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Wien, Freitag
Jüdisches Volksb'att
19. Odobor 1900
Nr. 42
Clericalen berichtet, bei welchem von den vier zur Besetzung
gelangenden ReichSrathsmandatcn zwei die Liberalen, und zwar
Dr. v. Grab m a y r und Graf T e r l a g v, zwei die Cleri-
calen, nämlich Graf Consolati und eventuell Baron
D i p a n l i erfüllten sollten. Recht gering scheint also die Nach¬
wirkung der erst vor 14 Tagen in Wien abgehaltenen Ver¬
sammlung von Vertrauensmännern des verfassungstreuen Gro߬
grundbesitzes gewesen zn sein, wiewohl auch Tiroler Vertreter
an dieser Versammlung theilgenvmmen und erklärt batten, da¬
für wirken zn wollen, „dass nur solche Männer als Abgeord¬
nete aus den Wahlen hervorgehen, welche für die Erhaltung
verfassungsmäßiger Zustände und für die Durchführung wirt¬
schaftlicher Reformen einzntreten erklären werden".
Ob wohl die Paciseenten dieses Comprvmisses sich vor
Augen gehalten haben, mit welchen Parteien und Personen sie
in Unterhandlungen eintreten und sich die Frage gestellt haben,
ob nicht auch hier das Wortspiel zutreffe: Compromisse coin-
promittieren? Die Liberalen wollen „an der Erhaltung ver¬
fassungsmäßiger Zustände" arbeiten und verbünden sich mit
Parteien, deren Freunde im Reichsrathe, Landtage und Gemeinde-
rathe widerspruchslos, ohne dass irgendein Abgeordneter auch
nur den geringsten Protest erheben konnte oder durfte, Anträge
auf Entrechtung der Juden, Schussgeld und Unterdrückung der
ihnen verfassungsmäßig zustehenden Rechte stellten! Sie »vollen
„die Durchführung wirtschaftlicher Reformen herbeiführen" und
nehmen sich zu Bundesgenossen Parteien, welche in der letzten
Session das Hausiergesetz, die Machterweiterung der antisemiti¬
schen Genossenschaften, das Verbot des Detailreisens, die
Erweiterung des Befähigungsnachweises beinahe zustande ge¬
bracht haben; sie wollen ihr in der Bevölkerung verlorenes
Terrain und ihren Einfluss erhöhen und pactieren mit den clericalen
Partei, welche selbst dort Anhänger verliert, wo man es nie¬
mals erwartet hätte, in Oberösterreich. Man kann den Be¬
wohnern dieses Landes, insbesondere der Bauernschaft, gewiss
nicht zum Vorwurfe machen, dass sie philosemitisch gesinnt sei
und dem Freisinn übermäßig huldige. Kein jüdisches Blatt könnte
aber den Clericalen ihr Sündenregister deutlicher Vorhalten,
als es der Wahlaufruf thut, den der Ausschuss der unab¬
hängigen Bauernschaft Oberösterreichs an die Bauern, Gewerbe¬
treibenden und Landgemeinde - Curien erlässt. „Denkende
Wähler!" sagt der Aufruf. „Bisher haben wir beständig
die von der clericalen Partei vorgeschlagenen Cand:-
daten gewählt — seit mehr als zwanzig Jahren! Was ist
während dieser langen Zeit für uns Bauern, für uns Klein¬
gewerbetreibende geschehen? Was haben die clericale Partei
und die clericalen Abgeordneten für uns geleistet? Wie hat
man unsere langjährige treue Parteigefolgschaft belohnt? Ant¬
wort : Mit Verrath! Die Grundsteuer-Regulierung ist so
durchgeführt worden, dass der Nachlass der Kleinbauern wenige
Zehnerln, jener der Großgrundbesitzer aber Hunderte und
tausende von Gulden beträgt; den Ungarn sind wir mit Hilfe
der Clericalen schmählich ausgeliefert worden: eine unerträg¬
liche Last neuer Steuern (auf Petroleum, Zucker, Spiritus,
Bier) hat man uns aufgebürdet; für eine Erleichterung in der
Erfüllung der Militärpflicht ist von den Clericalen kein Finger
gerührt worden, wie sie denn überhaupt auf keine
einzige That verweisen können, die wirklich
volksfreundlich wäre. Als im Abgeordnetenhause der
Antrag gestellt wurde, dass vom Grundsteuer-Nachlasse die
Bauern einen größeren Antheil haben sollen als die Gro߬
grundbesitzer, da stimmten Dr. Ebenhoch und die Katholische
Volkspartei für die adeligen Großgrundbesitzer, für die reichen
Klöster und gegen die Bauern. Ein Bauer mit 100 fl.
Catastral-Reinertrag profitierte demnach durch die Grundsteuer-
Ringens und Mühens. Meinst Du, ich werde die übrigen
Bäume ausroden und entwurzeln'? Mit Nichten! Siehe, wenn
ich alle diese Gewächse zn einem Bunde vereinige, welch herr¬
lichen Strauß geben sie. Palme, Myrthe, Paradiesapfel und
Weide, welch einen herrlichen, tadellosen Feststrauß bilden sie
im Vereine! Drum gehe hin und rufe Deinen Brüdern zu:
Seid einig! Seid einig! Sage allen, die mit irdischen Gütern
gesegnet sind, allen Männern der That, allen Leuchten der
Wissenschaft: Vereinigt Eure Kräfte! Bereinigt Euch mit dem
Volke! Dann werden auch die armen Weiden ihre zur Erde
geknickten Zweige wieder erheben. Haben sie doch genug ge¬
trauert und geweint. Gehe, und rufe ihnen zu: Vereinigt
Euch, Ihr Zerstreuten! Ihr getrennten aus Ost und West und
Süd und Nord, vereinigt Euch, auf dass jeder Zwiespalt,
jeder Zwist verschwinde! Vereinigt Euch, werdet ein einig
Volk von Brüdern! Seid Ihr nicht alle Sprößlinge eines
Gartens, Kinder einer Mutter?"
Sie sprach laut und mit feierlicher Stimme, und
o Wunder — der kleine Hügel unter ihren Füßen erhob sich
immer höher und höher, bis er zn einem hochragenden Berge
emporwuchs. Das dunkle Gewand der herrlichen Gärtnerin
wurde immer lichter und lichter, und bald umfloss ein weißer
Schleier in reichen Falten ihre hohe Gestalt. Sie sang:
Erwache im Norden,
Du kühlender Wind.
Und wehe gen Süden
Erfrischung gelind.
Mein Garten, verödet.
Belebt sich dann frei,
Und blühet und duftet
Sv herrlich aufs neu.
Es schwindet daS Dunkel,
Mein Freund kommt herbei,
Ergötzt sich der Früchte,
Und bleibt mir getreu.
(Schir Haschirim 4, 6.)
Inzwischen gieng die Sonne auf und erstrahlte immer
heller und heller, die Landschaft füllte sich mit Licht. Noch
einen Augenblick — und die Erscheinung war verschwunden.
Nachlässe, die seit 1899 erfolgt sind, 8 fl. 19 kr., die Fürsten
Schwarzenberg aber 109.749 fl. 09 kr. in jedem Jahre.
Unsere g e w ä h l t e n Volksvertreter haben n n s
also d i r e c t v e r k a u f t und verrathe n, sie haben
unser Vertrauen missbraucht, ihre Pflicht gröblich verletzt und
unsere Anhänglichkeit mit schnödem Undank belohnt. W i r
habe ii u n s n n n schon lange g e n n g narre n
lassen. Es soll endlich einmal anders, es soll besser werden.
Wenn wir uns aber nicht selber helfen, hilft uns niemand.
Wir sind cs unserer Achtung und Ehre schuldig, die Mamelnken.
die da von beit clericalen Machern ausgestellt werden, kräftig
von lins abzuschütteln. Wir müssen zeigen, dass wir auch ohne
clericales Gängelband vorwärts kommen. Unabhängig von
jeder politischen Partei, gehen wir fortab unsere eigenen Wege."
So sehen die Conipromisstheilnehmer der Liberalen ans!
Man begreift, dass wenigstens der Versuch gemacht wurde, die
Sache harmloser erscheinen zn lassen; zumeist folgte auf die
Mittheilung von der bereits vollzogenen Thatsache das Dementi
des Dr. v. Grabmayr, dass noch nichts abgeschlossen sei,
dass erst „Pourparlers" zwischen einzelnen Führern statt-
gesunden hätten, wobei die erste Annäherung von den Cleri¬
calen ausgegangen sei. Unbequem ist dann jedenfalls die ent¬
gegengesetzte Nachricht der „Grazer Tagespost" und des
„Vaterland", das Compromiss sei von den Freisiniligen ange¬
strebt worden, weil für diese die Gefahr Vorgelegen sei, gar
kein Mandat zu erhalten. Weiters wird beruhigend mitgetheilt,
dass für das Compromiss vornehmlich der Landtag in
Betracht komme, was natürlich den Reichsrath nicht ansschließt,
zumal Comproiiliss vom lateinischen promittere (versprechen)
herrührt. Schließlich wurde noch versucht, einen Gegensatz
zwischen clerical und christlich-social herauszufinden, bis Dipauli
bei der in Brixen am Sonntag stattgefundenen Versammlung
zu erklären sich veranlasst sah: „Die Wiener Christlich-Soeialen
haben verlangt, dass gegen mich kein Gegencandidat ausgestellt
werde." Dies alles wird natürlich die Tiroler Liberalen nicht
abhalten, das Compromiss doch einzugehen; die böhmischen und
mährischen Liberalen werden wieder, folgend den Grundsätzen
der deutschen Gemeinbürgschaft und den Entschlüssen des
Trautenauer Parteitages, ein Compromiss mit den Deutsch-
volklichen und Radical-Nationalen eingehen, um in Böhmen
und Mähren einige Mandate gegen die Czechen zu erobern
lmd hierzu sich an die Inden wenden, die gut genug sind, an
Orten, wo ohne sie niemals ein Deutscher gewählt würde, zum
Siege zn verhelfen, die aber nie Anspruch auf Dank und An¬
erkennung erheben durften ; die Wiener Liberalen werden schlie߬
lich wahrscheinlich ein Compromiss ähnlich wie vor den Gemeinde-
raths-Wahlen mit den Deutschnationalen discntieren; es werden
in Böhmen zwischen Jung- und Altczechen Wahlcompromisse
geschlossen werden, und auch die Polen, Ruthenen, Slovenen,
Rumänen werden Compromisse erstreben und erreichen, kurzum,
an allen Ecken und Enden Oesterreichs wird man von Cvmprv-
missen hören und lesen, oft werTru es die Inden sein, die an
diesen Abmachungen am meisten betheiligt sind, und es wäre
hoch an der Zeit, nicht mehr passiv in Unthätigkeit zu ver¬
harren, sondern energisch und zielbewusst activ sein Recht zu
verlangen und zn erkämpfen.
Ein „Deutscher Judentag".
Berlin, im October 1900.
In einer Zuschrift an die Berliner jüdischen Zeitungen
macht Professor Martin Philipsohn den Vorschlag, eine
neue Einrichtung, einen Deutschen I u d e n t a g zn schaffen.
Dir Volkszählung.
Scenen aus Galizien.
In einem ostgalizischen Marktflecken. Der Wochenmarkt ist
im besten Gange. Trotz des eisigen Decemberfrvstes find die
Gemüther erhitzt.
Die Gemeindepauke wird hörbar.
Der Tambour, Polizist und Besitzer ähnlicher, mit Ge-
meiiidefnnctioliett verbundener Würden — ruft in die neugierige
Menge hinein. Es ist ein polnisch-ruthenisch-deutsches Kauder¬
welsch, welches schließen lässt, dass er eine vieljährige
militärische Laufbahn hinter sich hat.
Es heißt, dass alle Einwohner des Ortes in das Gemeinde¬
amt sich noch diese Woche — unter Strafe — zu begeben
haben, um dort einen Bogen auszufüllen.
„Nene Glücken!" sagt ein Mäkler.
„Ich Hab' noch nicht aus Schabbes verdient und da will
man mir Steuern ausmessen. Kann ihm meinen Dalles ')
geben!" —
„Schtiisim!" -) ruft ein anderer geschäftiger Geflügel-
aufkänfer und eilt seinem Erwerbe nach.
„Was hat er gerufen, Uscher? Ist nicht chulile ' J ) schon
die Licitation ans die gepfändeten Polster? Zurys 4 ) mit der
Schule! Pfändet und licitiert!" Spricht's und verschwindet, keine
Antwort abwartend, in der Menge.
Der Wiuterlag ist bald zu Ende. Dieselben Gestalten,
welche mit solcher Geschäftigkeit am Marktplatze bald aufgetaucht,
bald verschwanden, sitzen jetzt gebückt auf den Bänken im Beth-
Hamidrasch. ") Ihr Tagewerk hat die Müdigkeit in ihre Gesichter
gedrückt.
Nach dem Abendgebete entspanil sich eine Discussion über
die Neuigkeiten.
Der größte Localpolitiker Reb Selig hat das Wort.
Jedem weiß er eine Aufklärung zu geben. Manche Interpella¬
tion wird bloß mit einer Handbewegung als nichtig erklärt,
worüber die kleineren Politiker lächelnd die Köpfe schütteln.
Manche wiederum werden mit vielsagendem Glätten des Bartes
und Augenverdrehen als sehr wichtig erachtet. In diesem Falle
Dieser soll die gesetzlich gewährleistete Gleichberechtignilg der
deutschen Inden auch in die Praxis nmietzen Helsen, und wo¬
möglich auch dazu führen, eine geeignete Vertretung ihrer bis¬
her hintangehaltenen Interessen im Reichstag und' den Land¬
tagen zn sichern.
Der Vorschlag ist für uns besonders wertvoll dadurch,
dass er die außerordentliche Unzulänglichkeit der Mittel dar-
thnt, mit denen die deutsche Jndenheit' sich bisher zn salvieren
gesucht hat. Das Mittel der Assimilation, die Versuche einer
Anlebnnng an die verschiedensten Parteien, die Betheilignng
an den „Menschheitsbestrebungen"-ja selbst die famosen
Abwehrbestrebungen*) haben eben ihre Unfähigkeit in solchem
Maße dargethan, dass ernste Männer, die bisher von diesen
Seiten das Ziel erwarteten, sich gezwungen sehen, nach neuen
Wegen zu suchen, auf welchen die deutschen Inden seine ihrem
Cultnrnivean entsprechende Position innerhalb ihrer Umgebung
finden sollen.
Jüdische Solidarität — das ist das einzige
Mittel, das zum Siege führen kann — Znsannnenstehen und
nicht Verschwindenwollen. Wir können uns nicht erfolgreich
verkriechen — das ist nicht nur un stolz, sondern auch un¬
möglich. Andererseits gibt es so viele mögliche Formen
jüdischer Solidarität, dass jeder Jude es leicht finden wird,
sich irgendeiner wahrhaft jüdischen Richtung anzuschließen. Alle
diese verschiedenen Richtungen zu vereinigen für eine erfolg¬
reiche Thätigkeit nach außen, dazu scheint ein solcher Judentag
das geeignete Mittel zu sein.
Jeder Fortschritt in Bezug auf jüdische Solidaritäts-
bestrebungen wird der national-jüdischen Idee Nutzen bringen,
die heute noch den breitesten Schichten der Jndenschaft West¬
europas fremd ist und ihnen als etwas Rückschrittliches vor¬
schwebt.
Es herrscht eben eine grenzenlose Confnsion. Man hat
es noch immer nicht eingesehen, dass der Jude nie mehr sein
kann als Staatsbürger, Staatszugehöriger des Landes, in dem
er lebt. Mehr ist aber auch nicht nöthig. Die Staatszngehörig-
keit legt den Bürgern ohne Unterschied Pflichten auf und gibt
ihnen Rechte. Sowie in Deutschland Militärpflicht und Wahl¬
recht in gleichem Maße gelten für germanische und polnische
Reichszugehörige, so gelten sie auch für die deutschen Jude n.
Geschieht irgendeiner Gruppe von Staatsbürgern (deren Gleich¬
heit vor dem Gesetze der vornehmste Satz der Reichsverfassung
ist) ein Unrecht voir Seite der Executib-Behörden, so hat diese
Gruppe von Staatsbürgern sich eben zn wehren. Niemand
kann ihr aus ihrem Zusammentreten den Vorwurf des Partlku»
larismus machen. Nicht die Inden sondern sich ab, um z. B.
gegen die Nichtzulassung zu gewissen Staatsämtern zu pro¬
testieren, sondern sie werden abgesondert, indem man sie
von diesen Stellen ausschließt. Ein Unrecht wie dieses kann
beseitigt werden, indem es immer und immer wieder den u n-
redlichen Machthabern vorgehalten wird. Aber ein
Einzelprotest hilft so wenig, wie der Abfall eines einzelnen die
Judenfrage lösen kann.
*) Die „Mittheilungen des Vereines zur Abwehr des
Antisemitismus" allerdings scheinen ihre Thätigkeit für ganz ge¬
nügend zu erachten. Zum mindesten bekämpfen sie den neuen
Vorschlag mit erheblicher Energie. Der neue Machtfactor, den
der Deutsche Judentag darstellen könnte, scheint den Avwehr-
leuten schon so unangenehm zu sein, wie er den Antisemiten
werden soll. Dabei zeigte es sich, dass der Schristleitung der
„Mittheilnngen" nicht bekannt war, dass Professor Philip¬
sohns Vorschlag in den Berliner jüdischen Zeitungen veröffent¬
licht gewesen ist: Man hat nur davon gehört und
hofft, dass das Gerücht sich nicht bewahrheiten
wird. In Zukunft dürften die Abwehrleute auch zu lesen für
nöthig finden, was in den jüdischen Zeitungen steht.
schaut das Auditorium erwartungsvoll dem Redner in den
Mund.
Verständlich oder unverständlich wird alles mit ernstem
Kvpfschüttelu zur Kenntnis genommen.
Die Tagesneuigkeit bildet, wie sich Uscher geäußert, die
G'sejre") mit den neuen Steuern. Reb Selig spricht nicht. An
seinen Ständer gestützt, hat er schon diese Aussage des Maklers
mit einer Handbewegung erledigt.
„Was ist b'emesZ Reb Selig?" fragt ein anderer.
Man sieht schon, dass der Gefragte sich an eine große
Auseinandersetzung macht und eine spannende Panse tritt ein.
„Vom Ministerium in Wien kommt alle zehn Jahre ein
Befehl nicht nur in größere Städte (Selig zählte auch den
Marktflecken zu größeren Städten, da dort über tausend jüdi¬
scher Familien wohnten), sondern auch in Dörfer, dass die
Gemeinde eine Conscription verfertige. Das heißt, dass man
alle Menschen, die in der Stadt wohnen, in einen großen
Bogen (aus Wien kommt er) einschreibe, auch sein Weib und
seine Kinder und den Myscher 44 ) w'kadojme."")
„Ich will wie ein Narr fragen," unterbricht der einge-
schüchterte Uscher, „wozu dient es?"
„Wozu soll's dienen?" schmollt Reb Selig, „etwa zu
Steuerausmaß?"
„Achten Sie nicht auf ihn!" erschallen Stimmen vom
Auditorium, „red'ns weiter!"
„Zu Militärzwecken und dergleichen," begann wieder der
Politiker, „muss die Regierung genau wissen, wieviel Ein¬
wohner sie hat. wieviel Polen. Juden, Ruthenen, Deutsche."
„Also ist nichts Gefährliches, sich einschreiben zu lassen?"
fragt einer aus der Versammlung.
„Chulily!" ,0 )
Viele athmeten beruhigt auf. Keine neuen Steuern, keine
Execution, keine Licitation, puschyt'') nichts!
Noch andere Themen wurden berührt.
Allmählich begann sich die Versammlung zu verkleinern.
Ein jeder rückte seinen Hut tief ins Gesicht hinein, hüllte sich
langsam in sein Gewand und schlich mit einem „gute Nacht"
davon.
Des Gemeindeamtes Corridor ist vollgepfropft. Kopf an