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SO SEHE ICH IHN . . .
Von Dr. Isidor Eliaschoff {Warschau).
Nachdruck verboten.
Den ganzen Herzl spiegelte seine Erscheinung
wieder. Mit seinem Tode verschwindet eine der
herrlichsten Gestalten, die wir miterlebten. Glück¬
lich mögen sich alle die preisen, die diese Schön¬
heit hatten kosten dürfen, und deren Erinnerungs¬
vermögen den Jahren trotzt, deren Einbildungskraft
auch das Plastische, Farbige hervorzuzaubern
vermag.
Wie in jeder personifizierten ästhetischen
Kraft lag das Organisatorische streng in
seinem Wesen. Nicht die Macht und die Neuheit
seines Gedankens hat uns geeinigt, sondern der
unbewusste Rhythmus seiner schönen Seele. Der
Ton einer Violine bringt in ordnungslos zerstreute
Sandkörnchen eine reizvolle Symmetrie hinein.
Das Herzl-Phänomen hat das Judentum inter
nationes national gemacht.
Es lag etwas Faszinierendes in diesem Mann
mit den Zügen eines monumentalen Assyriers.
Er besass jenes geheimnisvolle Etwas, das einem
Lionardo-Bild, einer Michel-Angelo-Statue eigen
ist. Man nennt es Leben. Besser wäre es noch,
flutendes Leben zu sagen. Auch wir be¬
sitzen es, ähnlich dem winzigsten Meertierchen;
jedoch trag und blass in der Erscheinung, ohne
Rhythmus, farbenarm.
Bei Herzl war es anders, was er war, war
er voll und ganz in der Erscheinung.
Es lag ein souveräner Zug in jeder seiner
Bewegungen. Die Sicherheit seines Auftretens
schloss jeden Widerstand aus. Wir waren vielleicht
manchmal die Gescheiteren; er aber stets der
Schönere.
Was wir an ihm bewunderten, war die totale
Voraussetzungslosigkeit in jeder Aeusserung
seines Wesens. Wie ein Tröpfchen primären
Lebens wusste er nichts von Vorgänger- und
Epigonentum. Seine Seele rechnete nicht mit
den präexistierenden Hemmungen; wie ein neuer
Adam, der aus dem Nichts kam, wie der ge¬
borene Vonvärtsblickende hatte er den stolzen
Glauben, dass die Dinge nur von vornher
herannahen dürften .... Diese Voraussetzunos-
losigkeit, diese gänzliche Verkennung aller
Hemmungen deuteten wir manchmal als Be¬
schränktheit, als Regenten-Naivität. Wir besassen
aber nie den rechten Willen, diesem herrlichen
Sabbatkind Steine in den Weg zu legen. Kann
man denn einer Apostelgestalt ernstlich zürnen,
dessen Züge selbstbewusst-naiv verkünden: mit
mir hat die Schöpfung begonnen? Wir waren
vielleicht manchmal die Gescheiteren, er war aber
stets der Schönere.
Herzls Antlitz sagte in tausend Variationen:
mit mir hat die Schöpfung begonnen. Und das
internationale Judentum, das nur in der Gestalt
amorpher individueller Existenzen mit einem
schwankenden sozialen Empfinden fortvegetierte,
hat abermals eine alte Bibelstimmung erlebt, die
mit den sechs Schöpfungstagen beginnt. Das
jüdische soziale Empfinden, zerrieben infolge
systematischer Verkennung und Geringschätzung,
hat dank Herzls in dem Kongress-Zionismus, der
„das Judentum unterwegs" symbolisieren soll,
einen kräftigen Stützpunkt bekommen.
Schemenhafte, innerlich unsichere Gestalten
umgaben die Kongress-Tribüne. Es fehlte noch
der konkrete Jude. Und er kam in der
Gestalt von Theodor Herzl. Die Festigung
unseres sozialen Empfindens wäre nur halb ge¬
schehen, stände nicht ein Herzl an der Spitze
des Kongresses, dessen ganzes Wesen auch mit
schweigenden Lippen von innerer Sicherheit,
von Selbstvertrauen, Vorwärtsstreben, hoher
Selbstachtung und vollkommener Souveränität des
Menschen, als einzigen Schöpfers seines Schicksals
sprach.
Mit dem Tode Herzls haben wir den einzigen
konkreten Juden verloren; das lebende Symbol
unserer ehemaligen bodentesten Vergangenheit,
unserer schwankenden, weit abliegenden Zukunft.
Wir haben ein herrliches lebendiges Symbol be¬
graben müssen. Und glücklich mögen sich preisen
die, welche sagen können: Wir haben ihn ge¬
schaut: er lebt in uns, uns ist er kein Toter.