Der Israelit
des
neunzehnten Jahrhunderts.
Eine Wochenschrift
für
die Kemitniß des israelitischen Lebens/ besonders in religiös-kirchlicher Beziehung.
Herausgegeben
von
I)r. M. Heß,
Großhcr;o.,l. Wcimarschem Land-Ravdinen zu Stavt-Lengssclv bei Eisenach.
Rr. SS. Sonntag, de» «8. Mai 184». IV. Jahrgang.
Nabbinische Gutachten
über die Verträglichkeit der freien Forschung
mit dem Rabbinenamte.
(Fortsetzung von Nr. 21.)
Ueber die Frage:
Was ist Tradition und in wiefern ist sie
im Talmud enthalten?
äußert sich Hr. Landrabbine Friedländer folgendermaßen: !
„Den Beweis dafür, daß das mündliche Gesetz !
(NO min) dem Moses zugleich mit dem schrift- I
lichen (2nD2fr min) von Gott auf Sinai gegeben wor¬
den, glauben die Talmudisten durch eine verschrobene
Erklärung der im 2. Buch Moses 34, 27. befindlichen
Worte: '£> by liefern ZU können. Die Stelle nämlich
heißt: „und der Ewige sprach zu Moses: schreibe dir
auf diese Worte, denn ('O by d. h. wörtlich: auf den ,
Mund) auf den Inhalt dieser Worte habe ich einen !
Bund mit dir und Israel geschlossen.^ Weil—so ver¬
drehen die Talmudisten — es hier nun beißt: „aus den
Mund dieser Worte", so hat Gott nur auf das
mündliche Gesetz einen Bund geschlossen. — (Vgl. Tr.
Gittin 60, 2.) ^ So bemühen sie sich durch grammatika¬
lische Absurditäten die unsinnigsten Behauptungen zu
erhärten, nicht allein an dieser, sondern an vielen ande¬
ren Stellen, die ich nicht anführe, weil — imuin pro
multis!'
„Von dem Vorhandensein eines mündlichen Ge¬
setzes nun sind durchweg im Pentateuch und der heili¬
gen Schrift überhaupt nicht nur keine Andeutungen an¬
zutreffen, sondern wir stoßen hier noch vielfältig auf —
wenigstens indirekte — Beweise gegen ein solches. So
wird namentlich bei den wegen Mangel an Schrift noth-
wendigen Vorlesungen der mosaischen Gesetze in den
Volksgemeinden und für die Volksvertreter, stets nur
auf Befolgung der geschriebenen, nie der mündli¬
chen Gesetze gedrungen; z. B. Jos. 8, 34 u. 35: „und
nachher las er all' die Worte der Lehre, den Segen und
den Fluch, ganz so wie geschrieben stehet im Buche
der Lehre."
„Aber desungeachtet lesen wir im Talmud die Existenz
einer mündlichen Offenbarung als anerkannte That-
sache ausgesprochen, ohne weitere Begründung, ein Pro¬
dukt selbstgefälliger rabbinischer Willkühr."
i „Diese mündlich geoffenbarten Bestimmungen
^ sollen nun — so räsonniren die Talmudisten — weiter
| von Moses an bis zu der Zeit, wo sie schriftlich aufge-
' zeichnet wurden, mündlich fortgepflanzt seien. Wir
sind weit entfernt, die Bedeutung der Tradition unter
den Völkern überhaupt zu mißkennen, weit entfernt, zu
> verabreden, daß Moses und alle folgenden Volksführer
den Belehrung Suchenden oder Zweifelnden die Gesetze
erläutert und daß sich diese Erläuterungen vielleicht auch
im Volke forterhalten haben. So wenig man aber z. B.
bei dem Gewohnheitsrechte sagen kann: „diese Gewohn¬
heit hat der oder jener zuerst aufgebracht, sie dem oder
jenem mitgetheilt und dgl. mehr, so wenig können wir
die von den Gegnern Geigers oben angegebene Arr der
Fortpflanzung des mündlichen Gesetzes als unbedingt
wahr gelten lassen. Nur eine Stelle gibt es über die¬
selbe im Talmud. Tract. Aboth 1, 1 heißt es nämlich:
„Moses empfing die Lehre am Berge Sinai, und überr