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Benjamin Seff: Mausenel.
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Nation unterschlüpfen könnte. Dort angelangt, spielt
er sich nach kurzer Zeit auf den Chauvinisten hinaus,
erteilt Unterricht im neuen Patriotismus und verdächtigt
alle, die nicht sind wie er. Dabei begeht er die wunder¬
liche Inkonsequenz, sich von den Juden loszusagen
und zugleich in ihrem Namen zu sprechen. So kommt
■es, dass wir manchmal von ernsten Freunden unserer
Sache die Bemerkung hören müssen: „die Juden selbst
wollen ja vom Zionismus nichts wissen". Die Juden?
Nicht doch! Nur Mauschel nicht! Kein wahrer Jude
kann Antizionist sein, nur Mauschel ist es.
Wohlan, er sei es. Das macht uns von ihm frei.
Das ist eine der ersten, eine der wohltätigsten Folgen
unserer Bewegung. Wir werden erleichtert aufatmen,
wenn wir diese Leute, die wir mit heimlicher Scham
als Volksgenossen behandeln mussten, ganz und gar
los sind. Sie gehören nicht zu uns — aber wir auch
nicht zu ihnen! Sieht man nun schon allmählich,
welch eine gesunde Volksbewegung unser Zionismus
ist; wie wir dahin gelangen werden, uns von den
schmachvollen Elementen zu säubern? Weg mit der
faulen Duldung. Wir brauchen über Mauscheis Streiche
nicht mehr zu erröten, wir brauchen sie nicht zu ver¬
schweigen, nicht empfindsam zu verteidigen. Ah, wir
sind Narren? Nun so verrückt sind wir nicht, noch
länger für Mauschel die Verantwortung zu tragen.
Mehr noch: der Feind soll wie ein Feind behandelt
werden. Herunter von der Kanzel, Mauschel, die du
als Protestrabbiner missbrauchst, wir wollen erst wieder
in die gereinigten Synagogen gehen, in denen gute
Juden als Rabbiner auch für die Armen beten. Hinaus,
Mauschel, aus allen Vertretungen des jüdischen Volkes,
das du nicht zu kennen behauptest. Und ist es wahr,
dass nur die Gedrückten, nicht die Mächtigen am
Zionismus hängen, dann soll die versammelte Kraft
der Unglücklichen aufgeboten werden. Wir wollen
sehen, wie sich die Dinge gestalten, wenn wir den
Bo) T kott auf allen Gebieten gegen Mauschel ausgeben.
Wenn wir alle die förmlich von uns absondern,
die sich gegen unsere Volksgemeinschaft verwahren,
wird man in diesen Ausgeschiedenen eine seltsam ge¬
mischte Gesellschaft zu sehen bekommen. Da ist der
Finanzier, der so viel Butter auf dem Kopf hat, dass
er sich vor einem ebenso verdächtigen Mauschel. vor
dem journalistischen Erpresser, fürchtet und diesen
füttert. Da ist der Advokat mit einer Kundschaft, die
sich an den Grenzen der Paragraphen aufhält. Da ist
der rotgeschminkte Politiker, der jetzt den Sozialismus
betreibt, ausnützt und entwertet. Da sind die zweifel¬
haften Geschäftsleute, die falschen Ehrbaren, die
heuchlerischen Frommen, die verlogenen Biedermänner,
die findigen Ausbeuter . . .
Mauschel, nimm dich in acht! Da ist eine Be¬
wegung, von der selbst die Judenfeinde gestehen, dass
sie nicht verächtlich ist. Es soll ein Abfluss unglück¬
licher, wirtschaftlich und politisch schwerbedrohter
Menschen nach einer dauernden Heimstätte unter
rechtlichen Sicherheiten eingeleittt werden. Dagegen
sträubst du dich, Mauschel? Das willst du durch Per-
fidien verhindern, weil du keinen unmittelbaren Vorteil
für dich siehst? Was hast denn du jemals iür deine
„Brüder" getan? Entehrt hast du sie, geschadet hast
du ihnen, und wenn sie sich nun selbst helfen wollen,
fällst du ihnen in den Arm. Mauschel, nimm dich in
acht! Der Zionismus könnte es halten, wie Teil in
der Sage. AVenn sich Teil anschickt, den Apfel vom
Haupte seines Söhres zu schiessen, hat er noch einen
zweiten Pfeil in Bereitschaft. Misslänge der erste
Schuss, dann soll der andere der Rache dienen.
Freunde, der zweite Pfeil des Z'onismus ist für
Mauscheis Brust bestimmt!
THEODOR HERZL.*)
Von Baronin Bertha von Suttner
Von seiner Schönheit will ich reden. Wie
ein assyrischer König war er, und dabei doch
*) Frau Bertha v. Suttner schreibt ims aus Krumpendorf
a. Wörther See:
Geehrter Herr Redakteur!
Ihr Expressbrief ist mir nachgeschickt worden; ich bia auf
Reisen und fahre auch heute in einer Stunde fort von hier;
also habe ich nur Zeit, wenige flüchtige Zeilen über das
verlangte Thema hinzuwerfen — und wer weiss, ob die
rechtzeitig eintreffen?
Es war ein gar herber Verlust für das Judentum und
fürs Edelmenschentum, dass dieser herrliche Afensch so vor¬
zeitig hingerafft wurde! Ihre ergebene
1. VIII. 1904. ß. Suttner.
ein moderner Gentleman. Von seinem AVerke
(ein Riesenwerk: nichts minderer als die Grund¬
lagen eines Staates), von den blitzenden Kleinodien
des Geistes, die seine Feder verschwenderisch
ausgestreut, wird in diesem Sammelhefte in Fülle
gesprochen werden — vielleicht hat man seine
äussere Schönheit (als wäre sie gegen die
anderen Gaben nicht des Beachtens wert) zu er¬
wähnen vergessen. Sie gehörte aber zu der
Harmonie dieses harmonischen Menschengebildes,
dessen Seele auch ganz Schönheit war. Und
zwar vom selben Typus wie die seinerErscheinung:
vStolz und Feinheit.