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nen, so konnte doch vor der französischen Revolution von einer
vollständigen Emanzipation der Juden in der That gar nicht die
Rede seyn. Denn den Juden fehlt ein Wesentliches, wir möchten
sagen, das Wesenlichste, zu ihrer Gleichstellung, wenn ihnen nicht
neben dem Staatsbürgerrechte auch durch die bürgerliche Ehe das
Mittel gegeben wird, aus ihrer separaten gesellschaftlichen Stel¬
lung herauszukommen. Was würde ihnen die Emanzipation hel¬
fen, wenn sie im Leben nach wie vor jener langsamen Tortur
des Haffes und der Verachtung ausgesetzt bleiben, welche eine
nothwendige Folge jener schroffen Stellung ist, und so lange als
diese dauern wird? Aber anstatt es den Juden möglich zu machen,
aus dieser Stellung herauszukommen, machte man ihnen in der
Verblendung des Geistes diese Stellung, an welcher die christ¬
liche Gesetzgebung schuld war, noch gar zum Vorwurfe! — Noch
heute hörte man Manche von der jüdischen „Nationalität" als
von einem Dinge sprechen, welches ihrer Emanzipation im Wege
stehe. — Aber sagt mir doch, was kann denn der gebildete Jude
thun, um aus seiner „Nationalität" herauszukommeu? — Ihr
sagt, er soll sich taufen lassen, — das gibt Euch die Geistesfrei¬
heit nicht ein! — Es wäre mehr als überflüssig, nachdem in die¬
ser Schrift die Emanzipation des Geistes entwickelt worden, auch
nochmals auf das sogenannte „Taufspftem" zurückzukommen. Aber
wir wollen hier von einem Faktum sprechen. Wozu hat es das
Taufsystem gebracht? Tausende von gebildeten Juden, deren
Deutschland, Dank seiner in allen Confessionen verbreiteten In¬
telligenz, vielleicht mehr als das übrige Europa zusammengenom¬
men, zählt, würden keinen Augenblick anstehen, außerhalb ihrer
Konfessionen zu heirathen und ihre Kinder nicht in ihrer Konfes¬
sion zu erziehen, die unter den obwaltenden Umständen nicht au¬
ßerhalb ihrer Konfession heirathen, und ihre Kinder Juden wer¬
den lassen.
Dieses Faktum ist leicht erklärlich. Dem Juden ist es noch in
ganz Deutschland von Staats (!) wegen untersagt, außerhalb seiner
Konfession zu heirathen, es sey denn, daß er sich entweder selbst
erst taufen lasse, oder (wenigstens) zuvor die Verpflichtung ein¬
gehe, alle Kinder aus der gemischten Ehe in einer christlichen
Konfession zu erziehen. — Also das, und noch mehr als das, was
die katholische Konfession verlangt, und worüber das protestanti¬
sche Deutschland so sehr entrüstet ist, wird hier von Seiten des
geistesfrcien Staates verlangt. Wer mag es dem gebildeten Ju¬
den verübeln, wenn er all das Gerade von Geiftcssreiheit für
ein Possenspiel ansirht; und lieber in der Religion bleibt, welcher
er nun einmal durch seine Geburt angehört, als zu einer andern
übergeht? Hat sich denn das konfessionelle Christenthum, sofern
es nicht eben diesen Standpunkt verlassen hat, wie in Frankreich
und Nordamerika, je als die praktische Religion der Liebe erwie¬
sen? — Daß in deutschen Staaten Protestanten und Katholiken
gleichgestellt sind, darf nicht zu hoch angerechnct werden. Einer
christlichen Konfession gegenüber wird freilich kein deutscher Staat
mehr Intoleranz zu Schau trageu, — man mag nicht wieder ei¬
nen dreißigjährigen Krieg herausbcschwören, — das will man
nicht! — Beweist das etwas für die ächte, innere Toleranz? —
Wollt ihr den Barometerstand der Geistesfreiheit kennen ler¬
nen, so müßt ihr das Berhältniß des Staates zu feinen jüdischen
Unterthanen untersuchen. Den Juden gegenüber ist nichts zu
riskiren. Im Gegentheil, man macht sich durch Intoleranz gegen
«Juden populär bei Christen, zu Deutsch: beliebt beim christlichen
! Pöbel. Denn die Kurzsichtigen wähnen, es könne ein Staat wohl
seine verschiedenen christlichen Konfessionen mit gleicher Liebe um¬
fassen, wenn er auch die Juden von dieser Liebe ausschlöffe; ja
hierdurch zeige er sich eben als acht christlicher Staat. So nr-
theilt der Pöbel, — wir urtheilcn anders: Ein Staat der die
jüdische Konfession ausschließt, schließt auch eine christliche aus,
wenn es gerade nicht die seinigc, oder in seinem irdischen In¬
teresse ist. das Gegentheil zur Schau zu tragen, — und ein
Staat der eine christliche Konfession ausschließt, ist weder acht
noch unächt christlich, sondern allenfalls katholisch, oder lucherisch,
oder kalvinisch, oder evangelisch, oder hochkirchlich, oder Gott
weiß was, nur nicht christlich!"
Die Einweihungsfeicr der Synagoge in Charlestown,
war ganz des veredelten Gottesdienstes, welchen man daselbst
einführte, *) würdig. Die amerikanischen Zeitungen sagen dar¬
über u. A.:
„Auch bei Gelegenheit dieser Einweihung finden wir besonders
die Einführung von Instrumentalmusik hervorzuheben, welche
durch ihre sanfte und majestätische Harmonie viel zur Erhebung
der Feierlichkeit beitrug. Wir glauben überhaupt, daß die Ver¬
bindung der Musik mit dem Gottesdienste nicht nur durchaus zu¬
lässig, sondern in dieser Zeit unentbehrlich ist, und daß wir auf
die heilsamsten Folgen ihres göttlichen Einflusses rechnen dürfen.
Wenn von Manchem bezweifelt wurde, ob beim jüdischen Got¬
tesdienst die Musik passend wäre, so glauben wir, daß dieser
Zweifel durch die glückliche Verbindung beider bei dieser Gclegcu-
heit beseitigt wurde. Die Wirkung auf uns war eine heilige Ehr¬
furcht und reines Dankgefühl."
Bon der Rede des Geistlichen rühmen die öffentlichen Bläkter
ebenfalls, daß sie voll sreimüthiger Gedanken und edler Gefühle
gewesen, und führen als Beleg hiezu folgende Stelle an:
„Diese Synagoge ist unser Tempel, diese Stadt
unser Jerusalem, dieses glückliche Land unser Palä¬
stina, und so wie unsere Väter mit ihrem Leben jenen
Tempel, jene Stadt, jenes Land vertheidigten, so
werden ihre Söhne diesen Tempel, diese Stadt, die¬
ses Land vertheidigen, bis der letzte Tropfen unseres
Blutes für unsere Religion und unser Land ver¬
gossen ist."
Doch auch in Europa lichtet sich's immer mehr. So wird
aus Lippe-Detmold gemeldet, daß nicht nur die öffentliche
Stimme jetzt für eine Verbesserung der Lage der Israeliten spreche,
sondern daß auch die Gesetzgebung das Gerechte dieser Forderung
rinzusehen scheine. Ein gleicher guter Geist herrsche unter den
Landständen und sie seien deßhalb den freisinnigen Anttägen der
Regierung mit Bereitwilligkeit entgegen gekommen.
Auch Basel, das in dieser Beziehung, bisher einen so schlech¬
ten Klang hatte, **) scheint endlich der Forderung der Gerechtig¬
keit einiges Gehör schenken zu wollen; wenigstens hat cs den
Anfang damit gemacht, daß es einigen jungen Israeliten daS
Wohnungsrecht gestattete; eine Freiheit, die seit 26 Jahren Nie¬
manden gewährt worden war.
*) S. Nr. 10 dieser Blatter.
•*) ®. Rr. 40 dieser Blätter.