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Dr. M. Ehrenpreis: Boris Schatz.
B. SCHATZ.
DENKMALSENTWURF.
II.
Schatz wurzelt mit seinem Können und Em¬
pfinden in der Judengasse, und was er schafft,
trägt ihren Stempel. Das ist seine starke und
schwache Seite zugleich. Er hat kein Auge für
den Reiz des formvollendeten menschlichen Leibes,
für den machtvollen Ausdruck überschäumender
Kraft, für die tiefe Poesie der Linien. Er hat
nicht umsonst seine goldigsten Jahre im freudlosen
Bethamidrasch verlebt; er ist auch als Künstler der
gebeugte, verdüsterte Ghettojude geblieben, der das
Golus in Thon formt. Das Golus, — noch nicht
das Judentum. Das ist nicht dasselbe. Hierin
gleicht Schatz den meisten Schaffenden im heutigen
Judentum. Was heute in Litteratur und bildender
Kunst als jüdische Kunst gilt, ist zum grossen
Teile nur Goluskunst. Darin liegt ein grosses
Miss Verständnis, Denn es giebt Judentum vor
und neben dem Golus, diesseits und jenseits
vom Ghetto. Aber in unseren Litteratur- und
Kunstschöpfungen begegnen wir nur sehr selten
dem vorexilischen Judentum und fast nie dem
neuen Juden von heute. Sie Alle erzählen uns
von denselben Hausierern und Melamdim, Schad-
chonim und Krämern, von demselben grauen und
hoffnungslosen Elend eines gefängnisartigen Daseins.
Sie malen die Form oder den Inhalt, den Körper
oder die Seele dieser finsteren Welt, aber iminer
bleiben sie innerhalb ihrer Mauern. Der neue
Jude, der Jude von heute mit seinem neuen
Glauben und seinen neuen Hoffnungen, ist für
diese Kunst noch nicht geboren. Zu viel Arme¬
leutegeruch ist in ihr und zu viel Jammer und
Trübsal. Und man möchte doch fürs Leben gerne
auch ein wenig froh werden.
Auch das Jüdische, das ich bei Schatz finde,
ist Goluskunst, noch nicht Judenkunst. Auch er
steckt noch ganz im Ghetto und hat noch kein
Auge und kein Ohr für das werdende jüdische
Leben jenseits vom Ghetto, für das gesunde,
junge, zukunfts¬
freudige Juden¬
tum, das vor
unseren Augen
zur Höhe, zu
seiner Höhe'em¬
porstrebt. Seine
Kunst ist düster,
wie unser Leben
düster ist. Er hat
auch bisweilen
Humor, aber
Golushumor (der
Schadehen); er
meisselt bisw r eilen
zarte Poesie, aber
Goluspoesie (Se¬
gen des Rabbi,
Hawdala). Nur in
seinem „Makka-
bi tt spricht er eine
andere Sprache,
die neue und alte
Sprache des freien
und aufrechten
Juden. Diese
herrliche Statue
mutet mich an ß. SCHATZ. IM KRIEGE.