%JL%XX. Jahrgang.
M 81
Der Israelit.
Ein
Kentrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum.
Begründet von
Or. gefrommt in Wtvltrrz
Donnerstag, de« 21. April 5658 (1898)«
«Lr 3wet Msrk
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Die GrprLilion -es „Israelit".
Leitende Artikel.
Aönig Drumont.
Von
Wolf Josephsohn.
König Drumont! wo ist denn dieser Judenhetzer
und Deutschenfeind König geworden, hören wir unsere
Leser fragen, hat ihn irgend eine Carnevalgesellschaft
zum König erwählt? O nein, liebe Leser, die Sache
ist ganz ernsthaft, Drumont, über den noch vor
wenigen Monden unsere Brüder in Frankreich spotteten,
ist jetzt zu einer gefährlichen Person geworden, die
wenigstens in einigen Theilen Frankreichs königliche
Macht besitzt und königliche Ehren genießt. Als der
alte Judenhetzer, der Freund Stöckers und der Staats¬
bürgerzeitung, mit dem unsere Antisemiten so gern
gemeinsame Sache trotz seines Haffes gegen alles
Deutsche machen möchten, als dieser Antisemit par
excellence vor einigen Tagen von Paris nach Algier
reiste, glich seine Reise einem Triumphzug. Besonders
der freilich leicht erregbare Süden Frankreichs, dessen
gleich einem Strohfeuer rasch auflodernde Begeisterung
Alphons Daudet so oft treffend geschildert hat,
erwies dem Oberjudentödter fürstliche Ehren. Auf
den Eisenbahnstationen, wie in Marseille am Hafen
erwarteten ihn Deputationen, Bouquet- und Lorbeer«
kränze wurden ihm überreicht, und Ansprachen über
Ansprachen gaben ihm Gelegenheit zu langathmigen
Reden.
Aber um dieses Strohfeuer brauchten die Juden
nicht allzuviel sich zu bekümmern, dagegen nahmen
die Manifestationen einen anderen viel ernsteren
Charakter an, als Drumont fein Reiseziel Algier
erreichte. Wohl empfingen ihn auch hier Deputationen,
Lorbeerkränze, Bouquets und Ansprachen, aber in
Algier ist der Pöbel gewöhnt worden, seine Stimmung
in Exzessen zu zeigen, die die Regierung de- verflossenen
Generalgouverneurs Cambon zu lange geduldet hat,
weil sie gegen die Juden gingen. Zur Feier
von Drumonts Ankunft wurde die Stadt Algier
illuminirt, der aus allerlei fremdem, meist spanischem
Gesindel zusammengesetzte Pöbel der großen Hafenstadt
aber illuminirte auf seine Weise, indem er die
Fensterscheiben, die dunkel blieben und die Schaufenster
der jüdischen Geschäfte demolirte. Die Juden mußten
noch froh genug sein, daß die Regierung rasch Truppen
eingreifen ließ und zwar statt der ganz unzuverläs¬
sigen aus Algierern zusammengesetzten Zuaven, die
Dragoner und Chasseurs, welche man aus Midah
kommen ließ, die denn auch die Straßen räumten
und die Ruhe wieder herftellten, freilich nicht ohne,
daß eine ganze Anzahl von jüdischen Läden wieder
geplündert waren und eine Menge von Juden bei
der Vertheidigung ihres Gigenthums arg mißhandelt
wurden. Selbst an den jüdischen Frauen vergriffen
sich die Exzedenten, die die Tramway- und anderen
Wagen anhielten und die jüdisch aussehenden Insassen
herausholten und prügelten.
Solche Vorkommnisse sind gewiß sehr schlimm,
allein sie dienen doch zur augenblicklichen Klärung
der Situation und zeigen auch den Fernerstehenden,