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Die Beispiele der glorreichen-klassischen Vergangenheit,
die Koryphäen der jüdischen Gelehrtenwelt, die ihr
Studium nicht als Broderwerb betrieben, sondern
kümmerlich von ihrer Hände Arbeit lebten, können
ihm nicht als Ansporn und Muster dienen, denn er
ist schließlich doch zu sehr ein Produkt seiner Zeit,
ein Kind eines halbcivilisirten Landes, in welchem die
körperliche Arbeit verachtet und der Arbeiter gesellschaft¬
lich noch immer als ein Paria betrachtet wird. Da¬
gegen bäumt sich sein einseitiges Ehrgefühl auf
und er zieht es vor, zu verkommen, als zu solch'
einer Beschäftigung zu greifen. Ein Bettelbrief de-
müthigt ihn nicht so sehr, denn die Charaktereigen¬
schaft des Selbstbewußtseins war bei ihm nie stark
entwickelt und dcr bei ihm sihr stark ausgeprägte Er¬
haltungstrieb diktirt ihm von selbst den Schnorrbrief.
Die Achtung seiner Genoffen verliert er auch hier¬
durch nicht.
Im Servilismus ist er ausgewachsen; der gali-
zische, der polnische Jude hat sich immer ducken müssen,
Jammergesichter sind an der Tagesordnung, ein Ge¬
sicht für den Familien-, für den engeren Kreis und
ein zweites fürs Marktgewühl. Der Andersgläubige
hat ihn mit Füßen getreten, sein sogenannter mo¬
tz e r n-intelligenter Glaubensgenosse hat ihn nie
kennen wollen. Von den Juden Deutschlands ist zu
ihm die Kunde gedrungen, daß sie zwar nach galizischen
Begriffen nicht rigoros fromm, dafür aber reich und
sehr wohlthätig seien, Grund genug also, sie anzu¬
schnorren. Galizien ist die ärmste, culturell zurück¬
gebliebenste Provinz Oesterreichs und die wirtschaft¬
liche Nothlage findet in der minimalen Steuerein¬
treibung ihren Ausdruck. Die Handelsbilanz ist eine
passive, der Import übersteigt um ein Erkleckliches
den Erport, trotzdem, daß die Bedürfnisse der Be¬
völkerung sehr geringfügige sind. Es werden kaum
Anläufe zu einer Industrie gemacht, der Kleinbetrieb,
das Handwerk, läßt auch zu wünschen übrig und der
Ackerbau wird nicht rationell betrieben. Galizien
ist verhältnißmäßig zu dicht bevölkert, die Einwohner¬
zahl erreicht die Ziffer von ca. 6 Millionen Seelen
und die jüdische Einwohnerschaft bildet gegen 12
Prozent der Gesammtbevölkerung. Gegen 80 Pro¬
zent leben vom Ackerbau, diese sind aber nicht im
Stande dem Boden so viel zu entringen, um die
Bedürfnisse eines Culturmenschen halbwegs zu be¬
friedigen. Die allgemeine prekäre Lage der agrarischen
Kreise kommt hier doppelt zum Ausdrucke, denn die
Bodencomplexe sind stark zersplittert, aufgetheilt, die
Getreidepreise sinken von Jahr zu Jahr und wenn
der Landmann einen Ueberschuß über seine persön¬
lichen Bedürfnisse zum Markte bringt, so ist der hier¬
für gewonnene Erlös nicht ausreichend, um damit
seine Ausgaben, Steuern, Kleidungsstücke u. s. w.
zu decken. Er ist also nicht kaufkräftig und infolge
dessen leidet auch der Geschäftsmann.
Ein großer Theil des Grundbesitzes concentrirt
sich in den Händen des Hochadels, und diese Herr¬
schaften befriedigen ihre noblen Passionen meisten-
theils im Auslande. Ihre arrondirten Liegenschaften,
der Großgrundbesitz drückt auch auf die öffentliche
Meinung, denn der Großgrundbesitz als solcher ent¬
sendet 20 Abgeordnete ins Parlament und deshalb
haben die Schlachzizen alle Macht in Händen, von
der sie den ausgiebigsten Gebrauch für ihre Kaste
machen. Jeder Pole, der sich zu den besseren Ständen
zählt, spielt den Cavalier, und als solcher kann er
sich zum Radauantisemitismus nicht bekennen. Im
Gegentheil! Er hat seine Paradejuden, diese sind
auf ihren Protektor stolz und dienen ihm unbewußt
als Werkzeug. Der vielvermögende Polenclub im ReichS-
rathe zählt jetzt 6 jüdische Mitglieder in seiner Mitte,
die aber sich nicht mucksen dürfen, denn sie wissen, daß
ihre Wahl nur mit Hilfe der competenten Kreise möglich
war. Pro forma also sind die galizischen Juden im
Parlament vertreten, in Wirklichkeit aber hat das
jüdische Volk keine Repräsentanten, denn der Klub¬
zwang macht jede Initiative unmöglich. Die Herren
Schlachzizen aber paradiren mit ihren jüdischen
„Collegen", weisen mit Emphase den Antisemitismus
weit von sich, während sie ihn im Stillen nachdrück-
lichst prakticiren. Sie stehen an der Spitze einer
jeden Action, die dahin zielt, die Juden aus ihrem
Besitzstände zu verdrängen, unter ihrer Patronanz
entstehen die famosen „landwirthschaftlichen Ver¬
bände" — Rolkardnicze — die eingestandenermaßen
nur den Zweck haben, den Juden den kleinen Handel
zu entreißen. Und was sagen hierzu unsere
Großen? Sie lassen sich in allerhand Vertretungs¬
körper wählen, haben die „Würde" aber ohne „Bürde".
Sie „machen" im polnischen Patriotismus, d. h. in
Chauvinismus, denn ihre Thätigkeit gipfelt darin,
alles was nicht polnisch, zu verdrängen und zu unter¬
drücken. Sie klammern sich an die Rockschöße der
jeweiligen Regierung, tragen dazu bei, jede Volks¬
regung, von welcher Seite immer zu unterdrücken,
treiben allerhand Wahlmißbräuche und wollen nur
ihre Knopflochschmerzen befriedigen. Während man
allenthalben sich angelegen sein läßt, die Lage des
kleinen Mannes zu verbessern, ihn widerstandsfähiger
zu machen, sehen die Gewählten im galizischen Is¬
rael ruhig zu, wie dem kleinen Manne der Boden
förmlich unter den Füßen entzogen wird, wie alles
sich gegen ihn organisirt und sie schlummern gemüth-
lich auf ihren kurullischen Stühlen, die Hände über
denk Schmeerbauche verschränkend. Sie kennen nicht
die Pflichten des Besitzes, haben kein Herz für ihr
Volk und beuten es nur aus, indem sie ihm die
Mandate entlocken, ohne sich bis zur nächsten Wahl
seiner nur zu erinnern. So ist es bei den Wahlen
in die legislativen Vertretungskörper und nicht besser
| geht es bei den Wahlen in die diversen Cultusvor-