Redaktion: IT/3, Leopoldsgaffe 2«.
Telephon Nr. 14723.
Gp'bechstuttiren: An Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachm.
Pbsiabresse: Jüdisches Volksblatt. Wien. Il>3.
8e»cdV«kS«n wegen verspäteter oder gar nicht erfolot.r Zu¬
stellung erbitten wir uns drlnaend. — IttatttukripU werden
niedt rutüekgeitett».
Poftsparkafsen-Konto 84703^. In das Slbbonement kann man
täglich eintreien.
Erscheint^
' **
eitag.
Eigentümer und Herausgeber: Jakob Kransi.
Inserate übernehmen die flrmrn: M. vukes Nachf-, lsaasenftein L Vogler,
Nudolf Masse, M. pozsonyi, a. Schalk! in Wien, ferner alle Nnnoncen-
Expeditionen Im auslandc.
Einzel - Nummer in Wien KV Heller.
Administration: Il/3, Leopoldsgaffo 2.
Telephon Nr. 14728.
Abonnements - PreiS:
Für Wien ». Ocstcrreich-
Nngarn s. Frankozustellung:
Ganzjährig. . . . K12. -
Halbjährig . . . . K O.—
Bierleljährig . . . K 3.—
Für das gesamte Ausland
samt Frankozustellung:
Ganzjährig .
Halbjährig .
Vierteljährig.
. K 13.00
. K 0.83
. K 3.42
Verschleisntellen ilnseres Blattes, in ivelchen auch Abonnements entgegenqenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wottzeile 1!; Verlag „Zion"
Wien, >1,3, Untere Augartenstraße Ö; Robert Weist, Wien, I. Jakobcrgasse,
>ir«, «. Jänner 1908 <89. Tebeth 5668).
VII. Jahrgang.
Nationale Autonomie.
Macht ist Recht; soviel Macht ein Volk
hat, soviel Recht.
Der Gedanke der nationalen Autonomie,
anfangs viel belächelt, dann viel bestritten,
lvird in immer weiteren Kreisen als einziger
Allsrveg aus den Österreichischen Wirren er¬
kannt. Es ist ein unleugbares Verdienst dieses
Blattes, für diese Idee zn einer Zeit einge-
treten zu fein, als sie sich sowohl in den
„maßgebenden" politischen .Kreisen als aucl) in
der „maßgebenden" Tagespresse eines absoluten
Unverständnisses erfreute.
Heute nähert sich allerdings selbst die
,„N nie F reie P r esse", die noch anlä߬
lich der bekannten Rede B a c r n r e i t h e r s
in der vorletzten Session nur Spott und Hohn
für diese Idee hatte, den Gedanken der natio¬
nalen Selbstverwaltung. P r a d e, einer der
Führer der „Deutschen Volkspartei", plaidiert
in der Weihnachtsnummer dafür, gleich
Eh ia r i, als ob die Deutschen nie diese Idee
als eine Lächerlichkeit von sich gewiesen halten
Die „Teplitzer Zeitung" hat an eine Reihe
von Reichsrats- und Landtagsabgeordneten eine
Rundfrage gerichtet, wie sie sich die Lösung des
politischen Streites vorstellen. Die meisten Ant¬
worten stimmen darin überein, daß eine Besse¬
rung der Verhältnisse nur von der n. a t i o n a-
l e n A u t o n o m i e zu erhoffen sei.
Abgeordneter Dr. Nits che antwortete
auf die ihm gestellte Frage kurz: „Volks-
I a u t o n o m i c i m R a h m e u d e s S t a a-
tes."
Abgeordneter Dr. G r a b m a y r: ^ „Es
gibt nur ein Mittel: die möglichst vollständige
Durchführung der national e u A u t o-
n o m i e".
Abgeordneter Dr. Licht: „Durch eine
Verständigung ans gesetzlicher Grundlage,
welche die nationale Selbstverwaltung einführt
und sichert, dem Grundsätze, daß jede Nation
deren Kosten selbst bestreite, Rechnung trägt,
die Angestellten des Staates und der Länder
ihrem Amtsgebiete entsprechend national son¬
dert, ans dem Reichsrate nationale Fragen
ansscheidet, im Landtage nationale Minder¬
heiten vor Willkür, Gewalt und Unbilligkeit
schützt, die deutsche Sprache als Vermittlungs¬
sprache sanktioniert und die Reform der Politi¬
schen Verwaltung mit diesen Neuordnungen in
Einklang bringt."
Abgeordneter v. Si i n k: „Man höre end¬
lich ans, die Nationalitätenfrage nach geogra¬
phischen, respektive historischen, das heißt Lan-
desgrenzen regeln zu mellen, sondern gehe
daran, dieselbe ausschließlich nationalen, d.iß
heißt nach bestehenden Sprachgebieten zu re¬
geln; dann muß der Friede kommen!"
Insbesondere wies dad „Indische Volks¬
blatt ans ihre Bedeutung für die Lösung der
ö st e r r e i ch i s ch e n Jndenfrage hin. Doppelte
Pflicht ist es daher, wieder die Stimme zu
erheben, denn es besteht die Gefahr, daß e i n
g r o ß e r M o m ent bei u n s I ud e n
ein kle in es Geschlecht findet.
Feuilleton.
KnltuMIder aus dem Oheltoledeu
in Urotzmh
Von Adolf Steinschneider.
(Schluß.)
Moritz Steinschneider, der bekannte
Bibliograph und Sanskritkeuner, Professor der
Philologie in Berlin. Er wurde an die berühmte
Universität in Oxford berufen, blieb dort fünf
Jahre, um die dortige Bibliothek zn ordnen und
z« katalogisieren. Später wurde er zum Ehren¬
doktor ernannt.
Herr Hofrat Doktor Adolf Beer, Professor
der Geschichte an der Polytechnik, Herrenhans-
mitglied. Er verfaßte viele Geschichtswerke. Sein
Hauptwerk waren die Volksschulgesetze, die er im
Vereine mit Minister Hasner verfaßte und die vom
damaligen Reichsrate trotz des heftigsten Wider¬
standes der klerikalen Partei angenommen wurden.
Dieses Kodifikationswerk, welches ein Vorbild
für alle Knlturstaaten Europas geworden ist,
sichert ihm einen unsterblichen Namen. Er starb vor
zwei Jahren und seine Leiche wurde nach Gotha
zur Feuerbestattung gebracht.
Herr Abraham Broch ist Sektionschef im
Finanzministerium, Direktor der Triangulierungs-
kommiffion, Ritter der Eisernen Krone.
Bor einigen Jahren starb in Graz Herr
Siegwund Beer als Oberst der Artillerie und
in Krakau lebt Herr Mandl Major, in einem In¬
fanterieregimente.
Herr Konrad Löwe, Hofschauspieler, eines
der begabtesten und gefeiertsten Mit-glieder der k. k.
Hofbühne.
In Triest lebt jctztin Pension Herr Moritz
Funk der als Schiffsjunge dahinkam und bis zum
Schiffskapitän avancierte.
Herr Baurat Mor. Fleischer. Ec hat unter
Dombaumeister Schmidt als dessen Adlatus bei
Erbauung des neuen Rathauses mitgewirkt. Er
ist ein Meister der Gotik. Viele monumentale
Gebäude in Wien und in der Provinz sind von
ihm und nach seinen Plänen errichtet worden, unter
anderen die israelitischen Tempel im VI.
und VIII. Bezirk.
Auch in der Industrie und im Verkehrswesen
haben sich einige hervorgetan, so Vizepräsident der
Wiener Kultnsgemeinde kaiserl. Rat Moritz Hirsch
welcher als kleiner Angestellter in einem Spedi¬
tionshause ansing, später die Firma Hirsch und
Karpeles gründete, welche j-tzt Schenker und
Cie. firmiert und durch seinen Geist und seine
Begabung zu einem Welttransporthanse ersten
Ranges gestaltete.
Herr Professor Ignatz Brüll, Musiker und
Komponist allerersten Ranges. Die von ihm
komponierten Opern wurden an der hiesigen Hof¬
oper sowie an fast allen Bühnen Europas mit
großem Erfolge aufgeführt. Die von ihm komponierten
Sonaten und Quartette werden überall als geniale
Werke bewundert. Hiermit ist die Zahl der hervor¬
ragenden Prvßnitzer nicht erschöpft, nur der Raum
gestattet eö nicht, sie alle anzuführen. Diese alle
waren und sind Söhne Proßnitz' auf welche die
jüdische Gemeinde stolz sein kann, und diesen Ruhm,
Die nationale Autonomie wird sich selbst¬
verständlich in ganz Oesterreich allmählich
durchsetzen nnd sie wird nicht einmal an der
Leitha Hall machen. Tenn sie verlangen nicht
nur die Deutschen in Böhmen und Mähren,
sondern auch die Tschechen in Schlesien und
Niederösterreich, die Ruthenen in Galizien, die
Slowenen in Steiermark, Kärnten, Gürz und
Istrien, die Italiener in Tirol und die Polen
in Schlesien. Aber auf der Tagesordnung
steht heute die Frage in Tiro! und in
M ä h r e n.
Letzteres kommt hier in Betracht. Tenn
kommt die Frage der nationalen Autonomie hier
zurLösung ohneAnerkeungderjüdischen Nation,
so ist damit ein gefährliches, verhängnisvolles
Präjudiz geschaffeu, daS die Entwicklung der
jüdischeu Nation in Österreich auf eine schiefe
Ebene drängen kann, wo es dann kein Aus¬
halten gibt. Noch einmal nnd vielleicht
zum letzten Male bietet sich dem jüdischen
Volke in Oesterreich, wo infolge der Vielheit
der Nationen so günstige Vorbedingungen
herrschen wie nirgendwo, die Gelegenheit, die
staatliche Anerkennung seines Volkstums zu
erzwingen, eine Gelegenheit, die es schon einmal
verpaßte.
Umsomehr mußman es verurteilen, wenn
von sonst gut jüdischer Seite im Angesicht der
geschilderten Sachlage der Rat erteilt wird, ein¬
fach fatalistisch die Hände in den Schoß zu
legen und für die mährische Judenschaft keine
andere Wahl empfohlen wird, als entweder für
die Deutschen (und das hält er für rationeller )
jiesen Aufschwung hatte sie zumeist der Aufmunterung
denes Rabbiners vor 60 Jahren zu verdanken, der
den ersten Keim dazu gelegt hatte. Der Name
dieses bahnbrechenden Mannes ist Hirsch B. F a s s e l.
Später wurde er nach Groß-Kanizsa berufen, wo
er vor 10 Jahren hochbetagt starb. Sein Nachfolger
in Proßnitz war Dr. Adolf Schmied!, der
auserlesene Kanzelreduer, der nun seit langer Zeit
hier in Wien im Leopoldstädter Tempel zur Be¬
wunderung seiner zahlreichen Freunde seines Amtes
waltet.
Mit Befriedigung milß konstatiert lverden,
daß alle diese angeführten hervorragenden Männrr
Juden geblieben sind und treu zu ihrem Volke
halten mit Ausnahme des Baurates Beer, der
vor zirka 40 Jahren unter Minister Leo T h n n,
um die Professur zu erlangen, sich taufen ließ,
trotz dieser Taufe aber dennoch Teilnahme für
seine früheren Glaubensgenossen bewahrtes?).
Durch den freie« Geist war zwar die starre
Orthodoxie gewichen, aber ein milder, religiöser
Sinn herrscht doch noch beim großen Teile vor.
Der Tempelbesuch war ein reger, die Feste wurden
ordnungsmäßig gehalten. Am Erew Peßach wurden
in allen Häusern Brot- und Semmelreste gesammelt,
selbe auf einem freien Platze zu einem Scheiter¬
haufen aufgespeichert und feierlich verbrannt. Dann
wurden alle Wohirränme, alles Geschirr gescheuert
und gewaschen, man könnte beinahe sagen desinfiziert.
In mehreren Lokalen wurden Mazzos ge¬
backen und der Sederabend in fast allen Familien
mit jüdischer Innigkeit abgehackten. Am Ausgange
des P ßach füllten sich die Gassen mit Verkäufern
von Brot nnd Semuieln und gierig kauften die