JUDSCHE ZEITUNG
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rrrmm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ rVWl
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Nr. 10,
Wien, Freitag, den 12. Marz 1915.
IX. Jahrgang.
Die Sünde unseres Volkes.
Heute büßen wir die Sünde unseres Volkes.
Jahrzehntelang hat die zionistische Idee versucht
in den jüdischen Massen den Willen zur Auto-
emanzipation und zur Selbstbestimmung zu
wecken. Immer wieder ist von der Notwendig¬
keit gesprochen worden, das jüdische Volk müsse
sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, müsse
seinen eigenen Weg gehen und dürfe seine Ge¬
genwart und seine Zukunft nicht anderen an¬
vertrauen: Nur die Gemeinschaft hat ein Recht
chen Stellen überflüssigen Zustromes erwiesen
hätte, wieviel Elend und Not wäre ohne Auf¬
wendung größerer Mittel vermieden worden.
Dafür mußten die einzelnen Komitees in den
österreichischen Städten ganz planlos darauf
losarbeiten, jedes seine : eigene Entdeckung bei
der Versorgung der Flüchtlinge machen, unge¬
stört von den Erfahrungen an anderen Orten,
dab hier Ueberfüllung herrsche, dort die Mög¬
lichkeit weiterer Unterbringung bestände; man
denke nur an die gefährliche Zersplitterung der
beträchtlichen Geldsammlungen.
zu leben, die sich selbst ihre Wirklichkeit häm¬
mert. In unzähligen Reden, Diskussionen, Bro¬
schüren und Zeitungsartikeln ist das Wort vom
Zusammenschluß der Juden, von der Pflicht zur
Selbstbestimmung und der Notwendigkeit einer
namhaften Vertretung gepredigt worden.
Fast wirkungslos sind diese Mahnungen an
der Harthörigkeit des jüdischen Volkes abge¬
glitten. Nur die Klugen und Ehrlichen verstanden
und schufen sich in einer zionistischen Orga¬
nisation eine Körperschaft, die zwar numerisch
klein war, moralisch führend wirken konnte.
Die große Zahl der Juden aber verzettelte ihre
Kraft und ihre Bedeutung, die ihnen vermöge
ihrer Leistungen zukam, in partikularistischen Or-
ganisatiönchen und Vereinen, die bald von hu¬
manitärer Kleinfätigkeit absorbiert waren, bald
als Rechtschutzs*ellen in einzelnen unzusammen¬
hängenden Fällen das Recht der Juden vertraten,
statt ihren Blick auf das Ganze der sozialen und
politischen Stellung der Juden in Oesterreich
zu lenken. Ganz zu schweigen von den Kultus¬
gemeinden, die sich in unmännlicher Feigheit
aut ihr, wie sie immer beteuerten, alleiniges
Gebiet der Kultusfürsorge zurückzogen. Die
Zionisten aber und die nationalgesinnten Juden,
die eine jüdische Politik innerhalb des Rahmens
der jüdischen Gemeinschaft und eine ma߬
gebende Repräsentanz nach Außen forderten,
wurden als Friedensstörer in den Bann getan
und nicht beachtet; hier versagte auch der
führende Einfluß der jüdischen Jugend, die in
ihrer Ueberzahl im Lager der zionistischen Idee
stand.
Solange die ruhigen und gesicherten Ver¬
hältnisse währten, wurde die Anarchie im jü¬
dischen Leben nur bei besonderen Anlässen
fühlbar. Mit dem Ausbruche des Weltkrieges
aber offenbarte sich der Mangel einer allum¬
fassenden jüdischen Organisation, die mutig und
unter Umständen auch rücksichtslos die Rechte
der .Juden und alle ihre Angelegenheiten .zu
verfechten hätte, mit greller Deutlichkeit.
Schon die Flüchtlingsfürsorge verriet unsere
ganze Schwäche und Unfähigkeit. Wohl stand
für alle Juden, die Zionisten inbegriffen, die
Verpflichtung der Regierung, die Versorgung der
Flüchtlinge auf sich zu nehmen, außerhalb aller
Diskussion. Aber wie ganz anders hätte sich
die Situation dieser Unglücklichen gestaltet, wenn
nicht bürokratische Aemter, sondern eine jü¬
dische Organisation mit ihren über die ganze
Monarchie verbreiteten Zweigstellen diesen
Aermsten behilflich gewesen wäre, ihnen mensch¬
liches Entgegenkommen gezeigt und-'kluge Vor¬
aussicht bei der Dezentralisierung des an man-
Der Zionismus als B'uD.
Die /Ententemächte scheinen plötzlich am
Zionismus Gefallen ge'unden zu haben. Vor kur¬
zem erörteten die englischen Blätter die zio¬
nistische Frage und trafen mit großem Eifer
für die Errichtung eines jüdischen Staates —
als Schutzwal'es der ägyptischen Provinz gegen
die Türkei ein. Fast zur selben Zeit wurde ein
mit Lebensmitteln für die arme darbende jüdische
Bevölkerung in Palästina be'adenes amerikani¬
sches Schiff von England gekappert — ein Be¬
weis, wie ernst es die Engländer mit uns meinem
Nun wollen auch die Franzosen nicht zurück¬
stehen. Und so schrieb Gustav Herve, der
bekannte.französische Sozialis : en"ührer und Anti-
militarist an'äßlich der bevorstehenden sozialisti¬
schen Konferenz in London in seiner jetzt täg¬
lich erscheinenden Zeitung „La guerre so-ia'e“
am 12. Februar einen Leitartikel, in welchem
er die Judenfrage behandelt. Seine Ausführungen
gipfeln in folgender Beurteilung der zionistischen
Aussichten: „Wenn man bei Friedensschluß auf
dem Papiere erreichen sollte, — und wir we-den
es erreichen, — daß in diesen Ländern (Po'en,
Rumänien und Rußland) die Juden die Gleich¬
berechtigung bekommen und nicht mehr als
Parias behandelt werden, so werden sie dennoch
jahrelang geistigen Leiden ausgesetzt bleiben.
Die Verfolgungen haben bei Millionen von ihnen
ein nationales Pewußtsein erweckt, welches mit
HaFbmitte’n nicht mehr befriedigt werden ka^n.
— Ich habe lang den Traum der „Zionis'en“,
welche fordern, daß man ihnen das Land ihrer
Väter zurückerstatte, als Chimäre betrachtet.
Zwar haben sich jüdische Kolonien bald da,
bald dort in Palästina gebildet und solche, die als
Musterkolonien wo’’l gezeigt haben, daß in ihnen
die Eigens haf en .h e* Ahnen leben, als Bauern Ju¬
däas und Galiläas zu verrichten. Aber wie konnte
man hoffen, Palästina un*er der türkischen Herr¬
schaft au'erstehen zu sehen ? Dieser vöikerbe-
freiende Krieg muß mit dem Auferstehen der
ältesten Nation, welche die brutale Kraft zer¬
streut, aber nicht bezwungen hat, endigen. —
Juden, die ihr seit zweitausend Jahren auf Erden
wandert, durch Euer Märty-ertum die Ewigkeit
der Völker, die nicht sterben wollen, zeigend
«und bis in die Flammen der Scheiterhaufen
und unter den Messern der Mö' d?r Euren festen
Glauben an den Sieg des Rechtes über die
Macht bekundend, freut Euch: Euer Messias
ist nah 1
Aus diesen Ausführungen geht ganz klar
hervor, daß es sich um eine ganz plumpe Spie¬
gelfechterei handelt. Die heiligsten Hoffnungen,
unseres Volkes sollen als eines der zahllosen
Mittelchen zur Erreichung der Ziele der Entente¬
mächte dienen. Das Schicksal der Juden ist Ne¬
bensache.
Der Krieg - eine
SdiiAsalsstunOe des jüdisdien Volkes.
Unter diesem Titel ist vor kurzer Zeit aus
der Feder des Schriftstellers Wlad. W. Kaplun-
Kogan, des Verfassers des Buches „Die Wan¬
derbewegungen der Juden“ im .Verlage A. Marken
& Weber in Bonn eine interessante Broschüre
erschienen. Der Verfasser bringt hier die theo¬
retisch schon früher ausgesprochene Meinung»
das 19. Jahrhundert habe in den Juden nur
Individuen gesehen, im 20. Jahrhundert aber
müßten die Juden auch als Gemeinschaft, als
Volk zur Geltung kommen, und zwar in Bezie¬
hung zu dem heute besonders in Deutschland
lebhaft diskdtierten Prospekt der Schaffung eines
Pufferstaates aus den westlichen Gebieten Ru߬
lands. Kaplun-Kogan weist hiebei auf die Tat¬
sache hin» daß im Falle an die Realisierung dieses
Projektes geschritten werde, zum ersten Mal
in kompakten Massen zusammenwohnende Juden
in einen modernen freiheitlichen Staat einge¬
gliedert werden. Die Möglichkeit, dab eines der
Wie nötig wäre uns in dieser ernsten Zeit,
die die Schicksale der österreichischen Völker
entscheidet, eine Körperschaft, die im Namen aller
zu sprechen wagen darf, die nicht bittet, sondern
männlich fordert. Und daß sie an den maßge¬
benden Stellen gehört würden, das dürfen wir
ruhig glauben. Die zionistische Parteileitung für
Westösterreich hat in den zahlreichen Fällen,
in denen sie nur auf sich selbst gestützt, inter¬
veniert hat, das beste Entgegenkommen gefun¬
den und stünde heute die gesamte Judenheit
Oesterreichs im Lager der nationalen Idee, uns
brauchte um die Gegenwart und Zukunft unseres
Volkes nicht bange zu sein: die maßvollen For¬
derungen einer energischen jüdischen Partei,
hinter der die große Masse steht, müßten ihre
Erfüllung finden.