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Viele Rührigkeit auch in den inneren Angelegenheiten (die
stete Folge einer freier« äußeren Stellung) ist aber jetzt in Un¬
garn, und um die Hebung des israelitischen Lebens am sichersten
zu fördern, bat der bekannte Bibelübcrsetzer Bloch in Pesth in
einem Rundschreiben an alle jüdischen Gemeinden Ungarns, auf¬
gefordert, gemeinschaftlich zur Errichtung eines israelitischen Se¬
minars beizutragcn.
Einem in Ost und West veröffentlichten Schreiben des 70jäh-
rigen Sohnes Mendelssohns, Joseph Mendelssohn an
seinen 92jährigen Lehrer Herz Homberg entnehmen wir fol¬
gende interessante Notizen:
"Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen, seit ich
meinen verehrten Lehrer, Herrn Herz Homberg, weder gesehen
noch ihm geschrieben habe. ES würde wohl zu weitläufig sein.
Ihnen inr Einzelnen zu erzählen, wie es mir indessen ergangen
ist, und ich bitte Sie, folgende Resultate mit Wohlwollen zu
hören. — Meine Frau, die ich im,Jahre 1793 geheirathct habe,
lebt, Gott sei Dank, vollkommen gesund und wohl. Ich habe
2 Söhne, von denen der älteste — Benjamin — Professor an
der Universität zu Bonn ist, er hat vor 8 Jahren gcheirathet, ist
aber kindcrlrs bis jetzt. Der zweite, Alexander, ist schon lange
mein Assoeie in der Handlung Mendelssohn und Comp., er ist
beiläufig 20 Jahre verheirathet, hat 4 Söhne und 4 Töchter, alle
gesund und brav. Die älteste Tochter hat sich im vorigen Jahr
verchlicht, und so habe ich jetzt die Hoffnung Urgroßvater zu
werden. Ich bin im vergangenen August 70 Jahre alt geworden,
befinde mich sehr wohl und bin aller meiner Sinne so mächtig,
als ich es je war. Wenn ich das Glück erwäge, welches ich zu¬
nächst Gott verdanke, so vergesse ich nie derer mit Liebe und Dank¬
barkeit zu gedenken, welche mich durch ihre Lehren auf den rechten
Weg gebracht haben, um mein Glück durch Fleiß und Rechtschaffen¬
heit zu gründen. Gott segne es ihnen! — Wenig ist, was ich
Ihnen von meinen Geschwistern sagen kann. Die 3 Schwestern
sind hcimaegangcn, so wie der Bruder Abraham; es lebt nur noch
der jüngste Bruder Nathan und zwar hier in Berlin; es geht ihm
gut und cr hat gutgcartctcte Kinder, die dem Stamm keine Schande
machen werden.
Nachdem ich Sie auf diese Weise in aller Kürze mit meinen
äußern Verhältnissen bekannt gemacht habe, komme ich auf den
Gegenstand, der mich veranlaßt. Sie in Ihrer Ruhe zu stören.
Lesen Sie gefälligst inliegende Anzeige, welche in sehr viele deutsche
Blätter eingerückt worden ist. Sie sehen, mit welchem Unterneh¬
men die Familie umgeht, und ich bin gewiß, Sie schenken dem¬
selben Ihre Theilnahme. Mein Sohn in Bonn hat die Rcdaction
übernommen, und cs wird von allen Seiten dahin gearbeitet, die
Ausgabe so vollständig als möglich zu machen, besonders aber die
Biographie, welche bisher immer nur kläglich gegeben wurde, voll¬
kommen, und so reich als möglich ausgestattct zu liefern. Mendels¬
sohn, der Reformator seines Volkes, ist noch sehr wenig öffentlich
gekannt: wie er seinen Umgang milden stockrabbinistisch-polnischen
Juden, sein Disputiren am Sonnabend über Texte aus dem Thal-
muv offenbar dazu benützte, um die Leute an sich zu ziehen und
sie abzuhalten, daß sie wegen seiner deutschen Schriften nicht ganz
von ihm abficlen und cr allen Einfluß auf sic verlöre, — wie es
ein Hauptzweck war, den er seinem Leben gesetzt hatte: „die Kultur
und sittliche Verbesserung der Juden zu befördern." Von alle dem
wissen die existirenden Biographen wenig, die fast alle nur von
dem deutschen Philosophen sprechen. In dieser Hinsicht rechne ich
gar sehr auf Ihren.Beistand."
Betrachtung am Neujahrsfeste.
(Schluß von j\ü 47.)
Und wo sind "die Pforten der Ewigkeit"? — Im Tempel
Gottes, wenn du in seine Mauern eintretend, all' das tägliche
Treiben des Weltverkehrs zurückließest, wenn du, mit dem Ange¬
sichte nach Osten gewendet, wo die Wonne aufgeht und auch das
geistige Licht besserer Erkcnntniß aufging, dich auf den Flügeln
eines Gebets voll Inbrunst über dich selbst erhebst und vor deinen
göttlichen Vater hintrittst — da stehest du an den Pforten der
Ewigkeit! Oeffne den heiligen Schrein, löse die Bänder der Ge-
fttzesrollen, vernimm, beherzige die Lehren Gottes, die Waruuu-
gen vergangener Jahrtausende! Und ist dein Herz noch nicht zu
enge geworden, noch nicht erdrückt von dem Drucke weltlicher Ge¬
danken, es wird wiederhallen von dem Klange des göttlichen Wortes,
erbeben vor seiner hinreißenden Gewalt. Größere, wunderbare,
heilige Ahnungen werden deine Seele erfüllen, du sichest mit
Gcistes-Auge den Einzug des Königs der Ehren, du fühlst den
allgegenwärtigen Gott, der "in der Versammlung der Betenden
weilet," du stehest an den Pforten der Ewigkeit!
Und wo sind ferner „die Pforten der Ewigkeit" ? — Mahnet
uns nicht Wechsel und Wiederkehr des Jahres selbst an die ewige
Ordnung der Dinge? an jenes wunderbare System der Schöpfung,
deren Jahresfest wir heute gleichfalls feiern, mit ihren rollenden
Welten und grenzenlosen Räumen und Wundern, wo das flüchtig
scheinende eben das bleibende ist und in Wechsel und Bewegung
eben das Gesetz der Sicherheit und Festigkeit sich geltend macht, das
Gesetz dessen, der die Welt einmal schuf, „daß sie nimmer wanket."
Stehe stille an der Grenze der Jahre, laß an dir vorübcr-
ziehen den fliegenden Reihen der Jahreszeiten, die nimmer rasten,
nimmer die Erwartung täuschen, erhebe deinen Blick zu dem Ge¬
wölbe des großen Gotteshauses, wo die Welten mit ihrem Glanz
und ihrem Stcrncngefolge schweigend dahin ziehen — und laß,
was der Heide nicht konnte, laß in dies All' eintreten den König
der Ehren! Wer ist^der König der Ehren? Der Ewige Zebaoth,
der ewige Gott der Wternenheere, von dem cs heißet: „die Him¬
mel erzählen seine Ehre." Laß also eintreten den König der Ehren,
werde dir geistig bewußt, was der Heide nicht konnte, des Schöpfers
dieser Wunder — und du stehest an den Pforten der Ewigkeit!
Und wo sind wiederum „die Pforten der Ewigkeit"? Du
trägst sie in deinem Herzen; denn „auch die Ewigkeit gab Gott
seinen Menschen ins Herz." Unter so vielen Gaben, mit welchen
der göttliche Vater uns schmückte, unter so vielen Verherrlichungen
seines Lieblings, verlieh er ihm vor Allem das Bewußtsein, die
tieft Ahnung der Ewigkeit, als sein schönstes Wiegengeschenk. Wohl
erfüllt diese Ahnung sein Herz mit Sehnsucht, daß er sich hicnieden
nimmer heimisch finden kann, wohl tritt darum, nach jener sinn¬
vollen Andeutung der Weisen, wohl tritt darum das Kind weinend
ins Leben ein, weil ein Engel es zuvor durch das Paradies ge¬
führt; aber in diesen Thräuen liegt Trost und in dieser Sehnsucht
lebt Hoffnung. Darum öffnet euch, ihr Pforten der Ewigkeit!
und lasset einziehen in dies Herz den König der Ehren. Wer ist
der König der Ehren? Der ewige Gott der Stcrnenheere, den
„die prachtvollen Räme deS Tempels, den die grenzenlosen Weiten
des Himmels nicht fassen," den aber das Heiligthum des Herzens
anbetcnd in sich aufnimmt.
«Gott in der Versammlung" Ps. 82, 1.
«Daß üe nimmer wanket--Ps 93, l
«Die Himmel erzählen--Ps. 19, r-
«Die Ewigkeit gab Gott ins Herz--Pr. 2, 11.
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