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Jüdisches Volksblatt
Nr . 9
. uttib bei ' Den unteren Beamten , kaum jedoch
ohtte vorailsgegangcne demagogische Hetzereien
im Volke zutage . GesetzeAverlehungen und
Ncchtsschlltzversaguirg den Juden gegenüber
sind nicht selten . In Ostgalizien fände,r sogar
einige Judenkwwalle statt und die Gerichtsver¬
handlung gegen « die Ruhestörer in Uhnow lieg
deutlich erkennen , das ; die dortigen Machthaber
nicht gewillt sind , den Inden tatsächlich den
Rechtsschutz zu gewähren , den sie dem Gesetze
nach genießen . Die p o l n i f ch e n K ans u m -
g e n o s s e n s ch a f t c n breiten sich mehr und
mehr in den flehten Städten , Dörfern und auf
dem platten Lande aus und machen dem jüdi -
schen Kaufmann und Meinhändler den Brot¬
erwerb vielfach unmöglich . Aber auch beut
jüdischen Handwerker und Arbeiter bietet das
industriearme Land keine Gelegenheit , feilten
Lebensunterhalt zu verdienen . Die Leitung
der vereinzelten Großbetriebe , der Naphtha¬
gruben usw . liegt bekanntlich in der Hand der
polnischen Schlachtet und sucht die jüdischen
Arbeiter , so weit irgend möglich , brotlos zu
machen . . Schlimmer noch als die materielle
Not ist die geistige Armut und ihre Folgen bei
unseren dortigen Glaubensgenossen .
Die Versuche und Anstrengungen der ver¬
schiedenen Bereinigungen und einzelner Per¬
sonen , bie sich speziell für das H i l f s w e r t
in Galizien interessieren , vergrößern sich
von Jahr zu Jahr und auch im abgelaufeneu
Jahre ist eme Anzahl neuer Versuche , die öko¬
nomische und sittliche Lage der Juden in Ga -
llzien . zu bessern , unternotmuen worden . Es
läßt sich zwar mcht leugnen , daß in der ver¬
hältnismäßig kurzen Zeit , während welcher die
großen jüdischen Organisationen ! auch Galizien
in _ den Bereich ihrer Wirksamkeit gezögert
haben , manche schöne Erfolge erzielt worden
sind , aber es darf andrerseits die Ueberzeugung
nicht unterdrückt werden , daß diese außer¬
ordentlichen Anstrengungen der Hilfsgesell -
schaften für Galizien ' viel günstigere Resultate
zur Folge haben würden , wenn u n f c r e
dortigen wohlh ab > endeit ttnd i n -
telligenten G l au b en s g e n o s s en
m t t g rößerer Energie sich Huma¬
nitären B e st r e 6 tt n g e n widmen
und wenn sie aufklärenid auf die Massen wirken
wollten und ihnen das nötige Verständnis für
die humanen Absichten der westlichen Hilfsver¬
eilte , denen jene vielfach mißtrauisch gegenüber¬
stehen , Beibringen würden . Es kann einer An¬
zahl angesehener Personen daher der Vorwurf
einer gewissen Lässigkeit und Gleichgültigkeit
nicht erspart bleiben . Andere stellten sich hin¬
gegen in aufopfernder Weife zur Verfügung .
Namentlich ist die Mitwirkung der Rabbiner
nicht zu entbehren , und ! sie insbesondere haben ,
so oft wir uns an sie wenden mußten , in aner -
ganze Anzahl jüdischer Künstler lebt , die
warme Förderung , kraft ihres künstlerischen
Könnens ebensowohl , als weil sie jüdisch e
Künstler sind , verdienen . Damit soll dem jüdi¬
schen Mäcenatentum Gelegenheit geboten sein ,
neben künstlerischer Entwicklung auch jüdi¬
sches kulturnationales Streben ztl fördern .
— tt —
Buntes Feuilleton .
Theäler - und Kunftnachrichten .
Wie wir erfahren , soll das vor kurzem hier
kur Original aufgeführte Drama „ Die Juden " von
Tschirikow ins Tschechische Übersetzt werden
und im Berlage von O . Dubsky in Prag er¬
scheinen . Einer vor einigen Tagen durch die
Blätter gegangenen Meldung zufolge wurde
Tschirikow in Petersburg verhaftet , jedoch bald
darauf wieder freigelaffen .
„ Moses " , die jüngste Oper Giaeomo Oreftces ,
des in Italien hochgeschätzten Komponisten der
Opern „ Chopin " und „ Cäcilia " , hat bei derUraUf -
führung im Teatro Carlo Feltee zu Genua einen
mtbestrittenen starken Erfolg davongetragen .
Eugene Sue im Hebräischen . Anläßlich des
100 . Geburtstages des berühmten französischen
Romanschriftstellers Eugene Sue ( am 10 . De¬
zember v . I . ) wurde in verschiedenen Zeitschrif¬
ten daran erinnert , welche Berühmtheit der
eigentümliche Roman „ Die Gehetmniffe von Pa¬
ris " setnerzeü erlangt hat . Er wurde rasch in alle
europäischen Sprachen übersetzt und von allen
Bevölkerungskreifen förmlich verschlungen . Die
Wenigsten wissen aber , daß dieser Roman auch
ins Hebräische übersetzt wurde , und zwar von
dem bekannten Hebraisten K . Schulmann in
Wilna . Die Uebersetzung erschien zuerst in
kennenswerter Weise ihren Einfluß in den
Dienst der Humanitär gestellt .
Das Bestreben des Hilfsvereins der
detttschen Inden ging von seiner Begründung
cm dahin , durch Eins ü h t u n g von Hau s -
i n b u st r t e n den galizischen Glaubensge¬
nossen Arbeitsgelegenheit zu bieten .
Sehr interessant ist der Bericht über die
H a a r n e tz i n d u st r i e in Galizien , der
utts ein kleines Bild vom Stande dieser In¬
dustrie gibt . Bon den 04 Ortschaften , in denen
im Jahre 1902 die Haarnetzerei betrieben
wurde , hatten 14 zu arbeiten ausgehört , wäh¬
rend 60 auch gegenwärtig noch Haarnetzerei be¬
treiben . Es gibt aber noch 28 Ortschaften , in
denen derzeit Haarnetze erzeugt werden , ohne
daß von unserer Seite dort Unterricht erteilt
worden tvä re , da runter von 6 Ortschaften jen¬
seits der Grenze Galiziens in Rußland . Die
Haarnetzerei hatte demnach in einer Anzahl
von Orten ( 14 ) nicht Wurzel gefaßt oder nach
kurzem Bestand ! aufgehört , sie hatte sich jedoch
nach andereit Orten ( 28 ) verbreitet .
Was die Zahl der Arbeiterinnen betrifft ,
so kamt ein Vergleich mit den Verhältnissen zu
Ende des Jahres 1902 , über welche Zeit wir
Daten besitzen , nur hinsichtlich 44 von den oben
erwähntett 64 Ortschaften gemacht werden ! , da
von den übrigen 20 Ortschaften entweder für
1902 oder für die Gegenwart die Zahl der
Arbeiterinnen nicht bekannt ist . In diesen 44
Ortschaften gab es Ende 1902 2062 , dagegen
im Oktober 1904 nur 1646 Arbeiterinnen ;
ihre Zahl war daher tu der Zwischenzeit auf
80,2 Prozent gefunken . Wird berücksichtigt ,
daß ein Teil der ausgelernten Arbeiterinnen
immer und überall aus verschiedenen Gründen
bk Arbeit verläßt , so kann Dieser Prozentsatz
noch immer als ein befrkdiigonder bezeichnet
werden . Es darf jedoch . auch nicht verschwiegen
werden , daß wir gehofft hatten , es werde sieh
die Zahl der Arbeiterinnen twtz des in der
Natur der Sache gelegenen Abfalles int Laufe
der Zeit über die Zahl Iben angelernten Arbeite¬
rinnen hinaus vermehren . Die Ursache , warum
diese Hoffnung bisher nicht in Erfüllung ging ,
liegt darin , / daß während des Jahres 1908
durch den Unternehmer , der die Haarnetzerei in
Galizien eingeführt hatte , die Arbeitslöhne
mehrmals herabgesetzt wurden , und - zwar so
bedeutend , daß die Mädchen , insbesondere an
solchen Orten , wo sie im Orte selbst oder in
der Umgebung eine andere Arbeitsgelegenheit
fanden , in großer Zahl die Haarnetzerei auf¬
gäben .
Es muß aber bemerkt werden , daß uns in
der Auswahl des Unternehmers , dem wir die
Einführung der Haarncherei in Galizien cm -
vertraut hatten , keine Schuld beizumessen ist .
Er ist der größte Exporteur Oesterreichs in
Wilna in 4 Bänden ( 1857 — 60 ) und wurde seit¬
dem öfters aufgelegt . Freilich kommen viele
Kürzungen vor , teils aus Rücksichten auf die
russischen — alles Sozialistifche in diesem Roman
— teils aus Rücksicht auf die hebräischen Leser ,
die manches nicht gut goutieren konnten . Die
Sprache des Uebersetzers , biblisch - juristisch , ist
von einem eigentümlichen Retz .
Eine jüdische Stadt . Aus Konstantinopel
schreibt man dem „ Temps " : Kleinasien ist eine
unerschöpfliche Fundgrübe . Bet jedem Karstschlag
fast findet man im Boden dieses Landes einen
Schatz aus grauer Vorzeit . Nach den vielen
archäologischen Entdeckungen der letzten Jahre
hat matt jetzt , im Laufe der Bauarbettett für die
Hedjaz - Bahn , einen neuen Fund von unschätz¬
barer Wichtigkeit gemacht . Man hat vei Aina - 4 -
Baidt - i - Musso oder Tal des Moses die Spuren einer
allen Stadt , die einst von einem der Stämme
Israels bewohnt gewesen sein soll , ans Licht ge¬
bracht . Zu den interessanten Dingen , die man
dort sieht , gehört ein großes Gebäude , dessen
Baustil die Bewunderung aller erregt . Daneben
befindet sich ein großes , halbkreisförmiges
Amphitheater , dessen dicke Mauern mit seltsamett
Zeichnungen und Figuren geschmückt sind . Im
Innern des Gebäudes , das wahrscheinlich ein
Schloß war , befindet sich ein aus hartem Holz er¬
bauter Pavillon, ' seine Form ist sehr elegant , und
er ist gut erhalten . Westlich von diesen Ruinen
erhebt sich öitl Hügel , aus dem sich das Grab
Aarons befindet . Dieser Hügel ist kegelförmig .
In den Tälern , die er beherrscht , befinden sich im
Süden Arba , im Norden Lvths See , im Westen
EllKhalil und das Land der Gazzas und im
Osten Maatt , der gegenwärtige Endpunkt der
Hedjaz - Bahn . Diese ganze Gegend , deren Klima
sehr gesund ist , hat Wafferguellen und ist bepflanzt
mit Fruchtbäumen und mit Weinstöcken , die eine
durch ihren Geschmack unld ihr Aroma berühmte
Trauben liefern . Etwas weiter entfernt liegen
Wälder , in tvelchen man wilde Tiere findet . Das
Haarnetzen unitn bot dädurch die stärkste Ge -
tvähr , daß die Arbeiterinnen unbeschränkt mit
Arbeit versehen werden . Schloß ja doch im
Mai 1904 die ungarische Regierung mit dem¬
selben Unternehmer einen Vertrag zur Ein¬
führung der Haarncherei in Ungarn , worin sic
ihm , lvie wir dent Wortlaute dieses Vertrages
entnehmen , bedeutende Benefizien getnährte ,
viel bedeutendere , als ihm von unserer Seile
zuteil werden konnten .
Tie Folge des Lohndruckes Vieses Unter¬
nehmers war mm die , daß von seinen galizi -
schon Faktoren der Verstich gemacht wurde , mit
anderen Unternehmern in Oesterreich , Deutsch¬
land , ja sogar in England in Geschäftsverbin¬
dung zu treten , ein Verstech , der auch mehrfach
gelang . Dazu kaut , daß in Galizien selbst
jüdische Unternehmer entstanden , die für eigene
Rechnung enweder am Ort ihres Wohnsitzes
oder auch an anderen Orlen Haarttche Unferti¬
gen ließen tmd die Ware im In - oder Attsland
absctzten .
Gegenwärtig ist der erste Unternehmer , der
die Haarnetzerei in Galizien emgefi ' chrt hatte ,
fast vollständig von dort verdräitgt ; er bekommt
nur mehr von einzelnen Faktoren oder selbst¬
ständigen Unternehmern Ware geliefert . Da¬
für gibt es dort ! bereits eine große Anzahl selbst¬
ständiger jüdischer Unternehmer ( Galiziatter ) ,
die mehr oder weniger Mädchen beschäftigen .
Zo läßt einer hiervon cm 31 Orten von 780
Mädchen , ein anderer an 7 Orten von 6 — 600
Mädchen . Haarnetze verfertigen . Endlich wer¬
den auch noch an verschiedenen Orten für ein -
zelne fremde Unternehmer Haarnetze gemacht .
Mir betrachten diese Wendung der Dinge
durchaus nicht für beklagenswert , sondertti viel¬
mehr für vorteilhaft , weil dadurch die Arbeit
tmd der Arbeitslohn nicht mehr von einem
einzigen Unternehmer abhängen .
Die Löhne haben sich zwar gegenüber dem
Tiefstände , auf deu sie der erste Unternehmer
zuletzt im Oktober 1903 herabgodrückt hatte ,
gehoben ; sie sind aber wohl noch immer de -
beülienb niedriger als zu Anfang des Jahres
1903 . Ein fleißiges Mädchen verdient derzeit
3 — 4 K . wöchentlich , ein Arbeitslohn, ' der für
ostgalizifche Verhältnisse nichts Erschreckendes
hat . Wenn ein Fiakerkutscher in Kolomea
eilten Wochenlohn von 7 K . bekommt , womit o :
samt seiner Familie leben muß , so dürfen die
bezeichneten Löhne in der Haarnetzerei durch¬
aus nicht verachtet werden .
Daß der Arbeitslohn sich trotz dev vielen
Arbeitgeber im Laufe der Zeit noch nicht ge¬
hoben hat , rührt daher , daß die österreichischen
Unternehmer sich im Jahre 1903 zu einem
Lohnkartell vereinigten , wodurch fie einen
gleichmäßigen Arbeitslohn für Böhmen ,
Mähren und Galizien , also ' für alle Lander
Ganze bildet eine entzückende , bis jetzt nur wenig
bekannte Oase . Süßes Wasser fließt dort reich¬
lich , in einer Entfernung von zwei Stunden von
Maare befindet sich ein Gebirge , wo man mehr
als 600 Quellen entdeckt hat . Dieses Gebirge , das
die Eingeborenetl Djibeli - Chera nennen , hat eine
große Höhe . Matt erzählt , daß die Beduinen 24 ,
Stunden brauchen , um die Gipfel zu erreichen ;
diese Schätzung ist aber doch sicher übertrieben .
„ Geld gehört zum ISelde . Ein englische «
Bettler der im vergangenen Sommer in Nizza ge¬
storben ist , hinterließ — wte wir seinerzeit mitteilten —
ein Testament , in welchem er den Partser Roth¬
schild zum Erben einsetzte . Er tat dies mit der
Motivierung : „ denn v » eld gehört zum . Gelde " .
Rothschild hielt die Nachricht anfangs für einen
schlechten Witz eines humoristisch veranlagten armen
Teufels . Als es sich jedoch heranssteüte , daß der
„ Bettler " tatsächlich , eine Millionenerbschaft hinter¬
ließ , erkürte Baron Rothschild die Erbschaft
nicht anznnehmen , und sprach den Wunsch aus , daß
nach den legittmen Erben des Verstorbenen geforscht
werde . Diemtt der Nachforschung betrauten Delektives ,
habe « nun tatsächlich in Odessa drei Cousinen des
Bettlermillionärs ausfindig gemacht , welche auch
schon glückliche Besttzermnen von je 200 . 000 Francs
geworden sind .
Der zjonisttsche Nachlaß Theodor Herzls
wivd , tote uns mitgeteilt wird , homitsgegeben von
Professor Leon Kellner , im Monat Äpr > ll d . I .
erscheinen . Das Werk wird zwei Bände umfassen
nrtd ! ben Titel „ Theodor Herzls sämtliche zionisti¬
sche Schriften " führett . Es witzd alle hedeuteuden
Aettßerungen des verstorbetten Führers , wie sie
int handschristlichen Nachlaß und in Publikationen
und Reden vorllegen , enthallen , idazu den ( tm
Buchhandel jetzt vergriffenen , ^ üdeMtaat " . Das
Werk wird ttn „ Jüdischen Verlag , Berlin " ( Vhar -
lottenhurg , Hevderstratze 9/4 ) erscheinen .