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F. P.: Zur Landfrage im Zionismus.
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wird, durch das Gebiet von El Arisch gehen
muss. Man kann sich also leicht vorstellen, welche
Bedeutung dieser Landstrich dann haben wird.
Es ist daher ausserordentlich zu begrüssen,
dass das zionistische Aktionskornite sein Augen¬
merk auf diesen Landstrich richtet, dessen Bedeu¬
tung schon seit geraumer Zeit nachdrücklichst her¬
vorgehoben wird. Gewiss ist El Arisch nur im
Stande, einen verhältnismässig kleinen Teil der
Auswanderer aufzunehmen. Praktisch ist es und
der Anfang einer Tätigkeit, deren nationale Bedeu¬
tung jedoch gross werden könnte.
Auch vom Charterstandpunkte muss man sich
ja sagen, dass eine Besiedlung der Grenzländer
Palästinas eher die Grenzen dieses Landes der
jüdischen Einwanderung öffnen kann als alles
andere. Aber mindestens muss man sich darüber
klar sein, dass man einmal doch auf die Nachbar¬
länder zurückgreifen muss, denn die Aufnahme¬
fähigkeit Palästinas ist ja nicht unbegrenzt.
Also warum dann nicht mit ihnen anfangen
und die Juden lieber konzentrieren, als durch die
fortwährend grösser werdende Diaspora einer spä¬
teren Zusammenfassung Schwierigkeiten in den Weg
legen?
APHORISMEN.
1. Der Zionismus ist ein mächtiger Liebesfrühling
nach einem hundertjährigen Winter. Diese Ueber-
winterung der jüdischen Volks- und Staatsidee und
ihr Aufblühen im Zionismus ist rein biologisch eine
der erstaunlichsten Erscheinungen der Menschheits¬
geschichte. Moralisch und kulturell bestätigt der
Zionismus glänzend, welche Ewigkeitswerte im Ge¬
heimnis des Blutes und im treuen Glauben an seine
Reinheit als Rasse-Erscheinung liegen.
2. Vom Zionismus ist, soweit sich die Dinge
von unserer heutigen Aussichtswarte überschauen
lassen, wenn nicht eine endgiltige Lösung der
Judenfrage, so doch eine der stärksten Bewegungen
zu diesem Ziele zu erwarten.
3. Im Zionismus ist zweifellos einer der grössten
Kulturfortschritte zu erblicken: Er hat im Juden¬
tum eine ungeheure Summe von Idealität mobil
gemacht und der jüdischen Seele eine Schwung¬
kraft verliehen, die auf sozialem und geistigem Ge¬
biete, in Werken neuer Schönheit und Lebensver¬
edlung sich betätigen wird.
Dr. M. G. Conrad (München).
Aus dem „General-Anzeiger für die Gesamten
Interessen des Judentums".
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„Der Jude, von allen Seiten zurückgestossen,
immerfort auf sich selbst angewiesen, zieht sich in
sich selbst zurück und vermehrt die Stärke des
Gemüts, auf sich selbst zu beruhen, immer mehr.
Die Eigentümlichkeit der Lehrgegenstände und
Lehrweise (der Rabbinischen Schule) hielt die in
ihr Beschäftigten von aller Berührung mit der Welt
zurück und stumpfte so den Sinn für die Aussen-
welt völlig ab, indem sie selbst in den trägsten
Köpfen den Sinn für geistige Beschäftigung er¬
weckte. Mit dieser Ertötung der sinnlichen Reiz¬
barkeit ist denn naturgemäss äüsserste Mässigkeit,
Gerechtigkeitsliebe und somit sittlicher Lebens¬
wandel in religiösen Schranken verbunden."
Dr. L.. Phiiippson in seinem Charakterbild:
„Baruch Spinoza".
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„Auch der gebildete Kaufmann verlangt, dass
sein Knabe einige Kenntnisse des Lateinischen und
Griechischen erlangt, nicht weil sein künftiger Beruf
es erfordert, sondern weil eine allgemeine höhere
Bildung dadurch erweckt wird. Gilt es jedoch die
Erlernung des Hebräischen, welches den Juden in
innige Verbindung mit Vergangenheit und Gegen¬
wart setzt--so begegnet man häufig der Frage:
cui bono? zu welchem Zweck! — Als ob Unter¬
richt nicht überhaupt Erziehungsmittel wäre! —
So lange nicht ein jüdisches Selbst- und Ehrgefühl
ein lebendiges Bewusstsein von der grossen Auf¬
gabe des Judenthums und seiner Bekenner ein
gerechter, freier Stolz auf die Grossartigkeit der
jüdischen Geschichte, der ein jeder Jude als ein
Glied mit angehört--so lange diese Güter den
Kindern nicht übertragen werden, ist ihnen die
volle innere Einheit entzogen, ein mächtig
wirksamer Sporn zur Ehrenhaftigkeit und
Tüchtigkeit der Gesinnung abgestumpft, ein
begeisterndes Gefühl in ihnen ertötet".
Abraham Geiger: nachgelassene
Schriften, I. Bd. S. 348.