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ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT ^ ^ FÜR MODERNES JUDENTUM .
Herausgegeben
unter Mitwirkung von Künstlern , Gelehrten
von
LEO WINZ .
und Schriftstellern
Bezugs - und Insertions - Bedingungen auf der letzten Textseite .
Alle Rechte voibehalten .
Heft 7
Juli 1904
IV . Jahrg .
UNSERE LAGE .
Von Dr . S . Bernfeld .
Die politischen Ereignisse , die zurzeit alle
Welt in Spannung halten , und deren Folgen noch
gar nicht abzusehen sind , haben einen grossen
Teil des jüdischen Volkes , und zwar gerade den¬
jenigen Teil , der auch ohnedies den Gegenstand
unserer Sorge bildet , stark in Mitleidenschaft
gezogen . Und wie die Dinge nun liegen , wird
auch die westeuropäische Judenheit von ihnen
berührt werden . Es handelt sich in diesem Falle
nicht um eine elementare Katastrophe , die , mag
sie noch so gross und schwer sein , immerhin
nur eine zeitliche Störung der gewöhnlichen Zu¬
stände und Verhältnisse bedeutet . Mit Geld lässt
sich diese Sache nur zum kleinsten Teil gut
machen . Wir müssen für die nächste Zeit mit
einer grossen Emigrationsbewegung rechnen ,
die auch ohne Förderung und Unterstützung von
aussen gewaltige Dimensionen annehmen wird .
Der Strom scheint sich diesmal über Kanada ,
weniger über die Vereinigten Staaten von Nord¬
amerika und Südafrika ergiessen zu wollen . Auch
die südamerikanischen Staaten , insbesondere
Argentinien und Brasilien , werden wohl
grossen Zuzug seitens der osteuropäischen Juden
erhalten . Und wie man sich auch zu diesen
Vorgängen stellen mag , jedenfalls bedeuten sie
eine grosse Umwälzung in der Geschichte der
Judenheit , gleich jener , die gegen Ende des
fünfzehnten Jahrhunderts infolge der Vertreibung
der Juden aus Spanien und Portugal eintrat , und
auch der andern , die um die Mitte des siebenten
Jahrhunderts anlässlich der Judenverfolgungen
durch Chmelnitzki vor sich ging .
Man wird hier und dort helfend und leitend
eingreifen , und zweifellos werden die philan¬
thropischen Institutionen der Judenheit nicht un¬
tätig bleiben angesichts des Massenelends , das
sich jetzt in seiner schrecklichsten Gestalt zeigt .
Es liegt mir fern , den Wert dieser Hilfe an sich
herabzusetzen . Aber niemand kann sich ein¬
bilden wollen , dass die geleistete Hilfe in einem
auch nur halbwegs richtigen Verhältnis zu der
herrschenden Not stünde . So grausam es auch
klingen mag , so ist es doch nur die Feststellung
einer geschichtlichen Erfahrung , wenn wir sagen ,
dass ein grosser Teil der vom Unglück betroffenen
zugrunde gehen muss , während jene , die sich
retten konnten , in der neuen Heimat zu einer er¬
träglichen wirtschaftlichen und sozialen Lage
gelangen . So erging es unseren Stammesgenossen ,
als sie von Spanien und Portugal verjagt worden
sind . Viele von ihnen haben nie sicheren
Boden unter ihre Füsse bekommen ; sie wurden
in Not und Elend aufgerieben . Freilich ist man
in unserer Zeit wenigstens in der technischen
Hilfeleistung fortgeschritten , und so ins Blinde
hinein , wie vor vierhundert Jahren , werden die
wandernden Juden nicht herumgeworfen worden .
Wenn auch die meisten Auswanderer in
andere Weltteile hinauswollen , so steht fraglos