Revue der Presse.
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Wieder einmal hat in London eine Volksver¬
sammlung getagt, die gegen „die Missstände der über¬
mässigen Einwanderung" protestiert hat. Es wurde viel
volkswirtschaftliche Weisheit und Vaterlandsrettung und
selbstverständlich auch das unvermeidliche, sehr reich¬
liche Quantum Humanität verzapft. Der bekannte Major
Evans-Gordon, der Held des Tages, ebenso wie alle
anderen Redner, bekämpfen die Einwanderer nicht
etwa als Fremdbürtige oder Bekenner einer fremden
Religion, ei, bewahre, sie erklären sich sogar gern bereit,
jeden, der einen solchen Standpunkt einnähme, zu ver¬
achten und ihn mit einem chinesischen Mandarin oder
einem spanischen Inquisitor zu vergleichen. Während
der ganzen Versammlung vermied man es sorgfältig,
das Wort Jude auch nur zu erwähnen. Man schämt
sich in England immerhin, sich zum kontinentalen Anti¬
semitismus zu bekennen, ja, auf jener Versammlung hat
man sogar den Antisemitismus in den Grund und Boden
verdammt, man beklagte aufrichtig und herzlich die
Greuel von Kischinew und Hornel, man schwang sich
sogar zu dem Bekenntnis auf, dass an der ganzen Ge¬
schichte „nur verschiedene ausländische Regierungen
schuld seien, die durch Unduldsamkeit und Ungerech¬
tigkeit ganze Bevölkerungsklassen aus der Heimat ver¬
jagen." Man wolle daher nur versuchen, die heimische
Bevölkerung möglichst vor Schaden zu bewahren und
zu diesem Behuf die Einwanderung regulieren. Regu¬
lieren, — das heisst: wer einen vollen Beutel hat, der
sei uns willkommen, wer aber nichts als einen knurrenden
Magen und ein Paar fleissige Hände mitbringt, vor dem
verschliessen wir unsere Tore! Es ist interessant, der
Grundanschauung nachzugehen, aus der diese ganze
Agitation gegen die Fremden erwächst. England für die
Engländer! Das heisst: einem jeden Volk steht innerhalb
der ihm von Natur und Geschichte zugewiesenen Länder¬
grenzen das ausschliessliche Hauseigentümerrecht zu
und es darf jeden, der von aussen her einzudringen
versucht, um sich unter den Einheimischen niederzulassen,
ungescheut vor die Thür setzen. Sehr schön. Es ist
freilich nicht viel Humanität, nicht viel kultureller Sinn
in dieser geographischen Weltanschauung, die sich auf
die farbenbestrichenen Grenzpfähle stützt und ein Erbteil
aus der Höhlenbewohnerzeit zu sein scheint. Aber Me¬
thode ist darin. Nur müsste man diese Methode kon¬
sequent durchführen. Hat jeder innerhalb seiner Grenzen
ausschliessliche Herrenrecbte, dann muss auch jeder
innerhalb seiner Grenzen schön zu Hause bleiben; darf
niemand meine Grenze beschreiten, so darf auch ich
niemandes Grenze beschreiten Nun gibt es kein Volk
in der Welt, das so viel Gelüste nach fremden Ländern
trägt, als das englische, keines streckt seine Fangarme so
weit aus nach allen Weltgegenden, wie das englische.
England den Engländern! Gut, aber was ist England?
Nicht nur das Inselheim im Nordwesten von Europa,
nein! Vier Fünftel von Afrika, die Hälfte von Asien,
R PRESSE.
ganz Australien, ein gewaltiges Bruchstück von Amerika,
zahllose Punkte und Inseln über den ganzen Erdball
verstreut, — das alles ist England. Der Rest unseres Pla¬
neten ist nach englischen Begriffen „noch nicht Eng¬
land' 4 . Und von allda stünde den Söhnen Albions das
Recht zu, jeden „Nichteinheimischen" zu entfernen, in¬
sofern ihr ökonomisches Interesse es ihnen vorteilhaft
erscheinen Hesse. Den Nichteinheimischen bliebe bald
nichts übrig, als - von unserem Planeten auszuwandern,
um für den anglosächsischen Stamm Platz zu machen.
Ein paar sonst in der Oeffentlichkeit nicht bekannte
Herren haben vor kurzem in Berlin eine „Vereinigung
deutsch-nationaler Juden" gegründet, welche sich die
in ziemlich unklare Worte gefasste Aufgabe gestellt hat,
„den gesellschaftlichen wie den Rassenantisemitismus
durch die Pflege und Förderung deutsch-nationaler Ge¬
sinnung und Betätigung in allen Kreiseri und Schichten
des Judentums zu bekämpfen." Von der Zugehörigkeit
zur Vereinigung ausgeschlossen bleibt „jeder, der auch
nur im entferntesten sozialdemokratische Tendenzen
billigt oder unterstützt" Einen Mangel an „deutsch-
nationaler Gesinnung", d.h. an Anhänglichkeit und Liebe
zum Vaterlande in allen Kreisen und Schichten des
Judentums, haben bisher nur die „gesellschaftlichen und
kassenantisemiten", wie auch andere Antisemiten ver¬
schiedenen Kalibers verspührt. Sonst fühlte wohl
niemand das Bedürfnis nach einem Verein, der spe¬
ziell unter den Juden die Anhänglichkeit und die
Liebe zum deutschen Vaterlande wecke und verbreite.
Wer aber der Ansicht ist, dass die deutschen Juden in
dieser Beziehung hinter ihren christlichen Mitbürgern
zurückstehen und eines besondern Nachhilfeunterrichtes
bedürfen, der sollte sich der schönen Aufgabe um ihrer
selbst willen unterziehen, ohne dadurch auf die Be¬
kämpfung des Antisemitismus abzuzielen. Da aber die
Herren die Sozialdemokratie als Schädling der deutsch¬
nationalen Geginnung ansehen, so fänden sie ausserhalb
der Reihen des Judentums ein ungleich weiteres Feld
für ihre Tätigkeit, als unter den Juden. Seltsamerweise
hat die neue Vereinigung — der übrigens die Kreuz¬
zeitung ihren Segen erteilt und ihre Hilfe zugesagt hat —
zu ihrem Organ eine Zeitung gewählt, die sich „Tole¬
ranz'' 4 nennt.
Die Waisen der Qpfer von Kischinew haben vor
kurzem auf dem Umweg über Wien- Triest Europa ver-.
lassen, um sich nach Palästina zu begeben, wo sie eine
neue Heimat finden sollen. Es begleitete sie Herr Bei¬
kind, ein verdienter und bewährter palästinensischer
Pädagoge. Die Kinder waren in Wien Gegenstand
herzlicher Aufnahme von Seiten der dortigen Zionisten.
Auch andere Gesellschaftskreise wetteiferten darin, den
armen Kleinen ihre Sympathien zu bezeugen.
Der Prozess gegen die Ruhestörer von Kischinew
hat begonnen und dürfte etwa sechs Wochen dauern.
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