Jüdisches Volksblatt
Nr. 1
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oder für die Tschechen nach Einführung der
nationalen Kurien zu optieren.
Gemach! Bevor die Juden vor diese
bittere Wahl gestellt sind, ist es ihre und vor
allenr^der Nationaljudenund ZionistenP flicht
und S ch u l b i (| l c i t, werügstens bcu Versuch
zll wagen eine Sonderstellung der Juden bei
der Neureung zu erringen. In allen
Judengemeinden muß eine aufklärende Agi¬
tation eingeleitet und ein Petitionsslurm erregt
iverden. Mißlingt dieser Versuch, so haben die
nationalen mtb zionistischenKreisewenigsten das
Beivußtsein: animam meam salvavi. Aber
kampflos bem Gegner das Terrain zu über¬
lassen, käme fast einer Preisgabe der natio¬
nalen Idee gleich!
^ Und ist dieser Versuch wirklich ganz
aussichtslosV - Mit Nichten. Ich habe schon
einmal ausgeführt, daß die ganze Organisation
der jüdischenKultuSgemeinden vorbildlich
für die künftigen Versuche, nationale Kurien zu
bilden, ist. Ist doch die Kultusgemeinde mit
dem wichtigen Rechte der Einhebung
von pfändbaren Steuern ausgestattet,
der wichtigsten Vorbedingung einer nationalen
Machtentfaltung. Es erübrigt nur noch, den
Kultusgemeinden politische Rechte zu
gewähren, die Entsendung einer ihrer Kopf¬
zahl und ihrer Steuerkraft entsprechenden
Anzahl von Abgeordneten in den Landtag,
um ein Bollwerk zu schaffen, in dem die
Juden getrost den Stürmen der Zeit trotzen
können.
Gerade in Mähren. Bestehen doch
hier zwei wichtige jüdische Institutionen, die
einen natürlichen Uebergang zu der künftigen
nationalen Autonomie bilden. Die mährische
Landesjudenschaft und die politischen
Juden gemeinden haben heute von ihrer
früheren Bedeutung sehr viel verloren. Aber
nach ^ ihrem Muster könnten ohne viele
Schwierigkeiten alle größeren jüdischen Ge¬
meinden zu autonomen Gemeinden umge¬
wandelt werden.
Die mährische Landesjudenschaft, heute
nur zur Verwaltung des Landesmassafonds
berufen, könnte in eine jüdischnationale Kurie
umgewandelt werden,
Könnte — eine Gewißheit besteht aller¬
dings nicht! Solche Geschenke fallen keinem
Volke in den Schoß. Ein jedes Volk muß sein
Recht erobern. Aber hoffnungslos ist dieser
Kampf nicht, außer wir geben i h lt,
noch ehe er begonnen hat, und damit
uns selbst auf. Wir verlangen doch nichts
anderes, als daß das, was für alle andereir
billig, uns recht sei.
Und wir müssen auch nicht ohne Bundes¬
genossen dastehen. Die Tschechen haben aller¬
dings ein sekundäres Interesse, daß die Anzahlder
deutschen Wähler nicht unnatürlich anscbwelle;
Leute die lang entbehrten Speisen. Am Schewuoth
wurden nicht nur der Tempel, sondern auch alle
Wohnungen mit Blumen und Reisiggirlanden
geschmückt. Rosch Haschono und Jom Kipur ver¬
sammelte der Tempel alle Bewohner ohne Aus¬
nahme zu inniger, weihevoller Andacht. Am Sukkoth
war vor jedem zweitea Hause eine Sukkn auf¬
gestellt und die Familienmitglieder aller benachbarten
Häuser kamen da zu gemeinschaftlichen Mahle zu¬
sammen. Einmal kamen übermütige Burschen aus
der Christenstadt in der Nacht und verwechselten
die tragbarcn Hütten untereinander, indem sie sie
in andere Höfe trugen, und als die Eigentümer
des Morgens zum Frühstück kamen, fanden sie sich
in der fremden Sukka mit fremden Geräten, mußten
den Jomtow entweihen und die Sukkawieder zurrechten
Stelle hintragen. Sehr geräuschvoll wurde Purim
gefeiert und ein förmlicher Fasching abgehalten.
Jede nur einigermaßen vermögliche Familie hatte
in der Wohnung ein Büfett aufgestellt mit Braten,
Backwerk, den beliebten Purimkindeln und Getränken,
Wein und Likör. Sie eröffnten gastfrei ihre Räume
den Besuchern ohne Unterschied des Ranges. Und
alle kamen, und zwar zumeist maskiert, ohne ge¬
nötigt zu sein die Larven zu lüften, und konnten
genießen was da geboten war. Es war ein frohes
bewegtes Leben in den hellerleuchteten Straßen
und in den Häusern. Die Kinder gingen mit
Ratschen umher und machten einen heillosen Lärm
zur Vernichtung HamanS.
An einem Purimabende waren auch die
Zimmer des Hauses H., einer der reichsten Familien
der Gemeinde, gastlich geöffnet und eine bunte
Schar von Masken in den verschiedensten Trachte«
hängt doch von der Anzahl der iirskribirten
Wähler die Anzahl der Mandate ab. Da nun
zweifellos für den Fall, daß nur die Wahl:
Tschechen oder Deutsche bestünde, der über-
wiegcnde Teil der Juden für die Deutschen
optierte, so wären die Tschechen, die die Zwei-
dritteliuehrheit des Landes repräsentieren, bei
einiger Diplomatie der Jude:: sicher für eine
Sonderstellung der Juden zu haben.
Daß eine solche Organisation einen ganz
anderen Rückhalt böte als das Nachlassen
des Antisemitismus, das nach Einführung der
deutschen und der tschechischen Kurie erhofft
wird, ist klar.
Also, tun wir das Unserige.
Dr. Sofer.
Die gesetzliche Lage der Juden
in Rumänien.
Von Dr. B. H. Lauby.
Wenn in einem autokratischcn. Lande wie
Rußland Inden verfolgt werden, so ill es be¬
greiflich. Tort gibt es eben weder Gesetz
noch R c ch l, sondern nur W i l l k ü r. Anders
sollte sich die Sache in einem Berfassnngsstaate
wie Nnmänien gestalten, wo es ein Parlament
gibt, wo Gesetze votiert werden, die nicht einen
Teil der Bevölkerung den Verfolgungen des
anderen Teiles aussetzen dürften. Das ist
wenigstens der Begriff, den man sich von einem
modernen Parlamente macht. Allerdings hat
man in den letzten Jahren in verschiedenen Ver¬
fassungsstaaten Gesetze entstehen gesehen, die
diesem Prinzipe widersprechen, und cs wäre
nicht zu verwundern, wenn auch das rumänische
Parlament den deutschen und österreichischen
Volksvertretungen nachzuahmen trachtet.
Der Unterschied zwischen der rumänischen
gsetzlichen Ungerechtigkeit und der anderer Ver¬
fassungsstaaten ist jedoch ganz eigenartiger Na¬
tur. Der ganze Bau der antijüdischen Gesetze
in Rumänien, deren Entstehung sich vor unseren
Augen vollzieht, fußt auf einer historischen
Willkür.
Die rumänische Gesetzgebung beschäftig
sich nicht mit dem Inden „als solchen". Sie
trifft bloß Maßregeln gegen Fremde, nicht
dein rumänischen Volke Angehörige. Das
tun alle Staaten. Aber in Rumänien sind fäint
liche Juden — Fremde, wenn sie auch seit
3—4 und noch mehr Generationen im Lande
wohnen, was viele heutige rumänische Staats-
männer und Politiker von sich nicht Nachweisen
könnten.
Der Jude war aber nicht immer als Frem¬
der in Rumänien betrachtet. Er war >cs nicht
vor 4 Jahrzehnten. Er ist es erst seit jener Zeit
geworden, und diese Stigmatisierung der Ju¬
den zu Fremden ist einer gesetzgeberischen Will¬
strömte aus und ein. Da kunenanch zwei als Türke
und als Slowake verkleidete Masken. Sie taten
sich gütlich. Beim Weggehen jedoch ließen sie
einiges vom silbernen Eßzeug in einer Tasche nnt-
geheu. Als sie fort waren, wurde der Diebstahl
entdeckt. Nun wurde eine Jagd nach den Dieben
veranstaltet. Man hatte sie bald ergriffen und
sie wurden unter starker Eskorte der johlenden Jugend
in das Haus des Gastgebers zurückgebracht. Die
zwangsweise Demaskrerung der Diebe bot eine
Sensation. Der Bräutigam der Tochter des Hauses
war der Türke und sein Vater der Slowake. Es worein
etwas zu derber Purimsp-ß. Nach vielen Ent¬
schuldigungen löste sich alles mit Lachen in Lrebe
auf. Am Vorabende des Fasten schickten die be¬
freundeten Familien einander Geschenke. Aber auch
die Armen wurden bedacht und jede halbwegs
bemittelte Familie ließ ein Verzeichnis der Not¬
leidenden aufsetzen, (man nannte dies „K-tzwezettel")
und schickte ja nach Bedürftigkeit größere oder
kleinere Geldgaben und um die Beschenkten nicht
zu beschämen, sendete man es durch einen eigenen
Boten, dem strenge Diskretion aufgetragen wurde.
Es würde zu weit führen und die Grenzen
des mir zur Verfügung stehenden Raumes weit
überschreiten, wollte ich noch werter alle Einzeln»
heilen und Besonderheiten aus dem Leben dieser
Gemeinde anführeu Es bleibe einem Lokal¬
historiker Vorbehalten, nebst der ereignisreichen
Geschichte ausführlicher die Physiognomie der Ge¬
meinde im Detail zu schildern.
Ich beschränke mich daher bloß darauf, noch
einige originelle Sonderlinge jener Zeit zu be¬
schreiben: Reb Harsch Klei» der Dajon ein
kür ^entsprungen. Mit anderen! Worten: die
heutige Lage der Juden kann man nur ver¬
stehen, wenn man bcu historischen Anfang und
die Entwicklung der bezeichneten Willkür näher
kennt. Dies zu beschreiben ist unsere Aufgabe.
Die Geschichte der Juden in Rumänien lehrt
uns folgendes:
Spuren von Juden in den damaligen
Donaufürstentümern Moldall. und Walachei
(heute Königreich Rumänien)'finden sich schon
seit deren Gründung, die etwa mit Ende des
13. und Anfang des 14. Jahrhunderts anzn-
nehmen ist. Anfangs war die Zahl der hier an¬
sässigen Inden sehr beschränkt. Im 16. mtb
10 . Jahrhundert, als sich die türkische Herr¬
schaft diesseits der Donau ansbreitete, wächst
die Zahl der sephardischen, Jllden in der Wala¬
chei. Während dieser Zeit finden die jüdischen
Kaufleute alls Polen zum ersten Male ein
Tätigkeitsfeld in der Moldau, die mit Polen
Fühlung hatte. Die Fürstentümer besaßen eine
Bauernbevölkerung, die infolge fortdauernder
Kriege, resp. einer immerwährenden, die Bauern
zugrunde richtenden Militärpflicht immer mehr
zu Frohndienern einer nengebildeten Militär-
und Besitzcrschichte, der der Bojaren, herab-
gedrnckt wird. Die Zahl der Städte ist unbe¬
deutend. Eine selbständige Handwerkerschaft
un>d Kaufmannschaft fehlt fast. Es gibt mit
anderen Worten keinen Mittelstand zwischen
Bauern und . Bojaren. Die fortdauernden
Kriege hatten jahrhundertelang ihr vernich¬
tendes Werk getan. Man muß eine ausländische
industrielle und kommerzielle Schichte herbei¬
ziehen, um die Produkte dcs Landes besser 311
verwerten. Landesherrscher und großmächtige
Bojaren stellen den polnischen Inden ein loh¬
nendes Feld zur Verfügung. Man gewährt
ihnen Privilegien. Sie haben hierfür Markt¬
flecken zu errichten, Brennereien aufzubauen
und neues Leben ins Fürstentum zu bringen.
Dieser Zustand dauert bis in die Mitte des 10 .
Jahrhunderts. Die Einwanderung der Inden
bringt eine größere Steuereinnahme mit sich
und wird deshalb von den rumänischen, resp.
moldauischen Staatsmännern immer er¬
mutigt.*)
Während dieser ununterbrochenen Einwan¬
derungszeit ist die Lage der Inden größtenteils
günstig. Nach den polnischen Inden kamen auch
österreichische, und auch russische flüchteten sich
hierher in dcn grausamen Jahren moskowiti-
scher Verfolgung.
*) Diese historische Auffassung ist nicht nur
von den jüdischen Historikern, wie Brüöer
Schwarzfeld u. a., betont, sondern auch vom anti¬
semitischen Professor A. D. Xenopol zugegeben
worben, der diese Tatsache selbstverständlich von
seinem antisemitischen Standpunkte aus als einen
Landesverrat betrachtet.
grundgelehrter Talmudforscher, den die modern
gewordene Jugend wegen seiner Hyperfrömmigkeit
verhöhnte. Wenn er durch die Gassen schritt, drückte
er sich knapp an die Wand, damit er — Gottbehüte
— kein weibliches Wesen zu Gesicht bekäme. Ein Weib
kam zu ihni mit einer S ch a i l c, ob sie einen
Topf mit Milch, auf welchen Gänseschmalz gespritzt
war, noch weiter verwenden könne? „Ja", antwortete
er „Sie können ihn noch weiter gebrauchen, aber
Sie müssen vorher in dem Boden ein Loch aus-
schlagen". Er hatte den Grundsatz, man müsse die
Kinder gleich von Geburt aus gegen Einfluß von
Hitze und Kälte abhärten. Als ihm ein Mädchen
geboren wurde, legt- er es trotz heftigen Stränbens
der Umgebung an einem eisig kalten Wintertage
vars Fenster, wehrte sich mit allen Kräfte gegen
diejenigen, die ihn hindern wollten und wiederholte
die Prozedur drei Tage hintereinander. Die Folge
war, daß das Kmd. heranwachsend, epileptisch und
blödsinnig wurde. Noch manch andere solcher
Geniestreiche wurden von ihm erzählt, deren Auf¬
zählung aber hier zu weit führen würde. Ei»
zweites Exemplar war Reb Gabriel Broch, ein
ehrenwertes Mitglied der Gemeinde, der aber durch
seine Zerstreutheit oft in die komischesten Situationen
geriet. So soll er einmal in der Küche ein Geschier
mit Gemüse gesehen haben, welches für die ganze
Familie vorbereitet war. Da befiel ihn die Lust,
davon zu kosten. Reb Gabriel vergaß aber es beim
Kosten bewenden zu lassen, und aß in seiner
Zerstreutheit den ganzen Inhalt bis auf den letzten
Bissen auf. An einem regnerischen Tage traf ihn
auf der Straße ein Bekannter, wie er im Schlaf¬
rocke und in Pantoffeln herumging, und als ihn