
täten. Und doch haben die Juden die Sprachenfrage längst
gelöst, lernen doch die jüdischen Söhne und Töchter beide
Landessprachen.
Es hilft aber alles nicht. Das niedere Volk und
der gewöhnliche Bürgerstand lassen sich ihre natürlichen
Jnstincte und Gefühle nicht wegkünsteln. Der Deutsche
und der Czeche sehen in jedem Juden etwas, was ihnen
mit ihrer eigenen Art nicht vereinbar ist.
Das ist eben ihre Empfindung und ihr auf un¬
mittelbare Eindrücke gegründetes Urtheil. Und daher kommt
es, dass selbst die freisinnigsten Czechen und die frei¬
sinnigsten Deutschen die Juden in dem Momente ohne
jede Ueberlegung und mit aller Ruhe opfern, als sie ein
Hindernis für eine in ihrem Sinne günstige Constellation
bilden. Der Deutsche schließt mit Wolf oder mit Lueger
Compromiss (Gemeinbürgschaft), oder Herold und
Engel mit B r z e s z n 0 w s k y und B a x a.
Und wie beträgt sich anlässlich dieser Situation der
böhmische Jude und sein „jüdischer" Führer?
Der Feststrantz.
Eine S n k k v t h - B i s i v n von I. K a tz e n e l s o h n.
(Aus dem Hebräischeu.)
(Schluss.)
„Warte nur, warte, noch ist die Zeit nicht da", mahnte
sie und ihre Züge wurden wieder ernst. „Siehst Du, in alten
Zeiten war es üblich, das Haupt eines Helden, welcher ohne
Blutvergießen einen Sieg errungen, mit einem Kranz von
Myrthen, dem Symbol des Friedens, zu bekränzen. Wenn einst
der große, langersehnte Tag hereinbrechen wird, an dem jegliches
Verdienst nach Gebühr gewiirdigr werden wird, dann hoffe ich
wohl, dass man mir den Myrthenkranz nicht wird absprechen
können. Ich habe keine Länder erobert, keine Völker unterjocht,
aber mein Leben ist dennoch nicht ohne Sieg. Schon mein Be¬
stehen allein, ist es nicht ein ununterbrochener, ein durch Jahr¬
tausende sich fortsetzender Sieg?. Alle Herzen, die ich nur
geneigt gemacht, ich habe sie nicht mit dem Schwerte erobert,
sondern durch den belebenden Duft meiner Myrthen. Wenn sie
es nicht eingestehe» wollen, von mir besiegt worden zu sein,
wenn sie mich dafür aufeutbeu und bekriegen, ist das mein
Verschulden? Man tadelt mich, weil ich zu ängstlich meinen
Garten bewache und in neidischer Engherzigkeit niemandem
gestatte, sich au denr Drifte der Myrthen zu ergötzen. Schau
her! Ist mein Garterr etwa von einer Steinmauer umzäunt'?
Hält vielleicht eine eiserne Pforte seinen Eingang geschlossen? ...
Freilich ziehe ich mit Gewalt keinen heran. Habe ich es doch
an meinen! eigenen Leibe genngsan« erfahren, was es heißt,
Gewalt anwenden, und wie weh das thut, wenn man hart an¬
gefasst wird. Doch genug davon. Ich will Dir auch meine
Fruchtbänme zeigen".
Die böhmischen Juden sind die cultiviertesten Juden
in Oesterreich. Die der Judengeschichte und dem Juden¬
martyrium angehörenden Juden stammen zumeist aus
Böhmen. Ihre Vergangenheit bildet den historischen Stolz
der Jud enheit in Oesterreich. Die böhmischen Juden haben
den jüdis chen Namen zu Ehren gebracht. Wollte man von Kaisern
und Königen ein Privilegium — und unter Privilegium
verstand man damals das Recht zu leben, das Recht, nicht
gemordet und gesengt zu werden — so erschienen vor den
Thronen der Mächtigen stets böhmische Juden.
Heute ist es anders. Heute ist der Jude „Czeche"
oder „Deutscher" — an sein Judenthum will er nicht er¬
innert werden. Hierdurch gerathen aber die Juden selbst
oft in die groteskesten Situationen. Singt da ein Jude
irgendwo, z. B. in Jaromer, bei einer Sokol-Feier mit
fast heiserer Kehle sein „kde domov muj K , kommt so ein
indiscreter Nachbar und bringf ihm einen Gruß von seinem
Bruder in Trautenau, den er bei einem deutschen Gau-
Turnfeste gesehen hat. Als einst der jüdische Hofrath und
Universitäts-Professor Zucker, zu czechisch C z u ck e r,
eine Rede vom „czechischesten" Wasser hielt, musste er
sich von Professor Fiegl die indiscrete Frage vorlegen
lassen: „Ja, wie kommt es,. dass Ihre Brüder in Wien
Deutsche sind?" Und die Folgen dieser ans Groteske und
Komische grenzenden Judenpolitik, viel richtiger Juden¬
maskerade, sind leider sehr> traurige. Sind die Juden
Deutsche, laden sie auf sich den Hass der Czechen. Sind
sie Czechen, dann sind die Deutschen ihre geschworenen
Feinde.
Wo ist die Lösung zu finden? Ist sie nicht nahe¬
liegend ? Man sagt einfach„Wir sind weder Czechen
noch Deutsche, wir sind Juden." Diese höchst einfache
Lösung birgt aber etwas Weiteres in sich. Es wird jetzt
in Böhmen die Schaffung von Nationalitäten-Curien als
Postulat aufgestellt. Es wäre gar nicht unmodern, wenn
die Juden eine „Juden-Curie" verlangen würden — in¬
dem sie mit Recht sagen würden: „Unsere staatsgrund¬
gesetzlich gewährleisteten Rechte kann man uns nicht
nehmen, zu den Czechen gehören wir nicht, zu den
Deutschen auch nicht. Wird das Princip der Nationali-
täten-Autonomie als Lösung ausgestellt, so bleibt dann
nichts anderes übrig, als für die Juden eine eigene Curie
zu schaffen."
Im böhmischen Landtage jedoch rufen die jung-
czechischen Juden Z a l u d und Schars unter lautem
und stillem Gelächter der Zuhörer: „Wir machen viele
Juden zu Czechen." Und B r z e z n o v s k y reißt durch
Zwischenrufe seine Witze.
Und doch sprechen die Zaluds und Scharfs
im böhmischen Landtage eine große Lüge aus. Man kann
die Juden ins jungczechische oder deutsche Lager führen,
aber sie zu Czechen oder Deutschen machen, niemals! Die
Sie nahm den Kranz vom Haupte und lud mich mit
einer Handbewegung ein, ihr zu folgen. Bald gelangten wir
ans eine kleine Wiese. Stolze Palmen ragten hier in die
Höhe und ihre Kronen berührten die Wolken. Ich erwartete,
dass auf den Lippen meiner Begleiterin dieser Anblick ein
Lächeln hervörzaubern würde. Aber ihr Gesicht blieb ernst,
ja es nahm sogar einen traurigen Ausdruck an.
„Siehe," fieng sie an mir gleichsam auf meine unaus¬
gesprochene Frage antwortend. „Die Palmen im Garten gleichen
den Männern der That und des Reichthums im Volke. Ohne
einen lieblichen Duft zu verbreiten, bringen sie doch die herr¬
lichsten Früchte, die Gott und Menschen erfreuen. Ihr dichtes
Laub dient dem müden Wanderer oft zum Obdach und zum
Schutz . . . Aber..."
Hier stockte sie, und ich wartete schweigend, bis sie
fortfuhr:
„Ich würde gerne stolz auf sie sein, allein sie tragen
ihre Kronen zu hoch, und die Früchte sind schwer zu erlangen.
Und wenn zufällig ein Sturmwind an ihren Kronen rüttelt
und die Datteln zu Boden wirft, so fällt der größte Theil
jenseits meines Gartenrains und mir werden nur wenige davon
zutheil. Glaube mir, ich bin weder habgierig noch neidisch,
aber ich empfinde es als Schmach, wenn Freunde die von mir
gezogenen Früchte genießen, während ich selber darbe. Und
solches Gerede muss ich erst ringsum, wegen dieser Bäume
hören. Seht, was für reiche Palmen sie besitzt, und dennoch
stimmt sie ewig Klagelieder an, geht in Lumpen gehüllt, fast
möchte man ihr ein Almosen reichen."
„Womit fristest Du denn Dein Dasein?" fragte ich
endlich etwas ungeduldig. „Gibt es in Deinem Garten denn
jüdische Volkspersönlichkeit ist, Gott sei dank, zu derb
ausgeprägt, als dass man sie im Handumdrehen z u
etwas anderem machen könnte. Wer das behauptet,
fälscht d i e G e s i n n u n g anderer, begeht aber
dadurch, dass er die Juden in die Lager anderer führt,
einen Verrath an seinem Volke, denn er lähmt es in
seiner Entwicklung und in der Wahrung seiner Jnteresien,
Die Jungczechen haben durch die Zaluds sind durch
die Scharfs viele Juden in ihrem Lager. Hindert das
etwa das jungczechische Wählcomito, Herrn Brzesz-
now sky, den Judenfresser pur exeellenee, in Prag auf¬
zustellen, oder mit Herrn Dr. Baxa ein Compromiss
schließen zu wollen? Hindert die Zugehörigkeit der Juden
zu den Jungczechen das auch von Judenabonnements und
Judeninseraten existierende jungczechische Organ, die
„Narodni Listy", mit seinem Inden kaiserlichen Rath
Penizek in der Polna-Affaire jene blutrünstige und
allen Ehrbegriffen hohnsprechende Haltung einzunehmen,
wie wir sie zum Entsetzen aller ehrlich Denkenden wahr¬
genommen haben?
Fürwahr, die böhmischen Juden,. welche in allen
Parteilagern zu finden sind, nur nicht im eigenen, ver¬
dienen die Scharfs, Zaluds und Penizek s, sie
verdienen den Verrath, der an ihnen und ihren heiligsten
Gütern begangen wird.
Sollen die Juden in Böhmen sich erheben und
regenerieren, wollen sie sich ihrer Ahnen würdig zeigen,
so bleibt für sie nichts anderes übrig, als den Nationali¬
tätenschwindel aufzugeben und offen unb ehrlich jüdische
Farbe zu bekennen. Im jüdischen Zeichen in den Wahl¬
kampf gehen und Kompromisse mit ihren andersvolklichen
Nachbarn derart schließen, dass ihnen auch jüdische
Mandate uud jüdische Vertreter im engsten Sinne des
Wortes eingeräuint werden, ist das Zweckmäßigste und
Würdigste. Das ist ehrlich und gesuud. -
Von Dr. Arnold Ascher.
Was die Judenschaft Oesterreichs schon wiederholt bei
den verschiedensten Parteien erfahren, und was auch bei der
bevorstehenden Reichsrathswahl mit ziemlicher Gewissheit vor-
hergcsagt werden konnte, ist eingetreten. Die Vertreter der
Deutschliberalen, von welchen allein die Inden in dem schweren
Kampfe so lange Hilfe erhofften und welchen sie jahrzehntelang
ihre moralische und materielle Unterstützung in hingebungs¬
vollster Weise liehen, traten mit den Clericalen in Unterhand¬
lungen wegen Abschlusses eines Compromisfes.
Zunächst begann man im Lande Tirol, wo man ja auf
die in verschwindend geringer Anzahl Inden auch die geringste
Rücksicht zu nehmen hatte. Schon vor acht Tagen wurde dort
der Abschluss eines Compromisfes zwischen den Liberalen und
keine Gewächse, die alle Vorzüge in sich vereinen? Angenehmen
Duft und nährende Frucht?"
„Natürlich gibt es auch solche", antwortete sie und ihr
Gesicht heiterte sich auf. Sie führte mich zu einem der nächst-
gelegenen Hügel, den einige prächtige Bäume schmückten. Aus
ihrem dichten, dunkelgrünen Laube guollen weiße Blüten und
vrangengelbe Früchte hervor.
„Siehe," sprach sie. „Die Frucht dieses Baumes ist lieb¬
lich anzuschauen und von vortrefflichem Geschmacke. Diese
Pflanze birgt in sich eine gar geheimnisvolle Kraft. Sie ist
gleichsam das Symbol des stnfenweisen, unaufhörlichen Fort¬
schrittes. Die Früchte dieses Baumes reifen nur langsam,
daher findest Du an ihm zu gleicher Zeit alle Phasen der
Entwicklung, von der kaum aufgeblähten Knospe, bis zur völlig
reisen, duftenden Frucht. In trüben Tagen, wenn Kummer
mein Herz bedrückt, suche ich Trost bei diesem Baume. Ich
schaue diese jungen, lieblichen Knospen an und denke: mit der
Zeit werden auch sie sich entwickeln, blühen, zur Frucht heran-
reifen und mir Freude bringen."
Sie pflückte einen Paradiesapfel uud stieg mit mir bis
zum Gipfel des Hügel hinan. Die schönen Züge ihren Gesichtes
gewannen an Ausdruck, das Feuer ihrer Augen leuchtete wie
verklärt, als sie mit feierlicher Stimme anhub:
„Nun habe ich Dir meinen ganzen Garten gezeigt. Du
hast meine armeu Weiden bedauernswert gefunven, unb auch
meine Myrthen erschienen Dir wegen ihrer Unfruchtbarkeit
wenig anziehend. Auch meine prächtigen schlanken Palmen
bringen zwar süße Früchte, ragen aber zu hoch, uud verbreiten
nicht jenen lebenden Duft, der die Umgebung entzückt. Sie
existieren sozusagen für sich allein. So bleibt mir denn nur
der Baum, der den Paradiesapfel trägt, als Preis meines