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Eva Mirjam: Aus der „Jargon"-Welt.
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Verlagsunternehmungen, die jeder Tag neu ge¬
biert, an der inneren Emanzipation des Volkes
in eigentlichem Sinne, an der inneren Ent¬
rechtung des Volkes trotz aller äusseren Ent¬
rechtung. Jahrbücher, Sammelwerke, einmal er¬
scheinende Monatshefte, Bücherserien lösen ein¬
ander in hastiger Folge ab, dass selbst der
Fleissigste und — Reichste kaum nachkommen
kann. Perez ist wieder auf dem Plan. Er hat
einen alten Lieblingsgedanken wieder aufgegriffen
und gibt jetzt „Die jüdische Bibliothek"
heraus: „ A literarisch - populär - wissenschaftlicher
Journal. Zweit Heften jährlich. Zu sechs Druck-
boigen a Heft". „Und der Programm? — Der
Alter! — Bildung? — Gewiss! Es is sehr
leicht geben Ezaus (Ratschläge) vun der Heich
(Höhe). Schwerer is, dos niedrige zu heiben, es
soll allein kuken auf Welt im Leben vun a
groisser. Heich". Hoffentlich glückt's. Wenn
auch das erste Heft, das in so schmucker Ge¬
wandung erschienen ist, seiner ganzen Anlage
nach einen höherstehenden, literarisch schon vor¬
gebildeten Leserkreis sich zu Gaste ruft. — —
Allein, wenn auch die einzelne Schöpfung
untergeht, die Ganzheit der literarischen Ver¬
jüngung bleibt bestehen. Mag der Klang ver¬
hallen, der Akkord verschweben. Die gewaltige
Symphonie des jungen Neulebens braust durch
unsere Gemeinschaft und weckt immer frischere
Kraft und drängenden Keim zum Lichte empor.
Es ist ein Blühen und Sprossen wie selten zuvor,
seitdem in den Tagen Herzls der national¬
jüdische Gedanke in zionistischer Prägung seinen
segnenden Siegeszug begonnen. Er wird auch
im Westen wirken — Wunder wirken: denn
noch stehen wir da wie Verwaiste. ...
MARIE DILLON.
Von G. Syrkin (Minsk).
In der Reihe jüdischer Künstler darf wohl
auch der Name der tüchtigen Bildhauerin Dillon
nicht fehlen, von deren Leben und Wirken wir
im Nachfolgenden eine Skizze geben wollen.
Marie (Minna) Dillon ist im Jahre 1858 in
Ponewesh (Gouvernement Kowna) von jüdischen
Eltern geboren. Ihr Vater Israel Leib war dort
lange Zeit an der Akzise-
Verwaltung angestellt, solange
dieselbe noch in den Händen
von Pächtern war. Im An¬
fange der 70 er Jahre schaffte
die Regierung die Verpach¬
tung des Branntweinhandels
ab und mit ihr die Anstellung-
jüdischer Beamten. B. Dillon
siedelte dann nach St. Peters¬
burg über, wo er längere
Zeit als Privatadvokat lebte.
Diese Uebersiedelung kam
Marie sehr zugute. Sie be¬
kam dort eine regelmässige
Schulbildung, die auch
ihren Kunstsinn weckte.
Auf mannigfache Anregung
trat sie in die Kaiserliche
Akademie der Künste ein,
wo sie fleissig arbeitete und
für Schülerarbeiten, 5 Jahre
hintereinander, silberne Me¬
daillen bekam. Im Jahre 1888
wurde ihr an der Akademie - Ausstellung für
ihre Statue „Andromeda" die goldene Medaille
und damit der Grad einer freien Künstlerin zu¬
gesprochen.
M. Dillon ging dann nach Paris und Italien,
um dort die Meisterwerke zu studieren. Von
jetzt an finden wir in vielen Kunstausstellungen
alljährlich ihre Werke, die
meist hohe Anerkennung
fanden. Viele ihrer Statuetten,
Büsten und Studienköpfe
sind überall verbreitet. Von
ihren Statuen sind hervor¬
zuheben: „Die Verzärtelte",
„Die Sklavin", „Die Eigen¬
sinnige", dann „Ophelia"
und „Tatiana". Von ihren
Porträtbüsten sind frappant
ähnlich die ihres Vaters und
des bekannten hebräischen
Dichters Leon Gordon. Sie
hat auch viele Denk- und
Grabmäler modelliert; so
das Denkmal des Kaisers
Alexander IL für die Stadt
Tschernigow, des russischen
Mathematikers Lobatschewski
für Kazanj, das Grabmal
des Ministers Hybbeneth,
des Schriftstellers Danilewski
MARIE DILLON.
u. v. a.