358
POLITISCHE REVUE.
Die grossartige Millionenstiftung, die Baron Hirsch
in hochherziger Weise dem jüdischen Volke gemacht
hat, beschäftigt zur Zeit die öffentliche Meinung im
hohen Masse. Unter den verschiedenen Stiftungen
dieses jüdischen Philanthropen nimmt die unter dem
Namen Jewish-Colonisation-Association bekannte den
ersten Rang ein. Nicht weniger als zweihundertund¬
fünfzig Millionen Francs hat Baron Hirsch zu dem
Zweck bestimmt, vielen Juden aus solchen Staaten, wo
ihnen die bürgerliche Gleichberechtigung vorenthalten
wird, zu nehmen und sie nach solchen Staaten zu über¬
siedeln, wo eine solche Beschränkung nicht besteht. Es
wurde in der Stiftungsurkunde ausdrücklich bestimmt,
dass die Zinsen dieses Kapitals alljährlich zu dem an¬
gegebenen Zwecke verausgabt werden müssen; eine
Ansammlung der Einkünfte ist somit statuarisch ausge¬
schlossen. Bekanntlich hat Baron Hirsch bei Lebzeiten
selbst mit dem Kolonisationswerk in Argentinien den
Anfang gemacht, auf das man damals grosse Hoffnungen
setzte. Mit der russischen Regierung wurde ein Ver¬
trag abgeschlossen, wonach die J. C. A. alljährlich eine
bestimmte Anzahl Juden (mindestens 25,000) aus dem
russischen Reich nach dem Auslande zu überführen hätte.
Anderenfalls bleibt die bei der Regierung hinterlegte
Kaution verfallen.
Baron Hirsch hat die Aktien dieser Gesellschaft zu
gleichen Teilen den jüdischen Gemeinden von London,
Berlin, Frankfurt a. M., Paris und Brüssel übergeben,
die somit diese bedeutende Stiftung zu verwalten haben.
Es muss nun leider konstatiert werden, dass sich die
Erwartungen, die man ursprünglich in das Millionen¬
geschenk gesetzt hatte, nur zum kleinsten Teil verwirklicht
haben. Das Kolonisationswerk in Argentinien will nicht
so recht gedeihen, und da die J. C. A. alljährlich die
Zinsen ihres Kapitals verausgaben muss, so zog sie vor,
dies für das sogenannte innere Hilfswerk zu verwenden.
Die Not der Juden in Russland ist zweifellos ungeheuer
gross, und es giebt überall im jüdischen „Ansiedelungs¬
gebiet" genug Elend zu steuern. Die russische Re¬
gierung sieht es nicht ungern, dass die vielen Millionen
in Russland selbst Verwendung finden, und so besteht
sie nicht auf ihrem Schein, die Kaution für verfallen zu
erklären. Es wurden in den letzten Jahren mehrere
gemeinnützige Einrichtungen auf Kosten der J. C. A.
ins Leben gerufen, insbesondere wurde der Versuch
gemacht, in den grossen Zentren des Ansiedelungs¬
gebiets, wo die Wohnungsverhältnisse der armen jüdi¬
schen Bevölkerung unbeschreiblich schlecht sind, billige
Wohnstätten zu schaffen. Auch für Volksküchen, Kinder¬
asyle und dergleichen philantropische Werke trat die
J. C. A. mit grossen Spenden ein.
An sich sind diese Werke gewiss gut und segens¬
reich, aber es kann doch nicht in Abrede gestellt werden,
dass sie nicht dem Inhalt der Stiftungsurkunde und der
Absicht des edlen Stifters entsprachen Baron Hirsch
hat bei Lebzeiten und letztwillig auch für solche
humanitäre Zweck viele, viele Millionen gespendet, aber
mit seiner grossen Stiftung hatte er eben ein anderes Ziel
vor Augen. Er wollte viele Juden zum Ackerbau und
zu landwirtschaftlichen Betrieben überhaupt erziehen
und nicht etwa die Not in den russischen Ghetti durch
kleine Gaben für den Augenblick lindern. Es war ein
nationales und kein lokales Hilfswerk, dem er die
Viertelmilliarde widmete. Mit Recht wird es daher in
vielen Kreisen getadelt, dass die Verwaltung sich nicht
streng an die Bestimmungen des Statuts halte. Die
öffentliche Meinung drückte seit Jahren ihre Unzufrieden¬
heit mit dem Vorgehen der J. C. A aus, was umsomehr
berechtigt war. als die Verwaltung sich bisher konsequent
in Schweigen hüllte und kein Strebenswörtchen von
ihrem Tun und ihrer Absicht verlauten liess. Im Zeit¬
alter der Oeffentlichkeit musste diese verletzende Be¬
handlung der jüdischen Oeffentlichkeit Aerger und
Misstrauen hervorrufen. Für dieses hochmütige Gebaren
einer jüdischen Stiftungsverwaltung lag gar kein Grund
vor, und selbst wenn alles zum Besten bestellt gewesen
wäre, müsste man diese Geheimtuerei und die bureau-
kratische Missachtung des Publikums entschieden ver¬
urteilen. Dazu kommt jetzt der Umstand, dass in Er¬
fahrung gebracht wurde, wie es in Wahrheit mit
dem Werk der J. C. A. bestellt ist. Das jüdische Volk
hat ein gutes Recht, zu erfahren, was mit den Hunderten
von Millionen gemacht wird, die Baron Hirsch den
unterdrückten und rechtlosen Juden vermacht während
er die reichen Gemeinden in Westeuropa bloss als Ver¬
walter bestimmt hat. Die Millionen gehören nicht diesen
Gemeinden, sondern den osteuropäischen Brüdern Bei
dem herrschenden Elend kann die J. C A den an sie ge¬
stellten Ansprüchen mit den Erträgnissen der Stiftung
kaum genügen und es verlautet jetzt, dass sogar das
Kapital bereits angetastet worden sei.
Erst jetzt erfährt man ein klein wenig davon, was
am grünen Tisch bisher geschah. Es ist tieftraurig.
Die Mehrheit der Kuratoren hat sich dafür entschlossen,
das Kolonisationswerk überhaupt aufzugeben und die
Einkünfte der Stiftung ausschliesslich für philanthropische
Zwecke zu verwenden. Was bisher nur provisorisch
und illegal geschehen ist, soll jetzt offenkundig und defi¬
nitiv werden. Die englische Regierung wurde ange¬
gangen, eine Parlamentsakte zu erwirken, kraft welcher
die Stiftungsurkunde eine dahingehende Abänderung er¬
fahren solle. Nur in London weigert man sich, dem zu¬
zustimmen. Freilich sind die Herren in London eben¬
falls nicht geneigt, die Millionen zweckmässig zu ver¬
wenden; sie wollen nur neue Experimente in Brasilien
oder, sollte im Laufe der Zeit eine Kommunikation mit
dem Mars hergestellt werden, auch dort Ansiedelungsver¬
suche machen. Sie weisen den Gedanken weit von sich
mit den Millionen vielleicht eine gründliche Lösung der
ewigen jüdischen Frage zu beginnen. Aber jedenfalls hat
die englische Minderheit wenigstens den Vorteil für sich,
dass sie den Bestimmungen der Stiftung nachkommen
will. Hingegen muss man dem Plan der Mehrheit mit
aller Entschiedenheit widersprechen. Seit Jahrtausenden
hat man das jüdische Volk mit kleinen Spenden mehr
in seiner Tatkraft herabgedrückt, als es gestärkt und
gefördert; die hunderte von Millionen sollen nicht wieder
dem Schnorrertum anheimfallen. Eine solche Stiftung, die in
der jüdischen Geschichte vereinzelt dasteht, soll nicht
zu Pfennigspenden verzettelt und zerstreut werden. Vor