CHE ZEITUNG
mmmi - jüdisches drehn wm
Mit Beilage : „ DER JÜDISCHE NATIONALFONDS “ MBlTl fl
JÜDISCHE
H Erscheint wöchentlich . — Redaktion , Administration und Inseratenauinahme : Wien , II . , Zirkusgasse Nr . 33 . — Sprechstunden B
_ täglich von 11 — 12 Uhr vormittags und 4 — 5 Uhr nachmittags . — Manuskripte werden nicht zurückgesteilt . — Abonnementspreise : Für Oester - _
“ reich - Ungarn : Ganzjähr . K 10 . — , halbjähr . K 5 . — , Vierteljahr . K 3 . — . Für Deutschland : Ganzjähr . Mk . 10 . — , halbjähr . Mk . 5 . — , Vierteljahr . ™
B Mk . 3 . — . Für das übrige Ausland : Ganzjähr . Frcs . 15 . — . Einzelexemplare 20 h . — Postsparkassenkonto 133 . 404 . — Telephon 45 . 325 . ■
Nr . 11 .
Wien , Freitag , den 19 . März 1915 .
IX . Jahrgang .
Konzert
zugunsten des Armenambulatoriums des zioni¬
stischen Zentralkomitees im Großen Musik¬
vereinssaal , Mittwoch , den 31 . März .
PROGRAMM :
B e t h oven : Coriolanus - Ouvertiire . Ber ! : oz :
Träumerei u . Capriccio tVioiine : Prof . Arnold
Rose ) . Bach : Arie ( Kammersängerin Frau
Förstel - Links ) . Richard Strauß : Burleske ( Fr .
Wera Schapira - Specht ) .
Nach der Pause :
Gustav Mahler : 3 Lieder aus . Des Kraben
Wunderhorn “ ( Kammersäneerin Frau Förstel -
Links ) . Schubert : H Moll - Symphonie . Or¬
chester : Tonkiinstlerorchester . Dirigent :
Dr Karl H o r w i t z .
IZorton Z “ K 10 . — , 6 . — , 4 - , 3 — , 2 . - und 1 . 50 an
I \ ai ItTiJ d er Kassa der k . k . Gesellschaft der Musik¬
freunde , I . , Karlspiatz 6 , bei Kehlendo fer , I . Krugerstr .
3 , Kartenbüro Thorn , I . , Himnieli ' font . ’ asse 20 und im
Zionistischen Büro , II . Zirkusgsse 33 .
Oie luden in RussisdkPolen .
Wir wissen , es handelt sich hiebei
— ähnlich wie in dem Aufsatze über die
Zensur in der jüngsten Nummer unseres
Blattes — um eine äußerst , sagen wir ,
delikate Frage , an die wir mit möglich -
lichster Vorsicht herantreten müssen ,
sollen unsere Ausführungen nicht von A
bis Z dem Rotstift des Zensors verfallen .
Wir Zionisten , die in unseren Bestre¬
bungen von der unzertrennbaren Einheit
des jüdischen Volkes ausgehen , brauchen
wphl nicht auf den engen Zusammenhang
zwischen uns und unseren Brüdern in
Russisch - Polen besonders hinzuweisen .
Dieses unser Bekenntnis beeinträchtigt
nicht im mindesten unsere Stellung als
staatstreue , österreichische Staatsbürger ,
gehören dochj die Juden in Russisch - Polen
zu den unterdrückten Völkerschaften des
russischen Reiches , deren Befreiung bei
Ausbruch des Weltkrieges von unseren
verbündeten Armeen in einem Aufrufe
feierlichst versprochen wurde .
Wollen wir nun in einigen Worten
die Lage unserer unglücklichen Volksge¬
nossen in Kongreßpolen besprechen , müs¬
sen wir für uns dieselben Rechte in An¬
spruch nehmen wie die Polen . Wenn es
ihnen erlaubt ist , ihre Beschwerden vor¬
zubringen und ihr Leid zu klagen , kann
dies auch uns , einem österreichischen
Volke , dessen Loyalität von keinem an¬
deren Volke übertroffen wird , nicht gut
verwehrt werden . Und was bedeuten die
Schmerzen der Polen gegenüber den
Leiden unseres Volkes , das in diesem ver¬
heerenden Kriege am meisten zu leiden
hatte und immer noch hat , wobei die
Leiden nicht bloß von den Russen zu¬
gefügt werden .
Im Deutschen Reiche , das seinen
Polen gegenüber auch Rücksicht walten
zu lassen ! hat , wird in den Tageszeitungen
und in der jüdischen Presse des langen
und des breiten die Lage der Juden in
Russisch - Polen mit einer Offenmütigkeit '
besprochen , die den deutschen Blättern j
und — der deutschen Zensur nur zur ■
Ehre gereicht .
Man wußte es schon seit langem , daß
die Polen in Russisch - Polen von ihrem
Judenhaß auch in den furchtbaren Tagen
des Weltkrieges nicht lassen können , j
Aber selbst bei Kennern der Sachlage
wirkte wie eine Bombe der im Herbst
erschienene Aufsatz des dänisch - jüdischen
Schriftstellers Georg Brandes , der in
ganz Deutschland und in den freieren
Kronländern Oesterreichs nachgedruckt
wurde und allenthalben großes Interesse
erweckte . Die Ausführungen Brandes '
mußten umsomehr wirken , als er doch
bisher für den feurigsten Vorkämpfer der
Befreiung Polens im Auslande gegolten
und sich für seine eigenen Stammesbrüder
niemals sonderlich eingesetzt hat . Man
konnte daher annehmen , daß seine mit
genauen Daten beleg ( 5en , herzzerreißen¬
den Anklagen auf di £ - ‘ j > oJmschen Anti¬
semiten dämpfend w & ketf ^ imrden .
Weit gefehlt ! Die Lage hat sich nicht
im geringsten geändert , sie hat sich sogar
— wo es noch möglich war — wesent¬
lich verschlechtert . Georg Brandes be¬
weist dies klipp und klar in seinem
zweiten Artikel , der zuerst im Kopenha -
gener „ Politiken “ und dann in alle/ :
deutschen Tagesblättern erschienen ist .
Dieser Aufsatz ist eine flammende An¬
klage gegen den russisch - polnischen Anti¬
semitismus und bringt — ebenfalls mit
genauen Daten belebte — Details über
die Leiden der polnischen Juden , die
selbst die glühendste Phantasie bei
weitem übertreffen . Wir müssen uns
leider versagen , ihn zu veröffentlichen ,
da uns bereits ein Absatz dieses Artikels ,
der in der reichsdeutschen , ja sogar in
einem Teile der ungarischen Presse ver¬
öffentlicht werden konnte , Von,der Zensur
unnachsichtlich gestrichen wurde . Wohl
oder übel müssen wir uns daher mit
einem Hinweis begnügen .
Nur eine Frage erlauben wir uns ,
geehrter Heri - : Zensor ! Ist das jüdische
Volk in Oesterreich denn wirklich vogel¬
frei , daß es auch nicht sein eigen Blut ,
dessen Befreiung — wie wir bereits oben
erwähnt haben — von unserer Armee¬
leitung feierlichst versprochen wurde ,
gegen eine tierische Judenhetze , und
möge sie von welchem Volke immer
herrühren , in Schutz nehmen darf ?
Aber nicht nur im Kriegsgebiete selbst ,
auch im russisch - polnischen Hinterlande ,
das sich hoffentlich nicht lange mehr im
russischen Besitze befinden wird , ja sogar
auf dem Gebiete der Kriegsfürsorge
herrscht der wilde Judenhaß , der umso
verabscheuungswürdiger ist , als er sich
gegen arme Flüchtlinge richtet , die der
Krieg von Haus und Hof vertrieben hat .
Alle jüdischen Zeitungen Amerikas be¬
richten , daß die fortschrittlichen Russen
beschlossen haben , eine großzügige
Sammlung zugunsten der jüdischen
Flüchtlinge in Russisch - Polen einzuleiten
— in Odessa allein sind 200 . 000 Rubel
gesammelt worden — und die einlaufen¬
den Gelder nicht an das allgemeine Für¬
sorgekomitee in Warschau , das von Polen
geleitet wird und die Juden sozusagen
überhaupt nicht beteilt , sondern unmittel¬
bar an das Warschauer jüdische Hilfs¬
komitee abzuführen , das — wie es im
jüdischen Volke von jeher der Brauch
ist — bei der Verteilung von Unterstüt¬
zungen keinen Unterschied der Nationa¬
lität gelten läßt .
Wir Wollen hoffen , daß uns die Zensur
erlauben wird , diese wenigen nüchternen
Tatsachen dem jüdischen Leserpublikum
mitzuteilen . Es ist doch eine billige For¬
derung des jüdischen Volkes , das es an¬
gesichts der großen Opfer , die es für
Oesterreich an Gut und Blut gebracht
hat , nicht völlig geknebelt wird oder
zumindest nicht mehr als andere Völker¬
schaften unseres Vaterlandes , zumal da
eine solche Behandlung gar nicht im
Interesse der Kriegsführung liegen kann .
Unsere Stellung im IMriege .
Der große Weltkrieg , dessen Urheber in
Pe ersburg , London und Paris als dessen angeb¬
liches Ziel unter anderem — die Befreiung und
Gleichberechtigung der kleineren Nationalitäten
hinstellen , hat auch die Judenfrage in ihrem
vollen Umfange aufgerollt . Die Juden kämpfen
seit acht Monaten nicht nur als opferbereite
Bürger in den Armeen für ihr Vaterland ,
nein auch die jüdische Nation als solche
ist auf den Kampfplatz getreten und hat im
allgemeinen Völkerkriege neuerlich Gelegenheit ,
ihre Feinde , aber auch ihre Freunde — echte
und falsche kennen zu lernen .
Daß die Knechte des Zaren , trotz
seines Appelles an seine „ lieben Juden “ , alle
früheren Brutalitäten und Bestialitäten gegen die
Juden im Frieden , nun noch im Kriege in
Russisch - Polen , Galizien , Bukowina , sowie in
Ungarn ins Unendliche steigerten , ist wohr
schmachvoll und verdammenswert , aber nicht
verwunderlich .
Abgesehen von den antisemitischen
Beweggründen , wurden die Juden ja als
unbedingte Kämpfer für den öster¬
reichischen Reichsgedanken allüberall
verfolgt , wo die russischen Kosaken erscheinen .
Der traditionelle Judenhaß der russischen
Machthaber überrascht uns jedoch nicht , wohl
aber ist es einfach unerklärt , daß corrumpiert
durch den wahnwitzigsten C h a u v i n i s m u s , die
französische , englische , ja vielfach auch die
italienische Demokratie nicht nur keine Worte
der Verurteilung für die allrussischen Schandtaten
hat , sondern sie sogar — verteidigt . Wie tief
ist das „ freie “ England gesunken , wenn eines
seiner Hauptorgane , die „ Morning Post “ den
asiatischen Despotismus Rußlands verherrlicht